Franz Erhard
Journal für Psychologie, 34(1), 31–50
https://doi.org/10.30820/0942-2285-2026-1-31 CC BY-NC-ND 4.0 www.journal-fuer-psychologie.deDer Beitrag geht der Frage nach, wie sich bei Armutsbetroffenen die zeitliche Struktur subjektiver Erfahrung verändert. Auf Grundlage sozial-phänomenologischer und biografietheoretischer Ansätze wird gezeigt, dass Armut den Zerfall von überaus relevanten Strukturmustern der subjektiven Zeiterfahrung mit sich bringen kann. Anhand narrativer Fallanalysen wird verdeutlicht, dass Betroffene mitunter Schwierigkeiten haben, ihr Leben als fortschreitende Geschichte zu verstehen und zu erzählen. Der Verlust biografischer Artikulationsfähigkeit führt zu einer Wahrnehmung von Stillstand des eigenen Lebens und verweist somit auf die Erosion biografischer Sinnbildung. Damit wird deutlich, dass Zeit und Biografie zentrale Vermittlungsformen zwischen sozialer Struktur und subjektiver Erfahrung darstellen. Methodologisch verbindet der Beitrag phänomenologische Zeitanalyse mit rekonstruktiver Biografieforschung und leistet so einen Beitrag zur Erforschung der Subjektivierung sozialer Ungleichheit.
Schlüsselwörter: subjektive Armut, Zeit, Biografie, Lebenslauf, Sozialphänomenologie
Biographical standstill
On the experience of time among people living in poverty from a social phenomenological perspective
The article explores how poverty transforms the temporal structure of subjective experience. Drawing on social phenomenology and biographical theory, it demonstrates that poverty can bring about the disintegration of highly significant structural patterns of subjective temporal experience. Narrative case analyses reveal that individuals affected by poverty struggle to understand and narrate their lives as progressive, coherent stories. The loss of biographical articulacy leads to a perception of stagnation in one’s own life and thus indicates an erosion of biographical meaning-making. This highlights that time and biography function as key mediating forms between social structure and subjective experience. Methodologically, the paper combines phenomenological time analysis with reconstructive biographical research, thereby contributing to the study of the subjectivation of social inequality.
Keywords: poverty, biography, time, social phenomenology, life course, social inequality
Unser Alltag ist von verschiedenen Zeitläufen geprägt. Wie Schütz (Schütz und Luckmann 2003) aus sozialphänomenologischer Perspektive argumentiert, »schichtet« sich die Lebenswelt neben den räumlichen Horizonten des Wirkens und den verschiedenen Graden des Involviertseins mit der sozialen Mitwelt über zeitliche Strukturen auf. Dieses Erleben der »Welt als Dauer« (ebd., 82) ist ein wesentliches Element unseres Zugangs zur Wirklichkeit. Dabei liegt Zeit nicht einfach im physikalischen Sinne vor. Sie wird erst durch die »Überschneidungen der subjektiven Zeit des Bewußtseinsstroms, der inneren Dauer, mit der Rhythmik des Körpers […], mit den Jahreszeiten wie der Welt-Zeit überhaupt und dem Kalender« (ebd., 84) greifbar. Dass Bäume Blätter treiben und dann wieder verlieren, dass Menschen geboren werden und dann sterben, dass wir verlässlich die Weihnachtskisten aus dem Keller holen, dass wir früh zur Arbeit fahren und nachmittags nachhause, dass es – abstrakt gesagt – im Großen und Kleinen rhythmisierte und erwartbare Veränderungen und Entwicklungen in unserem Alltag gibt, führt uns Zeit vor Augen.
Eine für den modernen Menschen überaus prägende Zeitstruktur ist die »biographische Artikulation« (ebd., 94). Uns erscheint es als naturgegeben, dass wir uns im Laufe unseres Lebens stetig weiterentwickeln. Wir bewältigen einzelne, aufeinander aufbauende Etappen, erst der Bildung, dann der Ablösung vom Elternhaus, der weiterführenden Ausbildung und Etablierung im Berufsleben, der Gründung einer Familie usw., und erreichen Zielmarken und Aufstiege, die uns als solche wichtig und schlüssig erscheinen. Das Leben wird dabei als lineares »Ablaufmodell« (Brose et al. 1993, 29) entworfen, das durchaus auch Scheitern und Rückschläge vorsieht, in das aber legitimerweise erst Ruhe einkehren darf, wenn bestimmte Kriterien wie der Renteneintritt erfüllt sind. Eine zentrale zeitsoziologische Einsicht ist, dass es für diese biografische Strukturierung unseres Lebens einer spezifischen Kompetenz bedarf, die über Prozesse der familiären Sozialisation und in Bildungsinstitutionen angeeignet wird (Rosenthal 1995). Erst durch diese Prägungen lernt man, das Leben als fortschreitende Sukzession von miteinander verknüpften Ereignissen zu konzeptualisieren und den eigenen Lebenslauf an spezifischen Wegmarken und Erfolgsmaßstäben handlungspraktisch auszurichten. Dazu kommen gesellschaftsstrukturelle Faktoren sowie soziale Arrangements, die eine wesentliche Rolle dafür spielen, welche zeitliche Figur einem für die eigene Biografie sinnfällig erscheint (Brose et al. 1993, 224–260). Insgesamt lässt sich somit sagen, dass das dynamisierte Zeiterleben unseres Alltags weitaus weniger selbstverständlich ist, als es uns erscheint, und erheblich von den gesellschaftlichen Umständen abhängt, in denen wir uns bewegen.
An dieser Stelle möchte ich ansetzen und im Folgenden der These nachgehen, dass bestimmte Lebensumstände dazu führen können, dass die Kompetenz zur (Auto-)Biografisierung verkümmert, gestört wird oder gar ganz verloren geht. Elaborieren werde ich diesen Punkt anhand zentraler Einsichten aus meiner sozial-phänomenologischen Armutsforschung. Armut ist als Lebenslage in modernen Industrienationen durch Arbeitslosigkeit, wohlfahrtsstaatliche Fürsorge und Kontrolle sowie soziale Stigmatisierung gekennzeichnet (Kaufmann 1988; Simmel 1992; Mohr 2007). Sie zeichnet sich – damit im Zusammenhang stehend – auf subjektiver Ebene u. a. durch die Neigung aus, in pessimistische und fatalistischen Einstellungsmuster zu verfallen (Sammet 2014; Sammet und Weißmann 2012) und die Zukunft als blockiert wahrzunehmen.
Der dahinter liegende Mechanismus ist vielfach beschrieben worden: Vor dem Hintergrund von regelmäßigen Erfahrungen des Verlustes von effektiver Handlungsmacht aufgrund geringer Geldmittel, der Fremdbestimmung und der sozialen Abwertung schleift sich bei von Armut betroffenen Menschen auf Dauer die Wahrnehmung ein, passiv der eigenen Lage ausgeliefert und Spielball externer Kräfte zu sein (Seligmann 2011[1975]; Gissi 1995; Heitkamp 2019; Dixon und Frolova 2011; Kane 1987). Diese aus Erfahrungen geronnene Grundhaltung der Welt gegenüber, so mein Argument, stet einem dynamisierten Erleben aber auch Gestalten der eigenen Biografie im Weg. Armutsbetroffene gelangen – wenn auch in verschiedenen Graden – zu dem Eindruck, dass ihre Biografie ins Stocken gerät. Zwar tätigen sie noch Handlungen und machen weiterhin Erfahrungen. Ihr Leben hört nicht auf. Da ihre tagtäglichen Verrichtungen allerdings wesentlichen externen Einschränkungen und Abhängigkeiten unterliegen und sich desintegriert bzw. »inkrementell« (Schimank 2002, 244) aneinanderreihen, anstatt auf das Erreichen gesellschaftlich etablierter, insbesondere erwerbsbiografischen Lebensziele abzuzielen, wird dieses nicht mehr als kontinuierliche Entwicklung wahrgenommen. Dieser Verlust der lebenszeitlichen Struktur wirkt sich auch auf das Empfinden der Alltagszeit aus. Wo der autonom gestaltete »Normallebenslauf« (Fischer und Kohli 1987, 41) als handlungsleitende Figur zerfällt, kollabiert auch das Vertrauen in die Sinnfälligkeit und Zielorientierung des eigenen Handelns. Da diese Perspektiven fehlen, verlieren auch die Tage an Struktur. Sie fließen einfach dahin, oder werden zäh. Der Eindruck einer gedehnten Zeit stellt sich ein.
Diesen zunächst schematisch dargestellten Zusammenhang vertiefe ich im Folgenden. Zuerst gehe ich auf den »Normallebenslauf« (ebd.) als gesellschaftlich vermittelte Richtschnur für die Strukturierung des eigenen Lebens und das damit verkoppelte subjektive Zeiterleben ein und erörtere theoretisch, wie der Verlust der Orientierung an dieser Struktur zu einer desorientierten Zeitwahrnehmung führt (Kap. 1). Danach erläutere ich den Forschungskontext und das forschungspraktische Vorgehen, die meiner Argumentation zugrunde liegen (Kap. 2). Um mein Grundargument zu verdeutlichen und greifbarer zu machen, stelle ich anschließend die zeitsoziologisch fokussierte Rekonstruktion zweier narrativ angelegter Interviews mit Armutsbetroffenen aus Großbritannien vor (Kap. 3. und 4.). Diese dienen meiner Argumentation als besonders drastische, aber eben auch prägnante Beispiele für den Zerfall der normalbiografischen Struktur und des damit verkoppelten desorientierten Zeiterlebens. Erkennbar wird das daran, dass es den Befragten schwerfiel, eine biografische Erzählung von sich zu präsentieren. Die beiden Personen sahen sich in einem biografischen Stillstand bzw. einer biografischen Sackgasse angekommen und dokumentierten im Alltag eine erhebliche pessimistisch-passive Erfahrungshaltung. Dass sie sich aus ihrer aktuellen Lage eines Tages befreien, erschien für sie illusorisch bis utopisch. Als Grund dafür ist auch ein gestörter Zeitbezug in Anschlag zu bringen: Eine alternative Zukunft und eine prozesshafte Entwicklung dorthin, waren für Sie undenkbar. Das Leben spielte sich innerhalb der Kurzfristhorizonte des Hier und Jetzt ab. Erkennbar wird an den zwei Beispielen, dass sich Armut nicht nur als ökonomische oder räumliche Beschränkung, sondern auch als Krise der biografischen Form und Störung des zeitlichen Selbstverhältnisses manifestiert. Darüber hinaus zeigt sich in Bezug auf das Thema Soziale Zeit, dass sich das moderne, individualisierte Subjekt als solches erst in der Form des biografischen Verlaufs konstituieren kann (Fischer-Rosenthal und Rosenthal 1997) und es mithin auch Teilhabe- und Zugangsvoraussetzung zur modernen Gesellschaft ist, den eigenen Lebenslauf biografisch »artikulieren« zu können, um es mit Schütz (Schütz und Luckmann 2003, 94) zu sagen. Auf diese Punkte gehe ich in der Schlussbetrachtung ein (Kap. 5).
Für die soziologische Zeittheorie entspringt das »Bedürfnis nach einer Wahrnehmung und Bemessung« von Dauern und zeitlichen Verläufen »der Notwendigkeit der Synchronisierung der gesellschaftlichen Praxis« (Brose et al. 1993, 18). Es ergäbe keinen Sinn, sich an »regelmäßig erscheinenden Abläufe […] als Orientierungsmarken im Fluss der Zeit« (ebd.) auszurichten, gäbe es nicht aufgrund von überindividuell etablierten Erwartungen und Vorgaben den Bedarf der Handlungskoordination. In diesem Sinne ist Zeit – auch die physikalisch bemessene – immer »sozial«. Darauf aufbauend ist aus sozial-phänomenologischer Perspektive relevant, dass Zeit unterschiedlich erlebt werden kann. Manchmal rast sie im Alltag förmlich dahin und man fragt sich rückblickend, wo sie geblieben ist. Dann wieder gibt es Zustände des Wartens und der Langeweile, in dem sie einfach nicht zu vergehen scheint. Daran wird deutlich, dass die physikalische und exakt messbare Zeit und die subjektive erlebte Zeit auseinanderfallen. Als wie schnell oder langsam der Gang der Zeit subjektiv erlebt wird, hängt stark vom Gegenstand, auf den das Bewusstsein gerichtet ist, und vom sozialen Kontext ab, in dem man sich befindet. Diese implizieren verschiedene Zeitstrukturen, die das Zeiterleben anleiten. Im Alltag sind sie ineinander verschränkt und verlangen nach Koordination (ebd., 20–25; Schütz und Luckmann 2003, 81–97).
Eine mit dem Aufkommen der industriellen Moderne etablierte, bis heute aktuell gehaltene und äußerst dominante Zeitstruktur ist die des institutionalisierten bzw. »Normallebenslaufs« (Fischer und Kohli 1987). Passend auf das vom Fortschrittsgeist geprägte und linear auf das Erreichen von Zielen in der Zukunft ausgerichtete Zeitverständnis der Moderne wird dabei die subjektive Lebenszeit als Karriere entworfen (Koselleck 1979; Brose et al. 1993, 28–29). Der Normallebenslauf stellt dabei nicht nur einen entscheidenden Ankerpunkt dafür dar, welche Lebensziele und darauf bezogene Handlungsentscheidungen vorstellbar sind, sondern auch und vor allem welche als erstrebenswert und legitim gelten (Fischer 2011, 251). Diese letztere, »normative Dimension macht den wesentlichen Gehalt der These von der Institutionalisierung des Lebenslaufs aus« (Brose et al. 1993, 29). Dabei spielen biografische Wegmarken eine entscheidende Rolle, die »um das Erwerbsleben organisiert« (Fischer und Kohli 1987, 41) sind. Das erklärt sich daraus, dass die Erwerbswelt eine, wenn nicht sogar die entscheidende gesellschaftliche Sphäre darstellt, in der soziale Anerkennung und Teilhabe vermittelt werden (Honneth 2008). Wer hier im Sinne einer zeitlichen Steigerungsfolge »Karriere macht«, darf legitimerweise Anspruch auf die Erhöhung des eigenen Ansehens erheben. Die Rückseite davon ist, dass Personen, die dem Normallebenslauf nicht entsprechen und dafür keine sozial akzeptierten Gründe vorbringen können, schnell zu Opfern von abwertender Stigmatisierung werden können oder anfangen, sich selbst geringzuschätzen (Erhard, 2024b). Diesem zeitlichen Strukturkonzept ist also eine degradierende Potenz eigen, die nicht unterschätzt werden darf.
Neben diesem, das soziale Ansehen betreffenden Aspekte spielt der »Normallebenslauf« indes noch aus elementareren Gründen eine Rolle. So steht die Aufgabe, dem eigenen Leben eine biografische Form zu geben, im Zentrum der Identitätsarbeit moderner Subjekte (Brose und Hildenbrand 1988). Die Orientierung am »Normallebenslauf« trägt zur basalen Sinnstiftung bei. Als Regelstruktur ermöglicht er es, dass die Handlungsentscheidungen, die das Subjekt trifft, in Bezug auf bestimmte zeitliche Zielpunkte hin geordnet und so erst als ein verbundener, in sich schlüssiger Ablauf begriffen werden können. In diesem Sinne ist er die Voraussetzung dafür, langfristige Ziele zu formulieren und das eigene Handeln nicht allein am Bewältigen tagesaktueller Probleme und Herausforderungen auszurichten. Auch wenn es immer individuelle Abweichungen gibt (Schütz und Luckmann 2003, 97), stellt das institutionalisierte Schema des »Normallebenslaufs« mithin ein entscheidendes Ordnungsprinzip dar, um das biografische Entscheidungshandeln und damit die zeitliche Erfahrungsweise des Menschen, seine »innere Dauer« (Schütz und Luckmann 2003, 97), zu strukturieren. Er führt zu einer »biographischen – d. h. vom Ich aus strukturierten und verzeitlichten – Selbst- und Weltauffassung« (Kohli 1988, 38), die dem modernen Subjekt Selbstidentifikation und Handlungsentscheidungen überhaupt erst ermöglicht.
Diese institutionalisierte zeitbezogene Selbstauffassung ist nun nicht qua Geburt mitgegeben. Auch wenn die »Ausformungen biographisch sinngebender Kategorien […] in der natürlichen Einstellung als selbstverständliche Artikulationen des Lebenslaufs erfahren« werden, sind sie doch »im Grund dem einzelnen auferlegt und werden von ihm verinnerlicht« (Schütz und Luckmann 2003, 95). Genauer: Es bedarf einer spezifischen selbst-historisierenden Kompetenz, die erst angeeignet werden muss, um die Lebenszeit als biografische Karriere begreifen zu können. Das geschieht über Prozesse der Sozialisation und Bildung, durch die Kinder und Jugendliche biografische Erzählmuster vorgeführt bekommen, einüben und als gültig übernehmen (Rosenthal 1995). Aus gesellschaftlich »auferlegten« Sinnstrukturen werden dabei subjektiv sinnhafte, handlungsleitende und identitätsstiftende Orientierungen. Zu denken ist hier an Fragen in der Familie danach, was man einmal werden möchte, aber auch an schulische Auseinandersetzungen und Jobberatungen, die die möglichen Weggabelungen im Leben thematisieren und diesbezüglich auf individuelle Entfaltungsfreiheit abheben – aber auch einen persönlichen Entscheidungsdruck aufbauen. Aus Lernerfahrungen dieser Art ergibt sich für Kinder und Jugendliche eine verinnerlichte »Orientierung an der Temporalität des Lebenslaufs« (ebd., 104). Sie lernen, sich selbst als an einem bestimmten Punkt von Entwicklungen befindlich wahrzunehmen und darzustellen, die größere Zeitspannen ihrer Lebenszeit umfassen und linear aufeinander aufbauen. Besonders hervorzuheben sind hier zeitliche Entwicklungen im Ausbildungs- und Erwerbsleben.
Wie ich im Folgenden argumentieren möchte, können die Aneignung und Umsetzung dieser Kompetenz allerdings auch ausbleiben oder gestört bzw. außer Takt gebracht werden. Die beschriebene Daueraufgabe, dem persönlichen Lebensverlauf eine normalbiografische Form zu geben, gerät somit in die Krise – was erhebliche Folgen für das Selbstbild und zeitliche Erfahrungsweise des betreffenden Subjektes hat. Auf dieses Phänomen bin ich im Zuge meiner qualitativen Forschung zu Armutsbetroffenen gestoßen. Wie sich erwies, stellt es für manche von ihnen eine erhebliche Herausforderung dar, für sich und gegenüber anderen das Bild einer integrierten Biografie aufzubauen und Handlungsperspektiven über die unmittelbare Gegenwart hinaus zu entwickeln. Die eigene Biografie war ihnen buchstäblich fremd, die Zukunft erschien blockiert. Der subjektive Eindruck eines biografischen Stillstands bzw. einer Sackgasse hatte sich bei ihnen eingespielt. Dazu kam eine passiv-pessimistische Grundhaltung.
Diesbezüglich sind bereits typologische Einsichten etabliert. So ist gut beforscht, dass sich Armut auf die Selbstkonzeptionen und die Agency der betroffenen Personen destruktiv auswirkt. Die Empfindung, machtlos gegenüber dem eigenen Schicksal zu sein sowie fremdbestimmt das eigene Leben an einem vorbeziehen zu sehen, stellt sich ein (Gissi 1995; Heitkamp 2019). Zurückgeführt wird das unter anderem auf Erfahrungen der Bevormundung in sozialstaatlichen Einrichtungen wie Arbeitsagenturen (Patrick 2016), der stereotypen Repräsentation in den Massenmedien (Jensen 2014; Shildrick 2018), aber auch der Entblößung im nahen Umfeld. Die in diesen Kontexten gemachten Erfahrungen der Scham und Beschämung sind ein wesentlicher Erklärungsfaktor für die sich in Armut aufbauenden fatalistischen und passivistischen Haltungen (Erhard 2024b). Aufgrund von Erfahrungen der sozialen Zurückweisung und fehlenden Anerkennung schleichen sich Zweifel am eigenen sozialen Wert und der Relevanz der eigenen Handlungen ein. In der Folge verzagt das Erfahrungssubjekt und entwirft sich immer weniger als »agentic self« (Silva und Corse 2018, 236).
Im Kontext der hier verfolgten Überlegungen ist daneben die dominante Gegenwartsorientierung in Armutslagen interessant, die ein etablierter Topos der subjektzentrierten Armutsforschung ist (Lewis 1966; Banfield 1970; Fieulaine und Apostolidis 2015; Güell und Yopo Díaz 2021; Moynihan 1965; Zimbardo und Boyd 1999). So fällt es Armutsbetroffenen tendenziell schwer, mittel- und langfristige Pläne zu verfolgen. Stattdessen steht das Unmittelbare oft im Vordergrund. Das liegt zum einen an den strukturellen, insbesondere ökonomischen Bedingungen, die den Armen auf das Befriedigen tagtäglicher Bedürfnisse zurückwirft. Zum anderen lassen sich aber auch psychosoziale Effekte der gesellschaftlichen Entfremdung und Desorientierung beobachten, die eine systematische, vor allem auf das Erwerbsleben ausgerichtete Handlungsplanung erschweren oder schlicht verunmöglichen. In den Fokus rücken dadurch vornehmlich kurzfristige, unmittelbare Ziele.
Ganz ähnliche Effekte wurden auch in der bekannten »Marienthalstudie« (Jahoda et al. 2014) angesprochen. Durch die plötzliche Schließung einer Textilfabrik, die als Hauptarbeitgeber im Ort fungierte, ging abrupt der Takt- und Sinngeber im Alltag der Bewohner des Ortes verloren. Eine allgemeine Passivität und Müdigkeit stellte sich ein. Da – zumindest für die Männer im Ort – die »materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt [worden waren], die Zeit zu verwenden« (ebd., 83), verbrachte man zunehmend die Tage mit »Nichtstun« (ebd,2014, 86). In der Folge flossen diese einfach dahin, ein allgemeiner »Zeitzerfall« (ebd.. 2014, 92) setzte ein. Während von Schütz (Schütz und Luckmann 2003) die Aufschichtung temporaler Strukturen beschrieben worden ist, konnte anhand der Marienthalstudie mithin der Abbau der prägenden (Sozial- und) Zeitstrukturen einer Gemeinde und die damit herbeigeführte kollektive Krise der zeitlichen Selbstverortung beobachtet werden (Schlembach 2020).
Bevor ich nun diese Punkte weiter entfalte, möchte ich den Forschungskontext erläutern, in den sie eingebettet sind.
Die Auseinandersetzung mit der These eines subjektiven biografischen Stillstands in Armutslagen war Teil einer Studie zum Thema »Die Erfahrung von Armut« (Erhard 2021, 2024a). Getragen wurde die Untersuchung von einer forscherischen Grundhaltung, die die Phänomenologie von Armut ins Zentrum setzte. Dabei ging es darum zu zeigen, wie sich die »Lebenswelt« in Armutslagen darstellt. Mit diesem Begriff bezeichnete Husserl, »das Allerbekannteste, das in allem menschlichen Leben immer schon Selbstverständliche, in ihrer Typik immer schon durch Erfahrung uns [V]ertraut[e]« (Husserl 1954, 126). Es ist also das unmittelbare Lebensumfeld des Einzelsubjekts mit seinen typischen Besorgungen, Begegnungen und Erfahrungen gemeint, die im Alltag nicht infrage gestellt werden. Schütz (1945; Schütz und Luckmann 2003) adaptierte dieses Konzept für die Soziologie und führte damit eine Perspektive ein, in der die Gesellschaft über die Einzelsubjekte und die von ihnen angehäuften und intersubjektiv geteilten Erfahrungs- und Wissensbestände erschlossen wird (vgl. auch Berger und Luckmann 2018/1969). Diese Bestände bestimmen darüber, wie die Gesellschaftsmitglieder die Welt deuten und welche Handlungspläne und -potenziale sie darin für sich projizieren. Wendet man sich Armut unter dieser Perspektive zu, rückt sie über die Bestimmung als ökonomischer Mangel oder sozialen Ausschluss hinaus als eine eigenlogische Lebenspraxis in den Blick. Anstatt Armut lediglich über Defizite zu definieren, wird sie als eine spezifische Lebensrealität adressiert, die durch eigene Erfahrungsbestände und ein daraus resultierendes Weltverhältnis konstituiert wird (van der Merwe 2006; Holan, Willi und Fernández 2019).
Das Interesse für die Lebensrealität von Armutsbetroffenen legt eine Verwendung rekonstruktiver Verfahren in der empirischen Auseinandersetzung nahe (Mey und Mruck 2010). Diese ermöglichen es, dass die beforschten Personen innerhalb eigener Deutungsschablonen und semantischen Routinen aus ihrem Leben berichten, was einen Zugang zu den »sozialen, kulturellen und individuellen Rahmenbedingungen« (Sichler 2010, 50) sichert, die der infrage stehenden Lebenswelt zugrunde liegen. Das hat den Hintergrund, dass beobachtbare soziale Tatbestände anhand der subjektiven Weltzugänge derer, die darin involviert sind, erklärend eingeordnet werden. Die Aufgabe der interpretativen Rekonstruktion besteht dann darin, diese meist latent bleibenden Erfahrungsbestände und Sinnmuster mithilfe von protokollierten Berichten und Erzählungen der Befragten zu explizieren und Theorien über die sich darin zeigenden biografischen aber auch Kollektivprägungen aufzustellen.
Als Datengrundlage für diesen qualitativen Zugriff auf Armut dienten mir ausführliche leitfadengestützte narrative Einzelinterviews (Schütze 1983) und Gruppendiskussionen (Bohnsack 2000), die mit Armutsbetroffenen in Großbritannien im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projektes »Weltsichten von Arbeitslosen im internationalen Vergleich« (Universität Leipzig, Leitung: Kornelia Sammet)« zwischen 2016 und 2019 geführt wurden. Die Erhebung fanden in verschiedenen Einrichtungen der Lebenshilfe statt: food banks, nicht-staatliche job centres, Wohnungsvermittlungsagenturen, Charity-Organisationen und allgemeine community centres. Befragt wurden Personen, die je individuell »multipel von Deprivation betroffen« (Bosch 2010, 447) waren: obdachlose Jugendliche mit Drogen- und Kriminalitätskarrieren, ehemalige Angehörige der Mittelschicht, die einen biografischen Abstieg erlebt haben, alleinerziehende Mütter, alleinstehende alkoholabhängige Männer, Personen, die die Schule abgebrochen haben, aber auch solche, die einen Universitätsabschluss haben. Innerhalb dieses breiten Spektrums spielten häufig nicht überwundene Lebenskrisen und psychische Vorbelastungen eine zentrale Rolle (ausführlich zum Sampling Erhard 2021, 66–70). In den Fokus gerieten somit bisweilen sehr extreme Formen von Armut. Arbeitslose, die sich mit einem Minimaleinkommen erfolgreich durchschlagen, spielten seltener eine Rolle.
In diesem Zusammenhang war auch Großbritannien als Forschungskontext entscheidend. Hier trifft man einen besonders liberalen Wohlfahrtsstaat an, der stark von freiheitlichen und utilitaristischen Prinzipien geprägt ist (Esping-Andersen 1993, 27; Kaufmann 2003, 130–131). Der Umgang mit Armut und ihre Risiken ist hier unter den Vorzeichen von Selbstsorge, unionistischen Lösungen und der Minimalisierung staatlicher Eingriffe organisiert (Kaufmann 2003, 137). Staatliche Transferleistungen sind an strenge Bedingungen geknüpft, Wohlfahrt wird stark individualisiert, privatisiert und kommerzialisiert (Mitton 2008). Man hat es also mit einem gesellschaftlichen Umfeld zu tun, das Armutslagen kaum auffängt und in dem Betroffene sich selbst organisieren müssen. Folglich fällt man schnell sehr tief und sind die Armutsschicksale drastischer als in anderen nationalen Kontexten. Vor einer Verallgemeinerung der in diesem Umfeld gewonnenen Erkenntnisse ist daher Vorsicht geboten. Indes lassen sich aber auch vor dem Hintergrund einer internationalen Angleichung der Sozialpolitiken und einer historischen Tradition der Personalisierung und Moralisierung von Armut (Lepenies 2017) Generalisierungen unternehmen, die nicht nur für den britischen Kontext Gültigkeit besitzen.
Die Auswertung der Daten erfolgte mithilfe einer detaillierten, thesenbildenden »Sequenzanalyse« (Erhard und Sammet 2018) der Interviewtranskripte. Dabei wurde gezielt Erfahrungsbeständen nachgegangen, die zu bestimmten, armutstypischen Weltverhältnissen führen. Um die dabei angestrebte phänomenologische »Theorie der unmittelbaren Erfahrung« (Wendt et al. 2023, 8) von Armut analytisch zu schärfen, wurde zudem eine Verschränkung mit Überlegungen aus der Objektiven Hermeneutik vorgenommen. Deren Kerngedanke ist, dass jede Lebenspraxis eine Antwort auf Problemstellungen darstellt, wobei sich in der routinisierten Bewältigung dieser Problemstellungen eine latente Sinnstruktur ausdrückt, die dem subjektiven Wissen der Handlungsträger entzogen ist (Oevermann 2000). Zugleich steht jede Lebenspraxis immer unter einem gewissen Problemdruck, der bisweilen so massiv werden kann, dass die vorhandenen Bewältigungsroutinen diesen nicht mehr auffangen können und sich eine Krise der handlungsleitenden Struktur einstellt (vgl. dazu Oevermann 1996). Die Ergänzung der Auswertung um diese Gedanken erwies sich als produktiv, da sich bereits früh in der Auswertung der Interviews zum Teil erhebliche Störungen und Krisen basaler Weltbewältigungsmechanismen der jeweils Befragten abzeichneten. Das Hinzuziehen des Oevermann’schen Krisenmodells gab diesbezüglich einen heuristischen Schlüssel an die Hand, um die Basis der Erfahrung von Armut als lebensweltliche (Selbst-)Entfremdung und Desorientierung aufgrund einer fundamentalen Krise der generativen Struktur der Lebenspraxis zu konzeptualisieren.
In Bezug auf die hier verhandelte Störung von Zeit- und Selbstwahrnehmungen von Armutsbetroffenen fiel diese Krise in den narrativen Interviews daran auf, dass es für die Befragten – in unterschiedlichen Abstufungen – eine Herausforderung darstellte, eine geschlossene, wohlgeformte, normalbiografische Erzählung von sich zu präsentieren. Damit unterliefen sie entscheidende Grundannahmen der biografisch-narrativen Interviewforschung (Schütze 1983). Sie konnten einzelne Episoden aus ihrem Leben zwar aufrufen, aber kaum zu einer Entwicklungsgeschichte verknüpfen. Stattdessen wurden Lebensereignisse »inkrementell« (Schimank 2002, 244) als Teil einer immergleichen Gegenwart nebeneinandergestellt. Das bedeutet indes nicht, dass die Befragten nichts erlebt hätten. Das Gegenteil ist der Fall. In den Interviews wurde immer wieder deutlich, dass bspw. Phasen und Karrieren der Obdachlosigkeit, der Drogenabhängigkeit und Gefängnisaufenthalte aber auch Trennung von Partnerschaften sowie Elternschaften hinter sich hatten oder in diese verwickelt waren. Bisweilen wurde auch von (kurzen) Erwerbskarrieren berichtet.
Im Folgenden entfalte ich auf Grundlage dieser Ausgangsbeobachtung und unter Rückgriff auf die Ausführungen zum Normallebenslauf das Argument, dass dieser durch desorientierende Lebensvoraussetzungen bzw. Krisenereignisse als orientierungsstiftende Prozessstruktur gestört wird, ins Stocken gerät oder sich ganz auflöst. Die Kompetenz zur (Auto-)Biografisierung wird dadurch nur rudimentär ausgebildet bzw. verkümmert, was sich nicht zuletzt auch auf das Erleben der Alltagszeit und das Entwerfen der Zukunft auswirkt. Phänomenologisch gesprochen verengen sich durch das Herausfallen aus dem Erwerbsleben, die Verwaltung und Fremdbestimmung der eigenen Biografie und nicht zuletzt die geringen finanziellen Mittel die persönlich verfügbaren Handlungshorizonte auf unmittelbare, kurzfristige Perspektiven, die kaum Varianz aufweisen. Es stellt sich der subjektive Eindruck einer stillgestellten Biografie ein. Komplementiert wird diese Charakteristik durch eine Wahrnehmung einer gedehnten Gegenwart und eine pessimistisch-passive Grundhaltung im Alltag (vgl. zum Zusammenhang von biografischer Zeit und zeitbezogendem Erleben im Alltag Brose et al. 1993, 159–223).
Diesen Punkt entwickle ich anhand zweier Fälle, die dem idealtypischen Zustand einer gänzlich aufgelösten normalbiografischen Prozessstruktur und eines damit verklammerten präsentischen Zeiterlebens besonders nahekommen. In dieser Zuspitzung wird die lebenspraktische Krise, in der sich Armutsbetroffene befinden, die daraus erwachsende lebensweltliche Desorientierung und insbesondere die spezifische subjektive Zeitlichkeit in besonderer Deutlichkeit nachvollziehbar. Die Namen der Interviewten sowie die Namen der britischen Städte, in denen die Interviews geführt wurden, sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert. Es werden zudem lediglich die biografischen Angaben genannt, die für das Verständnis des Falls relevant sind. Die Interviewauszüge sind in Englischer Sprache belassen, um den authentischen Charakter der Äußerungen beizubehalten. Gleichwohl sind die Auszüge zur besseren Lesbarkeit geglättet. Da sie eine interpretative Relevanz haben, sind Pausen in der Rede sekundengenau in Klammern festgehalten.
Das nur schwach ausgebildete Vermögen, die eigene Erfahrungsgeschichte als biografische Entwicklung zu artikulieren sowie die pessimistisch-passive Grundhaltung, die einen biografische Stillstand kennzeichnen, wurden am Fall von Dylan besonders deutlich. Er war zum Zeitpunkt des Interviews 19 Jahre alt und hatte eine Tochter. Er hatte intensive Erfahrungen mit Drogen gemacht und war mehrfach im Gefängnis. Das Interview mit ihm, das in einer Beratungsstelle für wohnungslose Jugendliche geführt wurde, verlief sehr stockend und hatte lange Pausen. Immer wieder wurde deutlich, dass er mit der an ihn adressierten Aufgabe, seine Lebensgeschichte zu erzählen, überfordert ist. Damit unterlief er die vonseiten des Interviewers an ihn gerichtete Erwartung, sich und sein Leben in Form einer Autobiografie darzustellen. Stattdessen verharrte er in seinen Darstellungen im Hier und Jetzt. Seine Vergangenheit konnte er nur in Form von kurzen und sehr kurzen Einwürfen darstellen. Im folgenden Ausschnitt wird das besonders deutlich. Er schließt direkt an die Aufforderung des Interviewers an, dass Dylan zu Beginn des Interviews seine »life story« erzählen möge.
Dylan: Uh, grew up, and my fa- my father fucked off, fucking living on a shitty council estate, (2) fucking bailiffs coming on us door.
I: Okay.
Dylan: Know what I mean?
I: Yeah.
Dylan: (11) It’s not too very nice, shit childhood. (2) In and out of jail.
I: In and out of jail, okay.
Dylan: (5) Homeless.
I: Mhm.
Dylan: Baby.
Auffällig ist, dass Dylan nur die allernötigsten Informationen aus seinem Leben aufruft. Zudem scheint dieses auch mehr mit ihm zu geschehen, als dass er aktiven Einfluss darauf nehmen könnte. Er stellt sich selbst als Passagier seines eigenen Lebens dar (»grew up«). Selbst eine Phase der Obdachlosigkeit oder die Geburt eines Babys, das sich im weiteren Verlauf des Interviews als sein eigenes entpuppt, provozieren keine weiteren Ausführungen. Dylan wirkt distanziert gegenüber diesen Ereignissen. Zudem beschreibt er keine Entwicklung, in der die einzelnen Ereignisse in verschiedenen Abhängigkeiten und in einer Reihenfolge zueinanderstehen würden. Stattdessen wirkt sein Leben wie ein Zustand. In diesem wechseln sich zwar einzelne Elemente ab (Fußball, Vater, Gerichtvollzieher, Gefängnis, Obdachlosigkeit, Baby), sie werden von Dylan aber nicht narrativ zu einer Prozessstruktur verknüpft. Die Form der Selbstdarstellung, die er vornimmt, erhält dadurch einen stark präsentischen Eindruck. Er skizziert eine ausgedehnte Gegenwart.
Diese Charakteristik wird noch dadurch verstärkt, dass Dylan im gesamten Interview keine Pläne oder Wünsche für die Zukunft entwickelt. Der Eindruck, dass sein Leben stillgestellt ist, ist jedoch nicht damit zu verwechseln, dass er faktisch nichts erlebt hätte. Wie anhand der fetzenhaften Ausschnitte erkennbar wird, hat er bereits einiges mitgemacht. Folglich muss vielmehr eine eingeschränkte biografisch-narrativen Literalität bei ihm unterstellt werden. Das eigene Selbst kann er nur aus dem aktuellen Befinden heraus bestimmen und gegenüber anderen darstellen. Damit ist die spezifische zeitliche Selbst- und Weltwahrnehmung angesprochen, die wir bereits ausführlich besprochen haben. Dylan kann zwar einzelne Stationen aus seinem Lebenslauf abrufen und damit auch einzelne Aspekte einer »Normalbiografie« (Elternhaus, Kindheit, Vaterschaft) bedienen. Diese spielen aber keine Rolle in seinem auf Gegenwärtiges ausgerichtetem Selbstentwurf.
Diese zeitliche Wahrnehmungsweise lässt sich zugleich durch seine Einbettung in ein spezifisches, multiprekäres Umfeld erklären. Sein Vater hat die Familie verlassen (»fucked off«), die Familie erhielt Besuch von Gerichtsvollziehern (»bailiffs«) und er selbst kam regelmäßig mit dem Strafvollzug in Berührung (»in and out of jail«). Insgesamt sei es deshalb eine »shitty childhood« gewesen. Damit ist eine instabile Umgebung beschrieben, in dem es wenig Verlässlichkeit und kaum Grund für Optimismus gab. Träume, Pläne und Perspektiven für die Zukunft rückten in weite Ferne, wenn sie überhaupt Thema wurden. Dazu kamen die Einschränkungen, Zwänge und Verpflichtungen als junger Vater. Es wird somit deutlich, dass Dylan in seinem bisherigen Leben kaum biografische Entwicklungsaussichten und Alternativen eröffnet worden waren. Stattdessen war er regelmäßig mit erheblichen Destabilisierungen und Verunsicherungen konfrontiert, die ihn auf ein »Getting by« (McKenzie 2015) im unmittelbaren Moment zurückwarfen. Damit erscheint es fast schon folgerichtig, dass er auch im gesamten Interview keine größere Zeitspannen umfassende Perspektiven entwickelte und keine Handlungspotenziale für sich in der Gegenwart sah.
Dylan stellt somit einen prototypischen Fall dar, in dem eine biografische Desorientierung dazu führt, dass das Erfahrungssubjekt sich selbst nicht im Sinne des »Normallebenslaufs« entwerfen kann. Mehr noch: Die Kompetenz, sich als in einer biografischen Prozessstruktur begriffen zu konzeptualisieren, wurde nie aufgebaut. Damit korrespondiert eine passiv-fatalistische Einstellung zum Leben. Wo kein Grundvertrauen in einen stabilen Hintergrund aufgebaut wird und wo man dauerhaft die Erfahrung macht, dass die Änderungen in der eigenen Lebenswelt von anderen vorgenommen werden und nichts Gutes bedeuten (Vater, Gerichtsvollzieher), dort lässt sich auch kein Selbstbild entwerfen, in dem das Subjekt als aktiv gestaltender Agent des eigenen Lebenslaufs erscheint. Man verliert Entwicklungspotenziale aus dem Blick und erfährt die Zeit als immergleiche Gegenwart des biografischen Stillstands.
Neben Fällen wie Dylan, in denen biografische Perspektiven bereits früh im Leben durch sozialisatorische Prägungen geschlossen werden, lassen sich in meinem Sample weitaus mehr Fälle beobachten, in denen die Befragten nach den Maßstäben des Normallebenslaufs auf erfolgreiche Lebensphasen zurückblicken können. Gleichwohl teilen sie die Erfahrung, dass ihre Lebenspläne durch eine biografische Krise jäh gestoppt worden sind. Von dem damit einhergehenden Kontrollverlust erholen sie sich nur schwer. Aus einer durchaus vorhandenen zukunftsoptimistischen Haltung und aktiv-gestaltenden Einstellung zur eigenen Biografie wird dadurch eine pessimistische. Die Befragten idealisieren dann die Vergangenheit und die dort erfahrene Handlungsmacht, können sich aber für die Zukunft keine selbst hervorgerufene Entwicklung vorstellen. In diesem Zustand einer »Gegenwart der Vergangenheit« (Brose et al. 1993, 98) erscheint das eigene Leben in einer Sackgasse angelangt und die aktuelle Situation wiederum als Stillstand.
Einer dieser Befragten ist Gavin, der zum Interviewzeitpunkt 27 Jahre alt und schwer alkoholabhängig war. Interviewt wurde er in einer food bank. Wie er im Interview betonte, war es sein Traum gewesen, bei der Feuerwehr zu arbeiten. Auf diese Karriere trainierte er hin und hatte sogar schon einen Ausbildungskurs besucht. Dann sei seine Mutter gestorben, was alles geändert habe:
Gavin: And I left school at 16. I trained hard to get in there [in the firefighting course, FE] for the age of 18. So, I trained hard for two years. Then from the age of 17 on, my mother went bad. She passed away and from the age of 17, when I was 17. And it just went downhill from there.
In diesem Ausschnitt wird mit dem Tod der Mutter ein biografischer Bruch signalisiert, der als Auslöser einer »traumatischen Krise« (Oevermann 2004, 165) verstanden werden kann. Eine im Aufstieg und in der Entfaltung begriffene Berufskarriere sei durch ihn in ihr Gegenteil verkehrt worden (»it just went downhill from there«). Wie dieses fraglos einschneidende Ereignis eine solche Wirkung entfalten und die bei ihm angelegte normalbiografische Entwicklung sowie seine zukunftsoptimistische Orientierung aus dem Takt bringen konnte, führte Gavin im Anschluss an diese Stelle im Interview aus. Dadurch, dass seine Mutter als Stabilisator weggefallen war, habe er sich seinem Vater und seinen Brüdern zugewendet, die einen äußerst destruktiven Einfluss auf ihn hatten und an den Alkohol- und Drogenkonsum heranführten. Anstatt weiter seinen Karriereweg zu verfolgen, habe er sich so über den Rausch aus dem Alltag geflüchtet. In der Folge habe Gavin seine professionelle Karriere gänzlich aus dem Blick verloren.
Die Zeiterfahrung, die sich für Gavin daran anschließt, ist von der Wahrnehmung bestimmt, dass die eigene biografische Entwicklung ins Stocken gerät und schließlich gänzlich festgefahren ist. Gleichzeitig wünscht er für sich eine Verbesserung der Lebenssituation und findet es traurig, wo er gelandet ist. Das kommt im folgenden Ausschnitt zu Ausdruck, in dem gleichzeitig deutlich wird, wie schwer es ihm fiel, eine positive Perspektive für seine Zukunft zu formulieren.
Gavin: Now I’m trying to just get myself back. I’ve been running now to try and get back in there. No, but I’m getting older now. I’m 20, 20 uh 27 now. I’ll be 28 now, uh, next Saturday. So, I’m getting older, really. You know, we’re not younger. I’m getting older as well. And I need to start doing something with my life. That’s the way I see life, anyway. I want, I want to choose something first before I settle down with anyone and have kids.
Erkennbar wird hier, dass aus Gavins Sicht seine biografischen Optionen darin begriffen waren, sich zu schließen oder sich bereits geschlossen hatten. Er nimmt sich als älter werdend wahr, was vor dem Hintergrund überrascht, dass er knapp 28 Jahre alt ist. Diese Äußerung wird erklärbar, wenn man unterstellt, dass er sich nach eigenem Ermessen in einer kaum änderbaren Lebenssituation befindet. Diese Lesart wird dadurch erhärtet, dass er in dem zitierten Ausschnitt die Notwendigkeit formuliert, wieder etwas mit seinem Leben anzufangen (»I need to start doing something with my life«). Dabei scheint es vor allem wichtig zu sein, überhaupt wieder etwas zu entscheiden, damit ein biografischer Prozess in Gang kommt (»I want to choose something first«). Davon erhofft er sich einen Fortschritt, der nicht allein erwerbsbiografisch zu verstehen ist. Viel fundamentaler geht es ihm darum, Handlungssouveränität und Entscheidungsmacht wiederzuerlangen sowie Pläne und Ziele für die Zukunft zu formulieren. Letzteres verdeutlichte er mit Bildern einer normalbiografisch konnotierten Erwachsenenkarriere (»settle down […] have kids«).
Ähnlich wie bei Dylan ist also auch Gavin Einflüssen ausgesetzt gewesen, die desorientierend und entfremdend auf seine biografische Handlungsstruktur wirkten und ihn in der Folge pessimistisch-passiv auf sein eigenes Schicksal blicken lassen. Anders als bei Dylan stehen hier aber das krisenhafte Ereignis des Todes der Mutter sowie die damit verbundene Verunsicherung im Zentrum. Gavin hat durchaus biografische Aspirationen in seiner Jugend entwickelt und konnte rudimentäre biografische Perspektiven entwerfen. Allerdings stellte für ihn das traumatische Ereignis den Eingang in eine biografische Sackgasse dar, in die er im Zusammenspiel mit seinem Alkohol- und Drogenkonsum hineingeriet und aus der er auch keinen unmittelbaren Ausweg sah. Abstrakt gesprochen hat man es hier also mit einem Bruch einer (rudimentär) begonnenen biografischen Prozessstruktur zu tun. Aufgrund dieses Bruchs nahm Gavin sein gegenwärtiges Leben als stagnierend wahr und erachtete Änderungen seiner aktuellen Lage als illusorisch und quasi unerreichbar. Auch seine Biografie ist damit im Stillstand angekommen.
Die dargestellten Fälle zeigen in besonderer Zuspitzung die Auflösung bzw. die Störung der normalbiografischen Regelstruktur auf. In beiden Konstellationen ergibt sich daraus die Wahrnehmung einer Biografie ohne Veränderung. Die eigene Lebensgeschichte wird nicht mehr als fortschreitender Prozess, sondern als Stillstand erlebt. Damit geht zudem der »Zerfall der Zeitgestalt des Alltags« (Brose et al. 1993, 161) einher. Die Gegenwart erscheint als zementiert, eigene Vorhaben werden nicht formuliert oder bleiben Utopie, die Wahrnehmung einer blockierten Zukunft verstetigt sich.
In Bezug auf das subjektive Zeiterleben lässt sich somit sagen, dass Armut eine Lebenslage darstellt, in der gesellschaftlich etablierte Routinen der zeitlichen Strukturierung der Lebenswelt in die Krise geraten und geradezu unterminiert werden können. Der Zusammenbruch normalbiografischer Sinnbildung führt dabei in den präsentierten Fällen nicht dazu, dass alternative Modi der zeitlichen Strukturierung gefunden werden. Mit Brose et al. (1993, 170) lässt sich im Gegenteil festhalten, dass bei aller Krisenhaftigkeit »die Erosion der Regelmäßigkeiten des Lebenslaufs nicht zur Auflösung normativer Orientierungen« führt und eine »kontrafaktischen Aufrechterhaltung des Modells eines durch Kontinuität geprägten Lebensentwurfs« zumindest der Idee nach zu beobachten ist. Gerade bei Dylan lässt sich das herausstellen. Der Normallebenslauf behält demnach als normativer Orientierungsgeber auch dort seine Gültigkeit, wo er faktisch nicht mehr eingelöst werden kann. Mehr noch, gerade im Kontrast zu ihm wird für Personen in Armutslagen die Diskrepanz zwischen sozialer, auch selbst verinnerlichter Erwartung und subjektiver Erfahrung spürbar. Diese Differenzwahrnehmung ist es, die einen starken Einfluss auf das Empfinden der Alltagszeit hat. Da der Normallebenslauf ein Muster vorgibt, wie Biografien idealtypisch und wohlgeformt verlaufen, entsteht daraus für Personen, die diesem Muster nicht entsprechen, der Eindruck, gesellschaftlichen Ansprüchen nicht zu genügen. Hält dieser Zustand länger an, prägt er das subjektive Erleben von Handlungschancen und den Blick auf die eigene Zukunft nachhaltig. Fatalismus, Demotivation und die Entfremdung von gesellschaftlich etablierten Zielstellungen spielen sich als Haltungen ein. In Debatten um die Persistenz von Armut sollte diese pessimistisch-passiven Haltungen und die dahinterliegenden Modi der Störung der biografischen Artikulation ernst genommen werden. Oftmals liegt es nicht an fehlender finanzieller Absicherung, sondern an eingeschliffenen demotivierenden Selbst- und Weltwahrnehmungen, die nur durch das Aufzeigen und kleinschrittige Einüben – bspw. in sozialarbeiterischen Anlaufstellen – von biografischen Entwicklungsschritten aufgebrochen werden können. An anderer Stelle (Erhard 2020) konnte ich zudem zeigen, dass es entscheidend ist, welche Ressourcen Armutsbetroffene in ihrem familiären Nahumfeld mobilisieren können, um Prägungen der Fremdbestimmung oder biografische Krisen zu kompensieren. Zudem spielt der Milieuhintergrund eine wesentliche Rolle dabei, wie mit Krisen des klassischen Erwerbsmodels umgegangen werden kann (Erhard 2021, 112–116). Personen, die einem akademischen Milieu entstammen, in dem Wert auf Selbstentfaltung gelegt wird, kompensieren diese erfolgreicher als Personen aus dem klassischen Arbeitermilieu.
Daran anschließend ist zu reflektieren, dass die präsentierten Fälle bei Weitem nicht das gesamte Spektrum von Armutskarrieren und damit verklammerter Weltsichten abdecken. So zeigte Ludwig (1996) auf, dass es unter Armutsbetroffenen neben »kritischen Lebensläufen«, wie sie hier im Fokus waren, immer auch »normalisierte Lebensläufe« gibt. Letztere verweisen auf Fälle, in denen der Austritt aus der Sozialhilfe gelingt und der Lebenslauf und insbesondere die Erwerbskarriere weiterhin als Kontinuität wahrgenommen wird. Außerdem gibt es einige Arbeiten (Lister 2005; McGarvey 2018; McKenzie 2015), in denen die spezifische Rationalität, der Eigensinn und die Fähigkeit zum Durchschlagen von Armutsbetroffenen betont werden. Ergänzend zeigt Maruna (2001) auf, dass man bei Personen in kritischen, scheinbar aussichtslosen Lebenslagen neben dem narrativen Schema des Verdammtseins durchaus auch narrative Muster des Aufbruchs und des Abwendens von der eigenen destruktiven Vergangenheit antrifft. Der Kern der letzteren ist, dass man sich Kontrolle über die Zukunft zuschreibt.
Die These, dass es Krisen der Lebenspraxis gibt, die das normalbiografische Zeiterleben stören können, bleibt von diesen Einschränkungen indes unberührt. Nicht jede dieser Krisen irritiert die dynamisierte Biografie auf so fundamentale Weise, wie sie in den präsentierten Fällen erkennbar wurde. Allerdings wird deutlich, dass die für uns hochgradig selbstverständliche biografische Strukturierung der Zeit prekärer ist, als es im Alltag erscheinen mag.
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Franz Erhard, Dr. phil., ist Soziologe an der Universität Siegen (Deutschland), Seminar für Sozialwissenschaften. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Gesellschaftstransformation und Soziale Innovation, Armut und Wohlfahrt sowie qualitative Methoden. Er studierte Kulturwissenschaften in Leipzig und Rom.
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