Ralph Sichler & Alexander Nicolai Wendt
Journal für Psychologie, 34(1), 3–10
https://doi.org/10.30820/0942-2285-2026-1-3 CC BY-NC-ND 4.0 www.journal-fuer-psychologie.deDer Mensch lebt mit der Zeit und in der Zeit. Das Leben mit der Zeit erfolgt im direkten oder indirekten Umgang mit chronometrischen Hilfsmitteln. Es handelt sich im Wesentlichen um eine Praxis, genauer um die soziokulturell und technisch vermittelte Handlungspraxis mit der Zeit. Das Leben in der Zeit ist der Erfahrung selbst wesentlich und zeigt seine Wirklichkeit in der Dauer, insbesondere im Andauern eines Moments. Die Zeitwahrnehmung begleitet jedes Erlebnis stillschweigend und wird gelegentlich zum Gegenstand der Erfahrung, zum Beispiel in der Langeweile oder in der Eile. Das Erleben von Zeit kann sich auch ohne die technisch gestützte Zeitwahrnehmung ereignen.
Wenn der Mensch mit der Zeit lebt, orientiert er sich in seinem Handeln an der gemessenen Zeit, an chronometrischen Systemen, also an Uhren und am Kalender, konkret an Tagen und Stunden etwa, um seine Aktivitäten mit denen von anderen Personen zu koordinieren. Was in der Chronometrie direkt gemessen wird, ist zumeist eine Bewegung, insbesondere Rhythmen etwa von kosmischen Proportionen, sei es die Rotation der Erde um sich selbst oder um die Sonne. Die Zeit wird als Unterschied oder Vermittlung zwischen zwei räumlichen Lagen desselben Gegenstands erschlossen.
Wenn die Zeit als Form des Erlebens gemeint ist, ist sie dem Menschen als Medium gegeben, das temporales Bewusstsein möglich macht, also als Medium, in dem sein Dasein sich von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft erstreckt. Die (innere) Zeitwahrnehmung kann sich aber auch auf besondere Erlebnisse oder Augenblicke im Leben beziehen, bei denen die Zeit dem Menschen als Teil seines Lebens erfahrbar wird.
Im Leben mit der Zeit konstituieren sich verschiedene Zeitpraktiken als unterschiedliche Formen des Umgangs mit Zeit, etwa zur Organisation von Aktivitäten oder zur Gestaltung von sozialen Abstimmungsprozessen (Hörning et al. 1997). Im Leben in der Zeit zeigt sich die Wahrnehmung und Erfahrung von Zeit auf ganz unterschiedliche Weise, etwa im Zeitgefühl und dem subjektiven Eindruck des Zeitverlaufs. Im Erleben kommt es zur Modulation der Zeit, und dieses Erleben stimmt oft mit der messbaren Zeit nicht überein. Wir kennen das Gefühl, dass die Zeit wie im Flug dahinschwinden kann – oder dass sie sich unendlich in die Länge streckt und einfach nicht vergehen will. Metaphorisch wird oft davon gesprochen, dass einem die Zeit leer erscheint, oder aber als erfüllte Zeit erlebt wird (vgl. Gadamer 1969). Wir können die Zeit totschlagen oder jemand kann uns unsere Zeit stehlen. Zeit kann verschwendet werden oder sich auszahlen: Zeit ist Geld.
Man könnte den Eindruck bekommen, dass die genannten Formen menschlichen Innewerdens in der Zeit dem soziale Prozesse koordinierenden Umgang mit der Zeit kaum ähneln. Im einen Fall zeigt sich die Zeit mittelbar und unabhängig von meiner Erfahrung, im anderen baut sie diese Erfahrung selbst auf. Die beispielhaft genannten Metaphern machen allerdings deutlich, dass die menschliche Zeiterfahrung und soziokulturell vermittelte Zeitpraktiken miteinander in Verbindung stehen. Wenn ich den Eindruck habe, dass mir jemand meine Zeit stiehlt, so kann dies mit einem weniger gelungenen Prozess der Synchronisierung von Handlungen verschiedener, aufeinander bezogener Akteure zusammenhängen. Das Erleben von erfüllter Zeit wurde unter Umständen dadurch ermöglicht, dass die Zeitplanungen und Zeitressourcen von Personen vorteilhaft miteinander koordiniert wurden. Es muss dieser an Beispielen verdeutlichte Zusammenhang des Lebens mit der Zeit und des Lebens in der Zeit nicht immer zwingend bestehen, häufig ist dies aber der Fall.
Ein besonderes, für das moderne individuelle und soziale Dasein wohl insbesondere in westlich geprägten Kulturen kennzeichnendes Beispiel für das Leben mit und in der Zeit – zumal in ihrem wechselseitigen Zusammenhang – ist die Biografie, das heißt die Möglichkeit, sich auf das eigene Leben mit einer biografisch strukturierten Erzählung narrativ zu beziehen. Diese Option ist dem Menschen zumeist nicht unmittelbar gegeben, sondern bedarf einer soziokulturellen Rahmung, die es ermöglicht, sein eigenes Leben zu erzählen. Der Blick auf das eigene Leben wiederum trägt individuelle Züge und wird durch das eigene Erleben, also dem Leben in der Zeit, erfüllt. Die Narrative zum eigenen Dasein und schlussendlich die eigene Biografie sind somit ein Amalgam des soziokulturell vermittelten Lebens mit der Zeit und des im Rahmen der erlebten Erfahrung erschlossenen Lebens in der Zeit. Beide Aspekte greifen ineinander und werden dadurch thematisierbar. Dies gilt sowohl für das Subjekt der biografischen Erzählung selbst als auch für alle (sozial- und kulturwissenschaftlich angelegten) Versuche der Erschließung von Narrationen im Geflecht von unmittelbar erfahrener und vermittelter Zeit, von Zeiterleben und Zeitpraktiken.
Ein weiteres Beispiel, das im wechselseitigen Einflussbereich von unmittelbarer und mittelbarer Zeiterfahrung steht, sind Praktiken des sog. Zeitmanagements. Ein effizienter Umgang mit Zeit, ein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens mit der Zeit, kommt insbesondere in von Zweckrationalität bestimmten Handlungsfeldern (etwa im Beruf) eine zentrale Bedeutung zu. Die gelingende Koordination von vernetzten Handlungsabläufen besitzt im Arbeitsleben – sowie zunehmend auch im Privatleben – große Bedeutung. Aus diesem Grund ist das Zeitmanagement eine der am weitesten verbreiteten Ansätze und Methoden zur Optimierung der Organisation des beruflichen und privaten Lebens. Die Gestaltung des menschlichen Umgangs mit der Zeit steht mit dem Zeiterleben in Verbindung, das in etlichen Fällen durch Hektik und Stress gekennzeichnet ist. Stress besitzt neben seiner biologischen Komponente eine Facette der Zeiterfahrung. Unter Stress erfährt sich der Mensch in der Zeit oder in seiner inneren Zeiterfahrung nicht als Souverän seiner Eigenzeit (Nowotny 1989). Er fühlt sich der Zeit, die er erlebt, mehr und mehr entfremdet. Auch dies kann dazu führen, im Umgang mit der äußeren Zeit nach einem Ansatz Ausschau zu halten, der verspricht, zu einer Wiederaneignung der unmittelbaren Zeiterfahrung zu führen. Es soll an dieser Stelle nicht bewertet werden, ob und in welcher Weise Zeitmanagement eine Brücke zu mehr Zeitsouveränität zu bauen in der Lage ist. Vielmehr ist aufzuzeigen, wie auch im Fall von Zeitmanagement die Zeitwahrnehmung in äußerlichen Zeitmaßen und die jeweils eigene Zeiterfahrung miteinander verschränkt sein können.
Letztendlich ist auch durch die Präpositionen des eher äußerlichen »mit« und des eher innerlichen »in« die Zeitwahrnehmung zunächst nur metaphorisch verstanden. Als Sprachbilder deutet das Äußere der sozialen Zeitpraktiken und das Innere am individuellen Zeiterleben eher eine Wahrnehmungstendenz als eine bestimmte Seinsweise der jeweils damit verbundenen Erfahrung an. Beide Modi der menschlichen Bezugnahme auf Zeit sind in soziokulturelle Praxis- und sprachlich-symbolische Darstellungsformen eingebettet. Vieles deutet darauf hin, dass das Leben des Menschen mit der Zeit und das Leben in der Zeit wesentlich verflochten sind.
Ein klares Beispiel für die Verwobenheit des Lebens in und mit der Zeit gibt der Begriff des Zeitgeists. Es handelt sich um ein Phänomen, das spätestens seit dem 18. Jahrhundert, beispielsweise in der Kulturphilosophie Johann Gottfried Herders (vgl. Kluck 2008), diskutiert wird. Gemeint ist der Charakter einer Epoche, Wilhelm Dilthey spricht etwa vom Geist des Mittelalters oder der Aufklärung, der einerseits Ausdruck der Menschen dieser Zeit, andererseits Grundlage ihres Erlebens ist. Steffen Kluck identifiziert mithilfe einer begriffsgeschichtlichen Analyse sechs Merkmale des Zeitgeists: Es handele sich um »ein überindividuelles, eigenständiges, stabiles Phänomen, das nicht endgültig fixierbar ist, das sich historisch wandelt, das sich selbst in Manifestationen verschiedenster Art zeigt und das in sich eine Ambivalenz seiner Wirkungen trägt« (ebd., 21).
Die etablierte Auffassung vom Zeitgeist bleibt hinter dem Anspruch einer strengen Definition zurück, weil sie, so Kluck, des Blickpunktes einer Phänomenologie vom unmittelbaren Zeiterleben entbehrt. So wird ersichtlich, dass auch die objektivierte Zeit, die sich in den Merkmalen einer Epoche widerspiegelt, erst verständlich wird, wenn die Bedingungen ihrer Genese in der Erfahrung berücksichtigt werden. Kluck schlägt eine Interpretation des Zeitgeists als gemeinsame Situation vor und mit Michael Großheim (2012) ließe sich phänomenologisch ergänzen, dass der Zeitgeist einer Epoche den Zeithorizont unseres Erlebens prägt. Der Zeitgeist prägt die in ihm erlebten Zeithorizonte, sei es durch Gegenwartsfixierung oder Langfristorientierung (vgl. ebd.).
Der Zeitgeist drückt sich in den kleinen Unterschieden des täglichen Lebens von der Frühschicht über die Pünktlichkeit zur Mahlzeit ebenso wie in den großen Zusammenhängen, die wie Schicksalsmomente die Geschichte bestimmen, aus: Der Zeitgeist als Signatur einer temporalen Lebensform, also die gestalthafte Ordnung, die eine Generation von einer anderen unterscheidet, rahmt die Lebensform der Subjekte, doch deren Erfahrung stiftet wiederum allererst den Zeitgeist. Das betrifft zum Beispiel das Verhältnis der Menschen zur Geschichte: Die lebendige Wirklichkeit, die das Vergangene für eine Generation hat, ist in der nächsten dem Vergessen übergeben. Die temporale Rhythmik des Zeitgeists manifestiert – wie sich im Sinne von Diltheys Kritik der historischen Vernunft sagen ließe (vgl. Rodi 2018) – die Bedingungen der Möglichkeit des menschlichen Lebens, sei es in der Zeit, sodass durch die »Aneinanderreihungen von Zeitfeldern« die »objektive Zeit« als »feste Ordnung« (Husserl 1966, 70) entsteht oder mit der Zeit in Form von Zeitritualen und -disziplinen als »zum Selbstzwang gewordener sozialer Zeitzwang« (Elias 1984, XLIV).
Im vorliegenden Schwerpunktheft des Journals für Psychologie wird in den Beiträgen der umrissene Topos möglicher Zusammenhänge zwischen dem menschlichen Leben mit der Zeit und dem Leben in der Zeit in unterschiedlichen Praxisfeldern thematisiert. Einige Texte legen einen Schwerpunkt auf den lebenspraktischen Umgang des Menschen mit der Zeit, oder sie nehmen von der im sozialen Leben gegebenen, durch Chronometrie objektivierte Zeit ihren Ausgang, um dann ggf. damit verbundene Aspekte der unmittelbaren Zeiterfahrung zu thematisieren. Andere Beiträge fokussieren das Erleben von Zeit und stellen von dort Bezüge zum Umgang mit der Zeit her. Exakt dieses umrissene Spannungsfeld des menschlichen Lebens mit und in der Zeit soll mit dem Titel unseres Schwerpunkts »Zeiterleben und Zeitpraktiken« adressiert werden. Beide Aspekte stellen mögliche Analysemomente der modernen Gesellschaft und dem dort angesiedelten Handeln und Erleben von Individuen dar.
Häufig wird als Charakteristikum der Moderne die sich permanent transformierende Realisierung und Organisation von Gesellschaft beschrieben. Dieses Merkmal eines in fortwährender Veränderung sich befindenden sozialen Lebens kann in hervorragender Weise gerade am menschlichen Umgang mit Zeit und am Erleben von Zeit verdeutlicht werden. Vor diesem Hintergrund ist es alles andere als überraschend, dass die hier versammelten Beiträge menschliche Zeitpraxis und das damit verbundene Zeiterleben oft im Kontext aktueller Veränderungsprozesse thematisieren. Dass sich damit die Kategorie der Zeit sowohl in ihren Handlungs- als auch Erlebensbezügen selbst wandelt, mag ein naheliegender Gedanke sein, der in den hier präsentierten Texten mal deutlicher, mal eher im Hintergrund stehend zum Thema gemacht wird.
Patrick Leinhos widmet sich dem Themenfeld des Biographisierens auf Grundlage wissenssoziologischer Betrachtungen. Verzeitlichung wird als flexible Strategie verstanden, mit der Individuen gesellschaftliche Anforderungen, Unsicherheiten und Widersprüche bewältigen und ihre Identität konstruieren. Diese Überlegungen werden anhand von exemplarischem Material, das mit der dokumentarischen Methode gewonnen und analysiert wurde, verdeutlicht. Das Forschungsinteresse betrifft den impliziten Modus sozialen Handelns, insofern explizite Inhalte und dann deren performativer Sinn analysiert werden, wodurch sich systematische Vergleiche unterschiedlicher Handlungstypen sowie Verzeitlichungsmodi herausarbeiten lassen.
Franz Erhard geht in seinem Beitrag der Frage nach, inwieweit sich die zeitliche Verfasstheit subjektiver Erfahrung bei von Armut betroffenen Personen verändert. Anhand von sozialphänomenologisch angelegten Fallanalysen macht er deutlich, dass es bei Armutsbetroffenen zu einer Art von biografischem Stillstand und zu einer Erosion der narrativ begründeten Sinnbildung kommt. Zeit und Biografie sind Erhards Studie zufolge wesentliche Formen der Vermittlung von sozialer Struktur und subjektiver Erfahrungsbildung, die bei von Armut Betroffenen nicht selbstverständlich zur Verfügung stehen oder ausgebildet werden.
Mael Boenig verfolgt im Beitrag »Neuformulierungen linearer Zeitlichkeit« die These, dass trans und nichtbinäre Menschen zur Entwicklung einer eigenen Lebensgeschichte einerseits auf gesellschaftlich anerkannte narrative Muster zurückgreifen, die chrono- und cisnormativen Logiken folgen, andererseits aber diese Erzählstrukturen auch an ihre Lebenssituation eigensinnig angleichen. Am Beispiel eines biografisch ausgerichteten Transkripts einer narrativen Selbstpräsentation werden die vielfältigen Verschränkungen von wahrgenommener und verarbeiteter Zeit, Inkongruenz und Transgeschlechtlichkeit herausgearbeitet. Vorherrschende gesellschaftliche Zeitkonstruktionen werden hinterfragt und asynchronen oder diskontinuierlich angelegten Vorstellungen von Zeitlichkeit und damit verbundenen Zeitpraktiken gegenübergestellt.
Vor dem Hintergrund des psychoanalytischen Konzepts der Nachträglichkeit untersucht Janos Erkens, wie Bruchlinien in biografischen Erzählungen von trans Jugendlichen und jungen Erwachsenen in weitgehend kohärente Narrative überführt werden. Auf Basis von drei tiefenhermeneutisch interpretierten Interviews wird ausgeführt, wie junge trans Menschen ihre eigenen Begriffe entwickeln, um Vergangenheit und Gegenwart in ein stimmiges Identitätskonzept zu integrieren. Gesellschaftliche Normen und Erwartungen bleiben dabei weiterhin wirkmächtig, gleichzeitig zeigen die Erzählungen unterschiedliche Strategien, um erlebte Diskontinuität konstruktiv zu verarbeiten.
Elisabeth Pönisch thematisiert am Beispiel nationalsozialistischer Gewaltherrschaft Gewalt als zeitliches Phänomen. Ihre an dokumentierten Interviews von Zeitzeugen ausgerichtete Analyse zeigt, dass nationalsozialistische Gewalt immer auch durch spezifische Zeitordnungen strukturiert ist, die als »Gewaltzeitregime« verstanden werden können. Judenhaus und Konzentrationslager erscheinen dabei als zwei idealtypische Formen solcher Gewaltzeiten, die mit unterschiedlichen Ausprägungen von zeitlicher Kontrolle und der Entkopplung von Normalzeit und Destruktionsintensität einhergehen. Es wird deutlich, dass NS-Verfolgung als Abfolge zunehmend totalisierter Gewaltzeitherrschaft verstanden werden kann. Dabei werden die Eigenzeit und Lebensgeschichten der Opfer fragmentiert und systematisch zerstört.
Matthias Grein reflektiert das Zeiterleben in pädagogischen Kontexten. Sein Text untersucht den Vorbereitungsdienst für das Lehramt als durch Zeitmangel und ein spezifisches Zeitregime geprägte Belastungserfahrung, die aus autoethnografischer Perspektive anhand eigener Abbrucherfahrungen reflektiert wird. Dabei werden wissenschaftliche und Ratgeber-Perspektiven auf Zeit (als Ressource bzw. Praxis) sowie praxistheoretische Ansätze kontrastiert, um das individuelle Zeiterleben und seine Bedeutung für die Professionalisierung zu analysieren. Grein beschreibt den Vorbereitungsdienst zunächst aus einer subjektiven Erzählperspektive, in der lange Fahrtzeiten und behördliches Handeln als willkürlich und ausbildungshemmend erlebt und als zentrale Ursache für »tote Zeit« und letztlich den Abbruch gedeutet werden. Daraufhin wird diese Sicht theoretisch gerahmt (time on task), wodurch auch nicht-pädagogische Tätigkeiten als systematisch relevante »off task«-Anteile des Vorbereitungsdiensts sichtbar werden und die Verwobenheit verschiedener Aufgaben sowie widersprüchlicher Zeitlogiken zwischen Optimierungs- und Hierarchieanforderungen in den Blick rückt.
Der Aufsatz von Daniel Hofstetter und Annette Koechlin betrachtet die Thematik der Zeitlichkeit gleichfalls in Hinblick auf pädagogische Zusammenhänge. Zeit wird als gesellschaftlich konstruiertes Phänomen verstanden, das sich im Spannungsfeld zwischen einer linearen, koordinierenden Chronos-Zeit und einer körperlich-subjektiven Rhythmus-Zeit entfaltet. Für Unterricht und Kooperation bedeutet dies, dass unterschiedliche Eigenzeiten zusammentreffen und durch zeitliche Ordnungen aufeinander abgestimmt werden müssen, wodurch Zuständigkeiten und Zusammenarbeit überhaupt erst erzeugt und strukturiert werden. Diese Überlegungen werden mit ethnografischen Betrachtungen über den Schulalltag an einer sonderpädagogischen Einrichtung in der Schweiz flankiert.
Auch die Überlegungen von Ulrich Iberer und Robin Rox wenden sich einer pädagogischen Problematik zu. Aus ihrer Sicht sind feste zeitliche Strukturen charakteristisch für das Schulleben, doch diese Strukturen werden durch gesellschaftliche Beschleunigung, Digitalisierung und wachsende Anforderungen zunehmend verdichtet, was zum Erlebnis von Zeitmangel führt. Lehrkräfte und Schulleitungen müssen in diesem Spannungsfeld agieren, wodurch Zeit zu einer zentralen organisationalen und subjektiven Ressource wird. Ein reflektierter und strategischer Umgang mit Zeit wird zur kritischen Anforderung, um pädagogische Qualität, Arbeitszufriedenheit und eine funktionierende Schulorganisation zu koordinieren. Diese theoretischen Betrachtungen werden mit Daten aus einer zweistufigen Befragung an einer sonderpädagogischen Schule in Baden-Württemberg in Beziehung gebracht.
Bettina Siebert-Blaesing fasst den Umgang mit Zeit system- und ressourcentheoretisch und thematisiert in ihrem Beitrag die Bedeutung von Geduld in professionellen Veränderungsprozessen. Geduld wird dabei nicht als Eigenschaft oder Einstellung einer Person verstanden, sondern als Prozesselement im Rahmen zeitlich strukturierter sozialer Interaktionen. Aus der Analyse zweier Fallvignetten aus dem Kontext von Organisationen wird deutlich, inwieweit Geduld als aktiv eingebrachtes Moment der Zeitgestaltung es ermöglicht, mit Veränderungsprozessen oft einhergehende Spannungen auszugleichen, Entscheidungsprozesse sinnvoll zu organisieren und Übergänge jenseits von Beschleunigung und Erstarrung adäquat zu gestalten.
Im abschließenden Beitrag unseres Themenschwerpunkts untersucht Kevin Maier die zeitlich normative Orientierung im kommunikativen Handeln der Ökologiebewegung Fridays for Future. Im Zuge einer Fallanalyse untersucht der Autor die Struktur der zeitlichen Logik der Bewegung und kommt zu dem Ergebnis, dass im Rahmen einer sogenannten arrangierten Kontingenz temporale Offenheit und normative Orientierung so miteinander verbunden werden, dass Zukunft als gefährdet, aber auch als gestaltbar erscheint. Diese Struktur ermöglicht es, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bei aller Spannung in eine weitgehend kohärente Perspektive zu bringen und daraus sowohl politische als auch individuelle Transformationsimpulse abzuleiten. Auf gesellschaftlicher Ebene entsteht so ein erneuertes Verhältnis von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, das Zukunft als moralisch gebundene, solidarisch zu gestaltende Dimension fasst.
Abschließend möchten die Herausgeber dieser Ausgabe ihren Dank aussprechen. Zum einen richtet er sich an die Autor*innen, mit deren Beiträgen es uns wohl gelungen ist, die Relevanz und Vielfältigkeit unseres Schwerpunktthemas vor Augen zu führen und gewonnene Erkenntnisse zur Diskussion zu stellen. Zum Zweiten danken wir jenen Kolleg*innen, die durch ihre Gutachten maßgeblich zur Qualität der hier versammelten Beiträge mit beigetragen haben. Einige der Autor*innen dieser Ausgabe haben ausdrücklich hervorgehoben, dass die Gutachten konstruktiv kritisch formuliert und damit sehr hilfreich für die Überarbeitung waren. Nicht zuletzt geht unser Dank an die Mitarbeiter*innen des Psychosozial-Verlags für die gewohnte, aber nicht selbstverständliche professionelle Unterstützung beim Lektorat und die angenehme Zusammenarbeit.
Elias, Norbert. 1984. Über die Zeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Gadamer, Hans-Georg. 1987[1969]. »Über leere und erfüllte Zeit«. In Neuere Philosophie II. Probleme – Gestalten, 137–53. Tübingen: Mohr.
Großheim, Michael. 2012. Zeithorizont: Zwischen Gegenwartsversessenheit und langfristiger Orientierung. Freiburg/München: Karl Alber.
Hörning, Karl H., Daniela Ahrens und Anette Gerhard. 1997. Zeitpraktiken. Experimentierfelder der Spätmoderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Husserl, Edmund. 1966. Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins (1893–1917). Husserliana: Gesammelte Werke. Bd. 10. Den Haag: Nijhoff.
Kluck, Steffen. 2008. Der Zeitgeist als Situation. Rostocker Phänomenologische Manuskripte. Bd. 3. Rostock: Universität Rostock.
Nowotny, Helga. 1989. Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Rodi, Frithjof. 2018. Diltheys Philosophie des Lebenszusammenhangs: Strukturtheorie – Hermeneutik – Anthropologie. Freiburg/München: Karl Alber.
Ralph Sichler, Dr. phil., Dipl.-Psych., Professor für Grundlagen der Psychologie an der Bertha von Suttner Privatuniversität in St. Pölten und langjähriger Mitherausgeber des Journal für Psychologie. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Kulturpsychologie, der qualitativen Sozialforschung, der Arbeitspsychologie und den philosophischen Querverbindungen zur Psychologie.
Kontakt: Prof. Dr. Ralph Sichler, Bertha von Suttner Privatuniversität, Campusplatz 1, 3100 St. Pölten, Österreich; E-Mail: ralph.sichler@suttneruni.at
Alexander Nicolai Wendt, Dr. phil. (Deutschland) Dr. (Italien), MSc., MA., wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Psychologie der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien sowie Habilitand am Psychologischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Forschung zur Phänomenologischen Psychologie, Psychologiegeschichte, Wissenschaftsphilosophie und Denkpsychologie
Kontakt: Dr. Dr. Alexander Nicolai Wendt, Sigmund Freud PrivatUniversität, Freudplatz 1, 1020 Wien, Österreich; E-Mail: alexander.wendt@sfu.ac.at