Kevin Maier
Journal für Psychologie, 34(1), 187–206
https://doi.org/10.30820/0942-2285-2026-1-187 CC BY-NC-ND 4.0 www.journal-fuer-psychologie.deAusgangspunkt des Beitrags ist die Diagnose einer Krise zeitlicher Orientierung unter spätmodernen Bedingungen. Er untersucht, wie die Klimabewegung Fridays for Future auf diese Krise reagiert und dabei neue normative Maßstäbe setzt. Ausgehend von einer wissenssoziologischen Perspektive auf Zeit als einem normativen Ordnungsprinzip wird in einer Fallanalyse der Blogreihe »Sommer der Utopien« (Fridays for Future 2021) rekonstruiert, wie im Diskurs der Bewegung unterschiedliche Zeitmodi narrativ verknüpft werden. In ihrem Zusammenspiel entsteht die Fallstruktur einer arrangierten Kontingenz, in der Möglichkeiten und Verbindlichkeiten perspektivisch aufeinander bezogen werden. Als Ausdruck einer spätmodernen Suchbewegung nach zeitlicher Kohärenz unter Bedingungen radikaler Kontingenz lässt sich hieraus ein utopischer Zeitimperativ ableiten, der Kontingenz durch moralische und politische Verantwortlichkeit bearbeitbar macht.
Schlüsselwörter: Zeitsoziologie, Wissenssoziologie, Normativität, Kontingenz, Utopie, ökologische Krise, Zeitimperativ
Arranged Contingency
On the Temporal-Normative Orientation of Fridays for Future
The point of departure of this article is the diagnosis of a crisis of temporal orientation under late-modern conditions. It examines how the climate movement Fridays for Future responds to this crisis and establishes new normative standards. From a sociology of knowledge perspective that conceives of time as a normative ordering principle, the case analysis of the blog series »Summer of Utopias« (Fridays for Future 2021) reconstructs how different temporal modes are narratively interwoven within the movement’s discourse. Their interplay gives rise to the case structure of arranged contingency, in which possibilities and obligations are perspectivally related to one another. As an expression of a late-modern search for temporal coherence under conditions of radical contingency, a utopian temporal imperative can be derived from this structure, which renders contingency manageable through moral and political responsibility.
Keywords: sociology of time, sociology of knowledge, normativity, contingency, utopia, ecological crisis, temporal imperative
Die spätmoderne Zeiterfahrung steht im Zeichen einer eigentümlichen Spannung: Einerseits eröffnet sich ein Feld immer neuer Möglichkeiten, das durch Prozesse der Pluralisierung, Flexibilisierung und Beschleunigung stetig weiter entgrenzt wird. Andererseits breitet sich in ihr ein Gefühl der Orientierungslosigkeit aus – vertraute Ordnungsmuster verflüchtigen sich und verlieren ihre verbindliche Kraft (vgl. Bauman 2003). Bereits Georg Simmel hat in seinem als klassisch geltenden Aufsatz »Die Großstadt und das Geistesleben« (Simmel 1995) die Ambivalenzen moderner Zeiterfahrung angedeutet. Das gesteigerte Lebenstempo des urbanen Alltags ermöglicht neue Spielräume individueller Entfaltung, führt jedoch zugleich zu Überforderung und Abstumpfung. Während das Subjekt mit Blasiertheit und Reserviertheit auf die Reizüberflutung reagiert, zwingt ein »übersubjektives Zeitschema« (ebd., 120) von Pünktlichkeit und Berechnung es zugleich in die festen Rhythmen des städtischen Lebens. Damit markiert Simmels sozialpsychologische Perspektive früh jenes Spannungsverhältnis zwischen individueller Autonomie und kollektiver Zeittaktung, das unter spätmodernen Bedingungen eine krisenhafte Zuspitzung erfährt.
Besonders deutlich tritt diese Krise im Wandel des historischen Bewusstseins hervor. In der klassischen Moderne wird Geschichte zunächst als gerichteter Prozess entworfen, in dem sich Erfahrungsraum und Erwartungshorizont (vgl. Koselleck 2022) voneinander lösen und die Zukunft als grundsätzlich neu und gestaltbar freigelegen. Auf dieser Grundlage konnte sich der Fortschritt als genuin geschichtliches Leitmotiv etablieren, das der Moderne ihre normative Erwartungsstruktur verlieh. Mit der Spätmoderne verliert diese lineare Logik zunehmend an Überzeugungskraft. Hartmut Rosa (2017) beschreibt dieses Phänomen mit dem Konzept der dynamischen Stabilisierung. Moderne Gesellschaften können ihren gegenwärtigen Status nur erhalten, indem sie sich permanent steigern – d. h. ökonomisch wachsen, technologisch innovieren, zeitlich beschleunigen (ebd., 673). Dieser strukturelle Steigerungszwang generiert zwar fortlaufend neue Möglichkeitsräume, untergräbt jedoch zugleich auch die Vorstellung einer kontinuierlich besseren Zukunft. Das lineare Fortschrittsnarrativ weicht damit einer allgemeinen Erfahrung von Gleichzeitigkeit. Im Zuge dieser Kontingenzüberforderung kennt Geschichte »keinen Fahrplan mehr« (Schauer 2023, 231), sondern zerfällt in eine Vielzahl unverbundener Entwicklungen.
Was geschichtsphilosophisch häufig als das Ende der Geschichte (vgl. Fukuyama 1992) bezeichnet wird, bedeutet soziologisch die Erosion einer Zeitordnung, die Zukunft verlässlich mit Verbesserungen gleichsetzt. Paul Virilio (2002) hat hierfür die vielzitierte Metapher des rasenden Stillstands (ebd.) geprägt. Sie beschreibt die paradoxe Erfahrung spätmoderner Zeitlichkeit, in der sich soziale Veränderungsprozesse einerseits stetig beschleunigen, während historische und biografische Entwicklungen zugleich zu stagnieren scheinen (Rosa 2016, 460ff.). Die daraus resultierenden Symptomatiken sind vielfältig beschrieben worden. Mit der Flexibilisierung ökonomischer und sozialer Strukturen löst sich die Erwartung dauerhafter Stabilität auf. Biografien und Arbeitsverläufe zerfallen in episodische Sequenzen, die durch Projektlogiken, kurzfristige Verträge und permanente Anpassungen bestimmt sind (vgl. Sennett 2010). Offenheit bedeutet hier nicht mehr Gestaltbarkeit, sondern »Unlesbarkeit« (ebd., 81). Was zunächst als Befreiung aus dem »stahlharte[n] Gehäuse« (Weber 2016, 171) der Rationalisierung hervorging, geht einher mit einer zunehmenden Fragmentierung von Lebenszusammenhängen, in der sich kohärente zeitliche Orientierungen auflösen und Identitäten nur noch situativ, in wechselnden Kontexten und Rollen, hergestellt werden können (Rosa 2016, 352ff.). Zeit verliert somit ihre normative und sinnstiftende Funktion – sie wird zu einer Ressource, die von Augenblick zu Augenblick stetig neu organisiert werden muss. In genau dieser »Entkopplung von Zeit und Sinn« liegt, wie Alexandra Schauer (2023) feststellt, »das verbindende Moment zwischen den geschichtsphilosophischen Diagnosen eines Endes der Geschichte und dem sich im Alltag ausbreitenden Gefühl eines rasenden Stillstandes« (ebd., 239).
Nicht zuletzt aufgrund der Krisenerfahrungen der jüngeren Geschichte – wie etwa der ökologischen Krise oder globaler Finanz- und Pandemieerfahrungen – verschiebt sich in dieser Perspektive das Zeitbewusstsein von der Erwartung stetiger Verbesserungen hin zur Antizipation von Krisen und Risiken – ein Wandel, den Andreas Reckwitz (2024) als Ausdruck eines »grundsätzlichen Zukunftsverlusts« (ebd., 307) deutet. Zukunft stellt sich nicht mehr als gesicherter Horizont der Verheißung dar, sondern als unsichere Dimension, die stets zu kollabieren droht. Besonders eindrücklich zeigt sich diese Verschiebung im Kontext des Klimawandels, der die Endlichkeit planetarer Ressourcen und die Irreversibilität ökologischer Kipppunkte ins Zentrum des Zeitbewusstseins rückt und dadurch eine Haltung permanenter Alarmbereitschaft hervorruft (ebd., 309ff.). Beschleunigungsprozesse, zunehmende Unsicherheiten und ökologische Dringlichkeiten sind Ausdruck einer zeitlich-ökologischen Krise, in der die gesellschaftliche Steigerungslogik mit der Eigenzeitlichkeit ökologischer Verläufe in Konflikt gerät. Diese Konstellation verstärkt das Bedürfnis nach neuen normativen Zeitreferenzen, die kollektive Verbindlichkeiten schaffen und politische Handlungsfähigkeit sichern.
Der Beitrag nimmt diesbezüglich die Klimaorganisation Fridays for Future in den Blick. Klimabewegungen sind zuletzt Gegenstand zahlreicher sozialwissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Während quantitativ orientierte Arbeiten vor allem das soziodemografische Profil, die Motivlagen und politischen Einstellungen von Protestierenden adressieren (vgl. Wahlström et al. 2019), richten qualitative Ansätze den Fokus auf subjektive Deutungen politischen Engagements, diskursive Aushandlungen von Zukunftsnarrativen und Generationenkonflikten oder die alltagspraktische Herstellung von Aktivismus und Protestformen (vgl. Ferreira da Silva et al. 2025; de Moor 2022; Kaiser und Keyser 2024; Nisbett und Spaiser 2023). Zeitliche Bezüge werden dabei häufig thematisch mitgeführt, meist ohne jedoch explizit als eigenständige Ordnungskategorie konzeptualisiert zu werden. Der vorliegende Beitrag knüpft hier an, indem er den Diskurs von Fridays for Future empirisch und theoretisch fundiert auf seine zeitlich-normativen Strukturierungen hin befragt und Zeit dabei als zentrales Medium kollektiver Orientierung fasst.
Zu diesem Zweck wird zunächst die theoretische Rahmung entfaltet, die Zeit in ihrer normativen Qualität konzeptualisiert und begründet (Abschnitt 2). Darauf aufbauend erfolgt eine verdichtete Darstellung der Befunde (Abschnitt 3). Die Basis hierfür bildet eine auf Grundlage der Grounded Theory (Strauss 2004) durchgeführte rekonstruktive Analyse der von Fridays for Future initiierten Blogreihe »Sommer der Utopien: Eine Roadmap für die Zukunft« aus dem Jahr 2021, in der Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und zivilgesellschaftliche Akteur*innen in fünfzehn Beiträgen sowie einem Abschlussbericht, der die zuvor entwickelten Positionen zusammenführt, ihre Vorstellungen einer klimagerechten Zukunft formulierten. Abschließend werden die Ergebnisse in einen theoretischen Zusammenhang spätmoderner Zeitlichkeit rückgebunden und im Hinblick auf ihr transformatives Potenzial diskutiert (Abschnitt 4), bevor eine kurze Einordnung der zentralen Erkenntnisse in den weiteren Forschungskontext den Beitrag beschließt (Abschnitt 5).
Zeit ist nicht neutral, sie ist ein Aspekt der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit (vgl. Berger und Luckmann 2018). Sie manifestiert sich in individuellen Wahrnehmungsweisen, Alltagspraktiken und kulturellen Deutungsmustern und gilt als »grundlegender Ordnungsfaktor […] unter dem jegliches Kulturobjekt gesehen werden kann« (Schmied 1985, 5). Zeit ist diesem Verständnis nach weder eine durch kosmische, natürliche Prozesse vorgegebene Größe, noch ist sie ein bloßes Produkt des subjektiven Bewusstseins, sie emergiert stattdessen aus dem »Rhythmus des sozialen Lebens« (Durkheim 2014, 39). Sie ist mit Norbert Elias (1984) als menschliche Fähigkeit zur Synthese zu begreifen, die natürliche Abläufe, soziale Prozesse und individuelles Erleben miteinander verschränkt. Damit wird Zeit zu einer symbolischen Ordnungsleistung, die es erlaubt, heterogene Erfahrungs- und Ereignisebenen in Abhängigkeit zum gegenwärtigen zivilisatorischen Entwicklungsstand in ein gemeinsames Bezugssystem zu integrieren (ebd., XXIV).
Essenziell für das wissenssoziologische Verständnis einer sozialen Zeit (vgl. Sorokin und Merton 1937) ist ihre phänomenologische Fundierung, das meint die Art und Weise, in der Zeit im Bewusstseinsstrom erst als Erlebnisform hervorgebracht wird. Diesem Bewusstseinsstrom entspringen die elementaren Strukturen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die das Fundament jeder Erfahrung bilden und zugleich die Bedingung der Konstitution von Sinn darstellen (vgl. Husserl 2013; Schütz 2016). Erst durch die wechselseitige Synchronisation von Erlebnisströmen und die kommunikative Abstimmung von Handlungen in leiblicher Ko-Präsenz (Mead 1969, 259, 321; Schütz 2016, 143ff.) gewinnen diese Zeitstrukturen intersubjektive Verbindlichkeit und werden in der Folge zu gefestigten sozialen Institutionen, die über die konkrete Situation hinaus Bestand haben. In Form »sozial objektivierte[r] Zeitkategorien« (Luckmann 2007, 178), verankert im gesellschaftlichen Wissensvorrat, wirken sie schließlich als kollektiv verfügbare Orientierungsmuster, die fortan alltägliches Handeln koordinieren, Erwartungshaltungen prägen und als selbstverständlich erfahrene Rahmenbedingungen in das subjektive Zeiterleben »zurückkehren«. Auf diese Weise enthalten die sozialen Zeitkategorien der Alltagswelt einen moralischen Geltungsanspruch. Sie gewinnen dadurch normative Verbindlichkeit, die weit über die zeitliche Einteilung von Handlungssequenzen – etwa durch Uhren, Kalender, Fahrpläne, Öffnungszeiten etc. – hinausgeht. Solche zeitlich-normativen Muster reichen von alltäglichen Routinen – wie etwa Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit – bis hin zu »biographische[n] Schemata« (ebd., 185) – wie etwa Karriereerwartungen, Familienkonzeptionen oder Ruhestandsvorstellungen –, die gegenwärtiges Handeln in den übergreifenden Verlauf von Lebens- bzw. Weltzeit einbetten. Diese Orientierungen werden nicht nur institutionell wirksam, sondern entfalten sich ebenso in symbolisch-narrativen Vermittlungsformen, in denen Zeitordnungen erzählbar, erfahrbar und kulturell plausibilisiert werden.
Konnte nun der »imperative Charakter« (Elias 1984, 117) der Zeit in der klassischen Moderne noch relativ stabile Verbindlichkeit erzeugen – in Form von linearen Fortschrittserzählungen, standardisierten Arbeitsrhythmen und vorstrukturierten Biografien –, geraten diese zeitlichen Ordnungsprinzipien in der Spätmoderne zunehmend unter Druck. Die normative Semantik von Fortschritt, Berechnung und Planung wird unter den Bedingungen von Beschleunigung und Flexibilisierung durch eine Logik situativer Anpassung verdrängt, sodass langfristige Ziele zunehmend aus dem Blick geraten (Rosa 2016, 220f.). Am Beispiel von Fridays for Future wird im Folgenden aufgezeigt, wie die normative Wirksamkeit der Zeit selbst zum Gegenstand diskursiver Aushandlung wird.
Die Klimaorganisation Fridays for Future stellt einen besonders aufschlussreichen Fall für die Analyse normativer Zeitorientierungen dar, weil sie Zeit nicht nur implizit voraussetzt, sondern explizit thematisiert, problematisiert und moralisch auflädt. Seit ihrer Gründung im Jahr 2018 hat sie den öffentlichen Diskurs nicht nur um ökologische Fragen erweitert, sondern die Zeit selbst zu einem zentralen Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung gemacht. Die wiederkehrenden Verweise auf Kipppunkte, Klima-Budgets und Deadlines machen den zeitlichen Charakter der Klimakrise unmissverständlich deutlich.
Während die Kommunikationsweise der Bewegung oft der Logik akuter Mobilisierung folgt (»act now«, »kein Grad weiter«), eröffnet die hier betrachtete Blogreihe einen erweiterten Reflexionsraum, in dem heterogene Zukunftsvorstellungen und narrative Muster der Klimabewegung artikuliert werden. Um die zeitlich-normativen Orientierungen zu rekonstruieren, die in den Versprachlichungen und symbolischen Strukturen des Diskurses zum Ausdruck kommen, bedarf es eines qualitativ-rekonstruktiven Verfahrens, wie es die Grounded Theory nahelegt.1 Im Folgenden konzentriert sich die Darstellung allein auf die Ergebnisse dieser Analyse und führt sie schließlich in einer verdichtenden Fallstruktur zusammen. Die Struktur der Befunde orientiert sich entlang der idealtypischen Entwicklung der Zeitvorstellungen im Sinne von Otthein Rammstedt (1975), der zwischen linearen Modi mit offenem (1) oder geschlossenem (2) Erwartungshorizont, zyklischen Konzepten der Wiederkehr (3) und einem okkasionalen Zeitmodus (4) unterscheidet. Diese Abfolge dient nicht als schematisch vorgefertigtes Raster, sondern als theoretisch informierte Heuristik zur Strukturierung der zentralen Erkenntnisse.
Als Ausgangspunkt für den ersten Blogbeitrag steht die Frage nach der »Utopie einer klimagerechten Zukunft« (Fridays for Future 2021, Pauline)2, die auch in den nachfolgenden Beiträgen das zentrale Leitmotiv bildet und sich wie ein roter Faden durch die Reihe zieht. Alle Autor*innen nehmen diese Frage direkt oder indirekt auf und entwickeln daraufhin eigene Vorstellungen einer klimagerechten Zukunft, die von individuellen Bildern und Wünschen bis hin zu detaillierten Beschreibungen gesellschaftlicher Transformationen reichen. Die Struktur des kommunikativen Handelns folgt dabei dem Narrativ einer Zukunft, die als linear-offener und gestaltbarer Möglichkeitshorizont inszeniert wird: »Denn die Zukunft wird so sein, wie wir sie gestalten« (ebd., Laura). Dies knüpft in gewisser Weise an die etablierte Fortschrittsperspektive an, die Zukunft als von einer überholten Vergangenheit abgesetzt und damit als Horizont gesellschaftlicher Erneuerung begreift.
Diese »Machbarkeit der Zukunft« (Rammstedt 1975, 58) bedeutet zwar gesteigerte Gestaltungsspielräume, wird jedoch zugleich zur Quelle von Unsicherheit, da Handlungsentscheidungen nun nicht mehr länger durch tradierte Sinnbezüge vorstrukturiert sind. Fridays for Future antwortet darauf mit einem moralisch-ethisch aufgeladenen Erwartungshorizont. An die Stelle des Fortschritts tritt hier das Leitmotiv der Klimagerechtigkeit. Im Modus utopischen Imaginierens (»Ich träume von einer Welt«) wird eine Welt entworfen, »in der alle Menschen – jetzt und in der Zukunft – gut leben können« (Fridays for Future 2021, Pauline). Klimagerechtigkeit wird dabei explizit als Verschränkung ökologischer und sozialer Gerechtigkeitsfragen verstanden, die eine intersektionale Sichtweise auf die Klimakrise verlangt. Klimakrise bedeutet demnach in erster Linie »Gerechtigkeitskrise« (ebd., Nomhle). Der moralische Kompass dieser Gerechtigkeitsvorstellung richtet sich auf »eine klimagerechte, friedliche, solidarische, feministische, antifaschistische, antirassistische Gesellschaft, in der Menschenrechte für alle Menschen gelten« (ebd., Sophia). Das klassische Fortschrittsnarrativ wird in diesem Zusammenhang in einen neuen normativen Rahmen überführt. Die Zukunft muss sich in erster Linie moralisch entwickeln. Sie erscheint nicht mehr als bloße Fortschreibung einer ökonomisch-technischen Wachstumslogik, sondern als ökologisch und sozial nachhaltige Transformation – hin zu einer gemeinwohlorientierten, offenen, diskriminierungsfreien »Weltgemeinschaft« (ebd., Indigo), in der Mobilität, Versorgung, Gesundheit, Rechte und Teilhabe global gewährleistet sind. In diesem Sinne entfaltet sich in den Blogbeiträgen ein bemerkenswert universalistisches Versprechen: »Die Zukunft, die uns schon in etwa 30 Jahren erwartet, wird divers und resilient sein, grün und zirkulär, dezentral, vernetzt, intelligent und partizipativ, gesünder, gesellschaftlicher und glücklicher« (ebd., Prof. Kemfert).
Zeitlich ist diese Utopie intertemporal verankert: Gerechtigkeit soll nicht nur innerhalb der Gegenwart verwirklicht, sondern auch zeitlich auf Dauer gestellt werden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden dabei in ein normatives Kontinuum übersetzt, das historische Verantwortung (koloniale Schuld, industrielle Emissionen) ebenso einschließt wie die Verpflichtung gegenüber künftigen Generationen. Die Rede ist von einer »generationenübergreifenden Klimagerechtigkeit« (ebd.), die in der Gegenwart eine unaufschiebbare Handlungsnotwendigkeit erzeugt. Intertemporalität zeigt sich darüber hinaus auch in der Forderung nach einer Bleibeperspektive. Eine klimagerechte Zukunft soll nicht nur globale Bewegungsfreiheit ermöglichen, sondern auch lokale Bleibefreiheit (vgl. von Redecker 2023) sichern, sodass »Menschen gar nicht erst dazu gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen« (Fridays for Future 2021, Pauline). Infrastrukturelle Forderungen nach grünen Städten oder einer »Raumordnung der kurzen Wege« (ebd., Prof. Kemfert), die lokale Lebensqualität stärken sollen, ergänzen diese Sichtweise.
Der linear-offene Zeitmodus gründet auf der Vorstellung einer prinzipiellen Machbarkeit von Zukunft. Die normative Ausrichtung folgt daher dem Prinzip der Gestaltung: Zukunft wird als offener Möglichkeitshorizont verstanden, der im Sinne der Klimagerechtigkeit moralisch zu verantworten ist. In dieser narrativen Struktur entfaltet sich ein positives Zukunftsbild, in dem Kontingenz nicht als Bedrohung, sondern als Potenzial ausgelegt wird. Doch nur wenn ökologische und soziale Gerechtigkeit miteinander verknüpft und generationenübergreifend gesichert werden, kann die Utopie einer klimagerechten Zukunft Gestalt annehmen. Denn Kontingenz eröffnet nicht nur Chancen utopischer Erneuerung, sondern zugleich die Möglichkeit katastrophaler Verluste (Reckwitz 2024, 318).
Der zunächst offene Zukunftshorizont schließt sich, sobald die Utopie der Klimagerechtigkeit in Kipppunkte, Budgets und Deadlines übersetzt wird: »Der kürzliche [sic] erschienene IPCC-Bericht zeigt: Noch haben wir die Möglichkeit die menschengemachte Erderwärmung unter 1,5°C zu begrenzen. Doch klar ist auch: Dafür sind tiefgreifende Veränderungen nötig – und uns bleibt nicht mehr viel Zeit« (Fridays for Future 2021, Pauline, Herv. i. O.). Das im Pariser Klimaabkommen verankerte 1,5°C-Limit fungiert als omnipräsente Zielmarke, die den Möglichkeitsraum der Zukunft mathematisch verengt und somit einen linear-geschlossenen Zeitmodus repräsentiert. Dies hat eine maximale Dramatisierung des Kontingenzbewusstseins zur Folge: Am Schwellenpunkt eröffnet sich die Chance, die Katastrophe abzuwenden und den Weg in eine utopische Zukunft offenzuhalten, jenseits der Schwelle drohen irreversible Schäden durch klimatische Veränderungen bis hin zum »Aussterben« (ebd., Giulia) der gesamten Menschheit. Indem sich die Zukunft auf einen solchen dramaturgisch aufgeladenen Höhe- und Endpunkt zuspitzt, der zwischen Utopie und Dystopie, zwischen Himmel und »Hölle« (ebd., Pauline) oszilliert, knüpft dieses Kipppunktnarrativ an die christliche Vorstellung einer auf Anfang und Ende ausgerichteten Geschichte an und übernimmt deren Struktur eines heilsgeschichtlichen Telos, auf das sich kollektives Handeln ausrichtet (Wendorff 1980, 77ff.).
Mit der Vorstellung eines solchen Telos geht eine normative Aufladung der Zukunft einher. Es dient folglich als moralische Autorität, die gegenwärtiges Handeln im Hinblick auf seine Wirksamkeit zur Zielerreichung bewertet und legitimiert. Dies zieht eine besondere Dynamik im Umgang mit Misserfolgen nach sich. Krisen, Rückschläge oder mangelnde politische Fortschritte führen fortan nicht zur Infragestellung des Ziels, sondern werden als Handlungsdefizite ausgelegt, die durch verstärkte Anstrengungen, präzisere Maßnahmen oder radikalere Eingriffe korrigiert werden müssen. In diesem Sinne wird das Telos nicht nur zur Leitlinie gesellschaftlicher Entwicklung, sondern auch zur Instanz sozialer Disziplinierung (Rammstedt 1975, 55).
Anders als im Modus linearer Offenheit leitet sich daraus nicht die Möglichkeit gesellschaftlicher Perfektionierung ab, sondern die Notwendigkeit präventiver Steuerung. Auf Basis wissenschaftlicher Kalkulationen erscheint Zukunft als berechenbare Größe, für die alternative Szenarien und »vorhersehbare Katastrophen« (Fridays for Future 2021, Giulia) modelliert werden können. Die Risiken liegen »schwarz auf weiß« (ebd., Pauline) vor und verleihen den Prognosen und Klimamodellen eine Autorität, die politische Verbindlichkeit generiert und Zukunft zunehmend unter die Logik deterministischer Abfolgen stellt. Budgets, Schwellenwerte, Fristen und Obergrenzen verdichten sich zu normativen Fixpunkten, die in Gesetzen und internationalen Abkommen rechtlich institutionalisiert werden sollen, um so den transformativen Prozess quantitativ überprüfbar und sanktionsfähig zu machen. Nicht mehr das Wünschbare, sondern das Verpflichtende wird zentral: »Jeder Mensch hat ein CO2-Budget und darf maximal 6,5 Kilogramm CO2 pro Tag ausstoßen. Jedes Land ist gefordert, dieses Klima-Budget nicht zu überschreiten« (ebd., Prof. Kemfert). Der linear-geschlossene Zeitmodus generiert eine Erzählung, in der Zukunft nicht mehr als kontingenter Möglichkeitsraum erscheint, sondern als Korridor präventiver Verlustminimierung (Reckwitz 2024, 322).
Während der linear-offene Zeitmodus primär auf die Herausbildung moralisch-ethischer Verantwortlichkeit zielt, richtet sich der linear-geschlossene Zeitmodus auf die präventive Steuerung geophysischer und materieller Prozesse – von der Energie- und Mobilitätswende über Emissionsbegrenzungen bis hin zum 1,5°C-Ziel. Kontrolle wird damit zum zentralen normativen Maßstab: Nur indem Abweichungen messbar und sanktionierbar gemacht werden, entsteht eine Form zeitlicher Kohärenz, die kollektive Handlungsorientierung legitimiert und den Möglichkeitshorizont einer klimagerechten Zukunft absichert.
Parallel zur linearen Öffnung oder Engführung des Zukunftshorizonts manifestiert sich in den Beiträgen der Blogreihe ebenso ein zyklischer Zeitmodus, der die Rückbindung an Naturrhythmen sowie die stabilisierende Funktion von Reproduktionsmechanismen hervorhebt. Ein solcher Zeitmodus behauptet den Wert der Wiederkehr – von Jahreszeiten, Ökosystemen, aber auch sozialen Routinen oder Wirtschaftsweisen – und stellt damit ein Kontrastmotiv zur Logik linearer Entwicklung dar. Zukunft wird nicht nur als Zielpunkt oder als Möglichkeitshorizont inszeniert, sondern zugleich in einen kreisläufigen Zusammenhang eingebettet.
Im Zentrum steht dabei die Anforderung, »ein anderes Verhältnis zum Thema Wachstum [zu] entwickeln« (Fridays for Future 2021, Prof. Kemfert). An die Stelle linearer Steigerung tritt daher vermehrt die Vorstellung einer »Circular Society« (ebd., Dr. Gesa Maschkowski), in der ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Prozesse so miteinander verschränkt sind, dass sie den Erhalt und die Reproduktion der entsprechenden Systeme ermöglichen. In diesem Zusammenhang etabliert sich das Konzept der Resilienz zur Leitkategorie im Kampf gegen den Klimawandel (vgl. Kuhlicke 2024). Gefordert ist nicht die Perfektionierung bestehender Strukturen, sondern ihre Fähigkeit, Störungen abzufedern, sich zu regenerieren und zukunftsfähig zu bleiben. Vor diesem Hintergrund artikulieren sich in den Beiträgen zahlreiche wachstumskritische Stimmen, die eine post-kapitalistische Gesellschaftsordnung, die sich an »Bedürfnissen und Fähigkeiten statt Profit und Konkurrenz« (Fridays for Future 2021, Indigo) orientiert, einfordern sowie eine asketische, alternative »Definition von Luxus und Wohlstand« (ebd., Sophia) propagieren. Trotz erkennbarer wachstumskritischer Positionen münden die Ausführungen häufig in einen wiederkehrenden Anspruch, »ökonomisches und ökologisches Wachstum vereinen« (ebd., Prof. Kemfert) zu wollen.
Der zyklische Zeitmodus erschöpft sich nicht allein in Postwachstumskonzeptionen und Formen klimaresilienter Steuerung. Er verweist zugleich auf eine andere Qualität der Weltbeziehung, die über reine Stabilisierung natürlicher Prozesse hinausgeht. In der Bezug- und Rücksichtnahme auf natürliche Zyklen artikuliert sich die Sehnsucht danach, der Natur im Modus der Resonanz zu begegnen: In einem antwortenden Verhältnis zur Umwelt, das nicht in Verfügbarkeit und Instrumentalisierung aufgeht, sondern im »tiefen Verwobensein mit Mutter Erde« (ebd., Dr. Eckart von Hirschhausen) seinen Ausdruck findet und die Natur als eine Entität mit eigener Stimme anerkennt (Rosa 2017, 453ff.). Das Bedürfnis, »in antwortender Beziehung mit den Materialien« (Fridays for Future 2021, Friederike Habermann) zu stehen, zeigt sich besonders eindrücklich in folgender Textstelle: »Morgens um neun tönt ein Saxofon durch die Baumwipfel. Der Klang schallt durch die verzweigten Baumkronen, fließt durch die hellgrünen, frisch aus den Knospen gesprungen [sic] Blätter des Frühlings. Unten, am Boden, ist Lachen zu hören« (ebd., Indigo). Diese poetische Szenerie, die im Folgenden in die Schilderung eines gemeinschaftlichen Baumhauscamps übergeht, entwirft eine Utopie im Miniaturformat. Sie verbindet Natur und Kultur, Fiktion und Alltag, Gemeinschaft und Umwelt in einem Bild, das für ein Leben im Einklang mit der Natur steht, das sich jenseits einer »Ökonomie der Zeit« (Marx 1983, 105) bewegt, die stets von Konkurrenzdruck und Verwertungslogik geprägt ist. Natur erscheint hier nicht mehr als Ressource, sondern als eigenständiger »Akteur« (Latour 2022, 51), dessen »planetare Grenzen« (Fridays for Future 2021, Dr. Eckart von Hirschhausen) respektiert und geschützt werden müssen. Zwar lassen sich in dieser Beschreibung durchaus konservative und traditionelle Gemeinschaftsformen erkennen, doch symbolisieren der »Morgen« wie auch der »Frühling« zugleich einen Neuanfang, der den zyklischen Bewegungen und Routinen eine vorwärts gerichtete Dynamik verleiht und damit verhindert, dass sie in nostalgischen Vergangenheitsbezügen verhaftet bleiben. Nicht zuletzt ist es die wiederkehrende Protestpraxis selbst, die auf diesen Umstand hinweist. In der eigenen Selbstbeschreibung versteht sich Fridays for Future als soziale Bewegung, die Woche für Woche auf die Straße geht, um politisches Handeln einzufordern. Die Protestform wird so zur verdichteten Zeitfigur: Ein immer wiederkehrendes Ereignis, das seine Wirkmacht gerade aus der Wiederholung bezieht (Fridays), zugleich aber auf einen zukunftsorientierten Erwartungshorizont (for Future) verweist.
Der zyklische Zeitmodus verankert lineare Bewegung in Prinzipien der Wiederkehr und Reproduktion und bildet damit den Gegenpol zur reinen Zukunftsorientierung. Er liefert die Kriterien dafür, was bewahrt und beschützt werden soll und zeigt, dass Transformation neben radikalen Umbrüchen auch Kontinuität voraussetzt. Die normative Orientierung folgt hier dem Prinzip der Erhaltung: Nicht die ständige Neuerfindung, sondern die Sicherung und Regeneration ökologischer wie sozialer Systeme bilden das narrative Leitmotiv. Routinen, Naturrhythmen und Kreisläufe gewährleisten ihren Fortbestand und betten zukunftsgerichtetes Handeln in eine stabile Ordnung ein, die sinnstiftende Orientierung jenseits kurzfristiger Aktionslogiken ermöglicht.
Schließlich verschränken sich offene Zukunftsgestaltung, geschlossene Kipppunktlogik und zyklischer Erhaltungsanspruch im Diskurs von Fridays for Future zu einer dramaturgisch aufgeladenen Gegenwartsfokussierung, die sich als situativ-kairologisch3 bezeichnen lässt. Dieser Zeitmodus ist von einem ausgeprägten Dringlichkeitsmoment bestimmt: Noch besteht die Möglichkeit zu handeln, doch »uns bleibt nicht mehr viel Zeit« (ebd., Pauline). Die unmittelbare Gegenwart wird zum einzigen Handlungsfenster, in dem die Klimakatastrophe noch abgewendet werden kann. In dieser situativen Zuspitzung fallen Kipppunkt- und Dringlichkeitslogik letztlich ineinander – die Schwelle, an der geophysische Prozesse irreversibel werden, wird narrativ in ein sofortiges Handlungsgebot übersetzt. Nur wenn wir »sofort radikal gegensteuern« (ebd., Jakob), kann die globale »Notlage« (ebd., Laura) bewältigt und der drohende »Abgrund« (Abschlussbericht) noch durch das Ziehen der »Notbremse« (Abschlussbericht) vermieden werden.
Philosophisch lässt sich dieses Muster mit dem Rückgriff auf die Figur des Kairos fassen. Während Chronos für kontinuierliche, messbare Zeit steht, bezeichnet Kairos einen »dynamischen und qualitativen Moment«, der die Dauer unterbricht und dadurch einen Wendepunkt eröffnet (Hermsen 2023, 14). Sein »revolutionäres Potenzial« (ebd., 21) sowie sein »utopische[r] Charakter« (ebd., 22) liegt gerade darin, dass er nicht aus der logischen Fortschreibung des Vergangenen resultiert, sondern in seiner »schöpferische[n] Fähigkeit, etwas Neues […] in Gang zu setzen« (ebd., 34). Damit rückt unweigerlich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt ins Zentrum der Betrachtung. Entscheidend ist nicht mehr nur die Handlung selbst, sondern insbesondere deren situatives Timing. Bereits Alfred Schütz und Thomas Luckmann haben diesem Moment am Beispiel biografischer Erfahrungen eine ganz wesentliche Bedeutung zugeschrieben. Ein Ereignis gewinnt seinen spezifischen Sinn oft nicht nur durch seine inhaltliche Qualität, sondern aufgrund des »besonderen Zeitpunkts«, an dem es im Lebenslauf eintritt (Schütz und Luckmann 2017, 97). Auch die Handlungsorientierung von Fridays for Future folgt diesem Prinzip kairologischer Verdichtung. Das Zeitfenster ist eng, die artikulierten Zielsetzungen verlangen nach unmittelbarer Umsetzung, »zukunftslose Kompromisse« dürfen »nicht mehr zur Debatte stehen« (Fridays for Future 2021, Jakob). Denn: »Wenn wir es vermasseln, gibt es kein Zurück mehr« (ebd., Laura).
Der situativ-kairologische Zeitmodus verdichtet Zeit in einem symbolisch aufgeladenen Punkt, einer Gegenwart, die höchste Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft verlangt. Aus dieser Dramaturgie heraus richtet sich die normative Orientierung auf das Moment der Entscheidung: Die Gegenwartsfokussierung bringt ein Dringlichkeitsnarrativ hervor, das die Logiken der Zukunftsgestaltung, Zukunftskontrolle und Bestandserhaltung in einen unaufschiebbaren Handlungsauftrag übersetzt. Über die Bedingungen einer offenen Zukunft wird im Hier und Jetzt entschieden – langfristige Transformation kann nur dann gelingen, wenn sie durch kurzfristige Aktion initiiert wird.
| Zeitmodus | Normative Orientierung | Narrative Struktur |
| Linear-offen | Gestaltung | Zukunft als Möglichkeitshorizont: Gesellschaftliche Gestaltung durch moralische Verantwortlichkeit |
| Linear-geschlossen | Kontrolle | Risiko- und Kipppunktlogik: Präventive Steuerung durch technologische und politische Kontrolle |
| Zyklisch | Erhaltung | Wiederkehr und Regeneration: Bewahrung ökologischer und sozialer Systeme durch zyklische Rückkopplung |
| Situativ-kairologisch | Entscheidung | Verdichtung der Gegenwart: Dringlichkeit situativer Entscheidungen zur Mobilisierung kollektiven Handelns |
Tabelle 1: Zeitlich-normative Orientierungen im Diskurs von Fridays for Future (eigene Darstellung)
Die Rekonstruktion des kommunikativen Handelns in der Blogreihe zeigt, dass die grundlegende Vorstellung einer offenen, gestaltbaren Zukunft nicht unbearbeitet bleibt, sondern in Form unterschiedlicher zeitlich-normativer Orientierungen gerahmt wird (Tab. 1). Während das Kontingenzbewusstsein der Bewegung aus der Imagination einer klimagerechten, nachhaltigen Zukunft und der realen Möglichkeit eines katastrophalen Verlusts geprägt ist, werden zugleich sozial verbindliche Handlungsanweisungen bereitgestellt: Durch moralische Verpflichtung, präventive Steuerung, zyklische Rückkopplung und situative Verdichtung wird die Vorstellung einer radikal offenen Zukunft zunehmend eingefasst und an nicht verhandelbare sowie nicht aufschiebbare Bedingungen gekoppelt, die kollektive Handlungsverbindlichkeit erzeugen. Die vier rekonstruierten Zeitmodi markieren somit unterschiedliche zeitlich-normative Orientierungen, deren Zusammenspiel die empirische Grundlage für die Erarbeitung der spezifischen Fallstruktur bildet.
Das gleichzeitige Auftreten dieser vier Zeitmodi ist für sich besehen zunächst noch keine besondere Erkenntnis. Schließlich ist die gesellschaftliche Entwicklung des Zeitbewusstseins ohnehin nicht als Ablösung, sondern vielmehr als Überlagerung bzw. Akkumulation (Schmied 1985, 115ff.) verschiedener zeitlicher Modi zu verstehen. Bemerkenswert ist aber, wie klar diese Modi im Diskurs der Bewegung hervortreten und auf welche Weise sie miteinander verschränkt werden. Denn im Grunde handelt es sich weniger um ein Nebeneinander als um ein Ineinandergreifen und Wechselwirken unterschiedlich gelagerter normativer Maßstäbe. Im fortwährenden Austarieren von Möglichkeiten und Verbindlichkeiten bildet sich dabei die spezifische Struktur des Falls aus. Die sich darin widerspiegelnde Spannung spätmoderner Zeitlichkeit, die Notwendigkeit zeitlicher Kohärenz vor dem Hintergrund radikaler Kontingenz, wird schließlich in einer ausgewählten Schlüsselstelle der Klimaaktivistin Indigo (Fridays for Future 2021) besonders deutlich: »Manchmal träume ich von riesigen Segelbooten, deren Segel durch Photovoltaik auch Strom produzieren, um die Batterie eines Schiffsmotors zu laden«.
Diese Szene bündelt gleich drei der herausgearbeiteten zeitlich-normativen Orientierungen: Zunächst eine lineare Fortschrittsperspektive, die technologische Innovation als Grundlage gesellschaftlicher Transformation inszeniert und durch die Sinnsphäre des Traums utopische Gestalt gewinnt. Dann eine zyklische Rückbindung an die Tradition seegestützter Fortbewegung und an die Bedeutung regenerativer, nachhaltiger Mobilitätsformen. Und schließlich ein präventiver Steuerungsanspruch, sichtbar in den Photovoltaiksegeln und dem motorisierten Antrieb, um die Unwägbarkeiten von Wind und Wetter abzusichern. Utopische Offenheit, zyklische Reproduktion und gesellschaftlicher Steuerungsanspruch erscheinen hier nicht als Gegensätze, sondern als ein aufeinander bezogenes Arrangement. Dieses Arrangement erfährt auch im Beitrag von Indigo eine situativ-kairologische Zuspitzung. In der unmittelbaren Gegenwart, »vor Ort«, gilt es zu kämpfen für »jede Maßnahme, die uns mehr Zeit bringt« (ebd., Indigo). Dieser Kampf bleibt nicht auf Schadensbegrenzung beschränkt, sondern wird in ein positives Handlungsangebot übersetzt. Nicht nur Verluste minimieren, sondern bereits jetzt für eine Gesellschaft eintreten, »in der es sich zu leben lohnt« (ebd., Indigo).
Die multitemporale Struktur dieses Klimaaktivismus erinnert an Simmels Darstellung des Abenteuers. Auch dort wird das Ungewisse nicht verdrängt, sondern zum eigentlichen Motor des Handelns. Denn anstatt sich zurückzuziehen, begegnet die Figur des Abenteuers der Unsicherheit mit Aktivität, sie »behandelt das Unberechenbare des Lebens so, wie wir uns sonst nur dem sicher Berechenbaren gegenüber verhalten« (Simmel 1919, 14). Dadurch wird Zukunftsoffenheit zur Quelle sinnstiftender Orientierung, die sich zudem in einer »Atmosphäre […] unbedingte[r] Gegenwärtigkeit« (ebd., 20), einem Augenblick höchster Intensität verdichtet. Wie die Segelboot-Vision der Aktivistin Indigo deutlich macht, konkretisiert sich diese Figur des Abenteuers auch im Diskurs von Fridays for Future. Das Bild des Segelns impliziert, sich in ungesichertes Terrain vorzuwagen, dabei Risiken einzugehen und zugleich neue Horizonte zu erschließen. Ein solcher Aufbruch ist Ausdruck eines ausgeprägten Bedürfnisses nach Autonomie, bedarf jedoch gleichermaßen der Navigation und Entscheidungsfähigkeit.
In dieser auf mehreren Ebenen doppelten Bewegung – des Offenhaltens und Einfassens, Gestaltens und Kontrollierens, Transformierens und Erhaltens – materialisiert sich die fallspezifische Struktur der arrangierten Kontingenz4. Sie bezeichnet eine zeitlich-normative Orientierung, in der Kontingenz nicht überwunden, sondern gesellschaftlich bearbeitbar gemacht wird. Kontingenz wird dadurch selbst zur handlungsleitenden Ressource, indem sie sich weder in deterministischen Notwendigkeiten auflöst noch in beliebige Offenheit zerfällt. Vielmehr wird sie durch moralische und institutionelle Verantwortlichkeiten so gerahmt, dass sie kollektive Handlungsfähigkeit vor dem Hintergrund stets wachsender Unsicherheiten ermöglicht. Arrangierte Kontingenz steht damit exemplarisch für eine idealtypische Zeitorientierung, die einerseits auf die spezifischen Bedürfnisse und Handlungsanforderungen einer jungen, ökologisch sensibilisierten Generation verweist, zugleich aber auch eine Perspektive auf eine mögliche Transformation spätmoderner Zeitlichkeit eröffnet.
Das kommunikative Handeln von Fridays for Future lässt sich nicht auf eine einzelne zeitlich-normative Orientierung reduzieren, sondern entfaltet eine komplexe Struktur, die ich als arrangierte Kontingenz gefasst habe. Sie integriert die normativen Maßstäbe des Gestaltens, Kontrollierens, Erhaltens und Entscheidens in ein dialektisches Gefüge, in dem Kontingenz so arrangiert wird, dass Offenheit nicht in Orientierungslosigkeit zerfällt, sondern handlungsleitend wirksam bleibt. Die Dialektik dieser Struktur besteht darin, dass Zukunft einerseits im Modus der Bedrohung präventiv gesteuert wird, andererseits nur als utopisches Potenzial sinnstiftende Orientierung ermöglicht. In dieser ambivalenten Spannung verdichtet sich die Logik der arrangierten Kontingenz. Zeit soll dabei nicht in eine linear-geschlossene Richtung verengt, sondern so perspektiviert werden, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem kohärenten Zusammenhang erscheinen.
Die daraus abstrahierte idealtypische Handlungsorientierung entfaltet ihre sinngenerierende Wirkung dann zwar insbesondere im Kontext der Klimakrise, weist jedoch zugleich auf ein über den Einzelfall hinausweisendes transformatives Potenzial hin: Sie macht nicht nur die Krisensymptome spätmoderner Zeitlichkeit sichtbar, sondern auch deren gesellschaftliche Bearbeitung durch ein moduliertes normatives Setting. In der Konsequenz lassen sich daher zwei Transformationspotenziale skizzieren, die aus der zeitlich-normativen Logik der arrangierten Kontingenz hervorgehen und sich zum einen auf geschichts- und politikbezogener Ebene (1), zum anderen auf der Ebene individueller Handlungsorientierungen (2) verorten lassen.
Während Kosellecks (2022) Diagnose des Auseinandertretens von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont das moderne Geschichtsverständnis begründete und die Vorstellung eröffnete, Zukunft im Zeichen des Fortschritts gestalten zu können, ist dieser Horizont in der Spätmoderne fragil geworden. Zukunft erscheint zwar offen, zugleich aber zunehmend unlesbar und bedroht. Das in der arrangierten Kontingenz angelegte Motiv der Perspektivierung antwortet auf diese Erosion, indem es Zukunft erneut als positiv besetzten Möglichkeitshorizont entwirft und zugleich normativ bindet, sodass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer gemeinsamen, intertemporalen Perspektive aufeinander bezogen bleiben.
Diese Sichtweise ist eng an Hans Jonas’ ökologischen Imperativ angelehnt: »Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden« (Jonas 1984, 36). Sie verweist damit auf ein Arrangement normativer Zeitlichkeit im Spannungsfeld von Kontingenz und Kohärenz, in dem die Hoffnung auf eine offene Zukunft moralisch gebunden bleibt. Kohärenz entsteht hier also im Blick nach vorne, nicht etwa in einer »nostalgische[n] Verklärung der Vergangenheit« (Schauer 2023, 230), wie sie gegenwärtig im Kulturessenzialismus häufig zum Ausdruck kommt, der sich beispielsweise in rechtspopulistischen Bewegungen oder religiösem Fundamentalismus auf vermeintlich unveränderliche kulturelle Traditionen und kollektive Identitäten beruft (vgl. Reckwitz 2016). Auch in der perspektivierenden Struktur der arrangierten Kontingenz wird der Erwartungshorizont wieder enger an den Erfahrungsraum gekoppelt. Anstatt jedoch in eine regressive Haltung zurückzufallen, entfaltet sich dort ein Zukunftsnarrativ, das historische Schulden, gegenwärtige Dringlichkeiten und zukünftige Verpflichtungen progressiv miteinander verschränkt. Dies illustriert den durchaus anspruchsvollen Ansatz, Jonas’ ökologische Zukunftsethik in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft praktisch umzusetzen, nicht als »wohlwollende, wohlinformierte und von der richtigen Einsicht beseelte Tyrannis« (Jonas 1984, 262), sondern durch eine moralisch mobilisierte Öffentlichkeit. Auf diese Weise bilden Erfahrungsraum und Erwartungshorizont erneut einen sinnhaft geschlossenen Zusammenhang, der Zukunft als politisch gestaltbare Dimension erkennbar werden lässt. Geschichte erhält dadurch einen neuen Fahrplan, der nicht mehr linearen Fortschritt, sondern verantwortliche und solidarische Zukunftsgestaltung ins Zentrum stellt.
Die spätmoderne Zeitlichkeit ist von einer Dominanz der Gegenwart geprägt. Unter dem Vorzeichen eines solchen Präsentismus (Hartog 2015; Gumbrecht 2012) verliert die Vergangenheit an Bindungskraft, während die Zukunft im positiven Sinne nebensächlich wird, weil der gegenwärtige Moment bereits ausreichend Erfüllung verspricht, im negativen Sinne jedoch bedrückend und richtungslos erscheint. Helga Nowotny (2012) hat diese Verschiebung mit dem Konzept der »erstreckten Gegenwart« beschrieben (ebd., 47ff.). Probleme, die einst in die Zukunft verschoben werden konnten, drängen heute unmittelbar in die Gegenwart hinein und verlangen nach sofortigem Handeln. Damit verliert die Zukunft ihren Charakter als offene Projektionsfläche, weil sie bereits im Hier und Jetzt vorweggenommen wird: »Die erstreckte Gegenwart hat die Zukunft gewählt und nicht umgekehrt« (ebd., 53). Auf diese Weise intensiviert sich das Erleben der Gegenwart, die sowohl vielversprechend wie überlastet erscheint und dabei typische spätmoderne Identitätslogiken hervorgebracht hat, die stark auf Flexibilität, Authentizität und situative Performanz ausgerichtet sind.
Die herausgearbeitete zeitlich-normative Orientierung greift diese Gegenwartsfokussierung im Modus situativ-kairologischer Verdichtung auf, perspektiviert sie jedoch in einer Dialektik von Moment und Verlauf. Augenblicke erscheinen nicht länger singulär, sondern werden in soziale Routinen (Protestpraxis) eingebettet, auf zukünftige Kipppunkte (1,5°C-Ziel) abstrahiert und zugleich in ein Verständnis intertemporaler Verantwortung (Klimagerechtigkeit) überführt. Gerade in dieser Institutionalisierung des Augenblicks wiederholt sich die Struktur der arrangierten Kontingenz. Er erscheint einerseits als Raum kreativer Gestaltung und spontaner Unterbrechung von Routinen, wird andererseits jedoch zum strategischen Fixpunkt, der die Dringlichkeit notwendiger Zukunftsentscheidungen kompromisslos einfordert. Ein solcher Augenblick verflüchtigt sich nicht, sondern gewinnt seinen Wert aus der Vermittlung zwischen individueller und gesellschaftlicher Zeit (ebd., 160).
In dieser Sichtweise verschiebt sich schließlich auch das individuelle Selbstverhältnis. An die Stelle flüchtiger, situationsabhängiger Selbstentwürfe tritt die Logik einer perspektivierten Identität, in der momentane, biografische und kollektive Zeithorizonte sinnhaft ineinander verschränkt werden. Die zeitlich-normative Orientierung der arrangierten Kontingenz antwortet damit auf die Gefahren eines möglicherweise überdehnten spätmodernen Präsentismus, indem sie die Gegenwartslogik nicht verwirft, sondern perspektiviert: Die Gegenwart bleibt der Moment der Entscheidung, jedoch als Teil einer kollektiv geteilten, historisch eingebetteten Zeit.
Die Klimabewegung Fridays for Future hegt den Anspruch, die überaus komplexen und vielschichtigen Zusammenhänge der zeitlich-ökologischen Krise in bemerkenswerter Ganzheitlichkeit zu bearbeiten. In ihrem Diskurs manifestiert sich ein utopischer Zeitimperativ – eine zeitliche Soll-Orientierung, die moralische Verantwortung, ökologische Dringlichkeit und politische Handlungsfähigkeit mit der Idee einer offenen, gestaltbaren Zukunft verknüpft. Ein solcher Imperativ kann keineswegs neutral sein. Vielmehr verkörpert er eine politisch-normativ aufgeladene Position im gesellschaftlichen Klimadiskurs. Denn seine kohärenzstiftende Funktion, seine spezifische Soll-Orientierung, birgt gleichermaßen erhebliches Konfliktpotenzial. Schon die Rede vom Dilemma der sozial-ökologischen Gleichzeitigkeit (vgl. Neckel 2023) macht unmissverständlich deutlich, dass ein in diesem Ausmaß beispielloses Transformationsvorhaben – von der grundlegenden Umstellung der Wirtschaftsweise über den Aufbau einer emissionsfreien Infrastruktur bis hin zur Etablierung nachhaltiger Lebensweisen – nicht konfliktfrei verlaufen kann. Vielmehr rücken komplexe Fragen nach Verursachung und Betroffenheit sowie der gerechten Verteilung von Transformationslasten in den Vordergrund, die als zentrale Zeitkonflikte im Rahmen einer »Heute-Morgen-Arena« (Mau et al. 2023, 205ff.) gesellschaftlich ausgehandelt werden müssen. Auch wenn vor diesem Hintergrund der utopische Charakter dieses Zeitimperativs umso deutlicher hervortritt, liegt gerade darin sein schöpferisches Potenzial: In der narrativen Verschränkung divergierender Zeitmodi verwandelt er die Erfahrung von Kontingenz und Unsicherheit in eine Ressource sinnstiftender Orientierung – eine mögliche Antwort auf die Zeitkrisen unserer Gegenwart.
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Kevin Maier, M. A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RPTU Kaiserslautern-Landau. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Wissenssoziologie, Zeitsoziologie sowie der qualitativen Sozialforschung. Er promoviert zum Thema der normativen Strukturierung spätmoderner Zeitlichkeit.
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Kevin Maier,
RPTU Kaiserslautern-Landau,
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