Neuformulierungen linearer Zeitlichkeit

Eine Untersuchung von Zeitkonstruktionen am Beispiel einer trans_biografischen Erzählung

Mael Boenig

Journal für Psychologie, 34(1), 51–69

https://doi.org/10.30820/0942-2285-2026-1-51 CC BY-NC-ND 4.0 www.journal-fuer-psychologie.de

Zusammenfassung

Viele trans und nichtbinäre Menschen teilen die Erfahrung, ihr eigenes Geschlechtsein sowohl in Relation zur vorherrschenden Geschlechterordnung als auch im Kontext der eigenen Biografie einordnen und begründen zu müssen. Um die eigene Lebensgeschichte erzählbar zu halten, ist es oft notwendig, auf bestimmte Erzählmuster zurückzugreifen, die wesentlich durch eine Verschränkung chrono- und cisnormativer Logiken geprägt sind. Am Beispiel eines biografisch-narrativen Interviews werden in dem Beitrag spezifische Verzeitlichungs­logiken in trans_biografischen Narrationen rekonstruiert. Dabei zeigt sich, dass Chrono- und Cisnormativität zwar einen Referenzrahmen für biografische Selbsterzählungen darstellen, jedoch nicht zwangsläufig übernommen, sondern selbstermächtigend angeeignet und transformiert werden können.

Schlüsselwörter: Transgeschlechtlichkeit, Biografie, Zeit, Selbstermächtigung, Chrononormativität, Cisnormativität, Trans Studien

Rearticulations of linear temporality

A study of time constructions based on the example of a trans_biographical narrative

Many trans and non-binary people share the experience of having to categorize and justify their understanding of their own gender in accordance to the hegemonic gender order which also dictates the framework of their self-narration and their own biography. In order to keep one’s own life story narratable, it is often necessary to refer to certain narrative patterns that are characterized by an intertwining of chrono- and cisnormative logics. Drawing on a biographical-narrative interview, this article reconstructs specific logics of temporalization in trans_biographical narratives. This example illustrates how within the omnipresent frame of reference posed by chrono- and cisnormativity, trans biographers can successfully subvert and transform this frame of reference in order to construct a self-empowering biographical self-narration.

Keywords: transgender, biography, time, self-empowerment, chrononormativity, cisnormativity, Trans Studies

Zeit ist eine bedeutsame biografische Strukturkategorie, entlang der wir unsere Leben gestalten, Erfahrungen deuten und unser Gewordensein für uns selbst und für andere nachvollziehbar machen. Wir unterscheiden zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und nutzen kalendarische Schemata. Wir strukturieren Handlungsabläufe unseres Alltags entlang von Zeitabschnitten, genauso wie wir unsere Lebensverläufe in beschreibbare zeitliche Abschnitte einteilen. Unser biografisches Erleben wie auch die Erzählungen darüber entfalten sich entlang von Zeitlogiken, sodass Biografien als zeitbezogene Phänomene, als »temporalisierte Konstruktionen« (Dausien 2012, 162) verstanden werden können. Die Biografie umfasst Prozesse des Gewordenseins über die Zeit hinweg (ebd.), und gibt über Zeiterleben sowie über inhärente zeitbezogene Konstruktionslogiken Aufschluss. Biografische Erzählungen erzeugen zugleich »selber gesellschaftliche, soziale und individuelle Zeit« (Fischer 2018, 462). Um unser Selbstverständnis über unser Gewordensein nachvollziehbar zu präsentieren, verbinden, deuten und begründen wir unsere Erfahrungen, stellen Kohärenz und Kontinuität her und ordnen das vergangen Erlebte aus gegenwärtiger Perspektive ein. Dabei orientieren wir uns an kulturell und normativ geprägten Vorstellungen lebenszeitlicher Modelle. Wir verstehen und präsentieren unser Leben als lineare und kontinuierliche Entwicklung, als zyklisch sich wiederholend, als spiralförmig mit Zugewinn von Erkenntnissen und/oder als statische Stagnation. Wir erzählen unsere erlebten und erfahrenen Handlungsmöglichkeiten, sowie deren Begrenzungen, die sich entlang zeitlicher Modelle innerhalb der Biografie und innerhalb der biografischen Erzählung verändern können (Lucius-Hoene und Deppermann 2004, 56–58).

Die soziale Strukturierung von Zeit entlang eines normativen Rahmens beschreibt Freeman (2010) mit dem Konzept der Chrononormativität. Diese umfasst die Prozesse, die die Idee von Zeitverläufen und von chronologischer und linearer Entwicklung hervorbringen und normalisieren. Phänomene wie Zeiteinteilungen, Rhythmen oder Geschwindigkeiten werden als natürliche und körperliche Phänomene wahrgenommen. Dabei sind sie vielmehr als »Manipulationen der Zeit« (ebd., 3; Übers. d. Verf.), die auf eine Effektivität und Produktivität menschlicher Körper abzielen, zu verstehen (ebd., 3f.). Verschränkt mit kolonial-rassistischen sowie kapitalistischen Konstruktionen von Fortschritt, ist Chrononormativität in vorherrschenden Geschlechterkonstruktionen wirksam. Schließlich sind Geschlechterbinarität, Kohärenz und Stetigkeit grundlegend für ein westliches Verständnis von Geschlecht, und damit ebenso Basis weißer Konzepte von Transgeschlechtlichkeit (Garde und Nay 2023; Höhne und Klein 2019). Obwohl die Erfahrungen vieler Menschen davon abweichen, wird in vermeintlich normalbiografischen Konstruktionen das Leben entlang von chronologischem Alter stationsartig beschrieben: Vom Aufwachsen bei den eigenen, meist heterosexuellen Eltern, über die schulische und berufliche Ausbildung mit ersten romantischen und sexuellen Erfahrungen, zum Erwachsensein mit einer gefestigten Identität, einer Berufstätigkeit und monogamen Partner_innenschaft. Geschlecht und Sexualität werden dabei als stetig und unveränderlich, als zentrale Aspekte einer gefestigten Identität konstruiert (Pearce 2019, 62).

Wenn sich, wie bei vielen von uns trans und nichtbinären Menschen, die geschlechtlichen Positionierungen im Laufe des Lebens verändern, Geschlecht als fluide erlebt wird oder nicht die ganze Zeit und/oder nicht (vollständig) mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, werden nicht nur geschlechtsbezogene, sondern ebenso chrononormative Vorstellungen herausgefordert. Dies zeigt sich sowohl in der Hervorbringung des medizinisch-psychiatrischen Konzepts der Transgeschlechtlichkeit als auch in trans_biografischen Erzählungen. Aufbauend auf meiner empirischen Forschung zu Gesundheitsentwürfen in biografischen Erzählungen von trans und nichtbinären Menschen werde ich in diesem Beitrag die Wechselbezüglichkeit von Chrono- und Cisnormativität und spezifische Verzeitlichungslogiken trans_biografischer Narrationen begründen.

Trans wie auch Transgeschlechtlichkeit verwende ich als selbstbestimmte Oberbegriffe für all jene Menschen, »die sich von dem Geschlecht entfernen, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde« (Stryker 2017, 1. Übers. d. Verf.) oder das sie zuvor gelebt haben. Meist ist mit dieser Bewegung eine durch die jeweils gültigen Geschlechterordnungen hervorgebrachte Grenzüberschreitung verbunden. Die Begriffe verweisen somit auf die spezifischen Erfahrungen von »Menschen, die die Grenzen überschreiten (trans-), die von ihrer Kultur konstruiert wurden, um Geschlecht zu definieren und einzugrenzen« (ebd. Übers. d. Verf.). Die damit verbundene Bewegung, eine geschlechtliche Transition, verstehe ich als »immer in Bewegung, hybride, relational und untrennbar mit seiner Umgebung verbunden« (Goetzke 2022, 88). Folglich können geschlechtliche Transitionen im Verhältnis zu den jeweiligen vorigen geschlechtlichen Positionen und als sich wiederholende, nicht-endende, nicht-lineare oder fluide Prozesse verstanden werden. Auch Nichtbinarität verwende ich als einen Oberbegriff für alle geschlechtlichen Seinsweisen, die einem binärem Geschlechtermodell nicht (vollständig) entsprechen. Dabei kann Nichtbinarität – muss aber nicht – als eine Form von Transsein gefasst werden (Barker und Iantaffi 2019; Baumgartinger 2017; Stern et al. 2023).

In dem Beitrag skizziere ich zunächst das Forschungsdesign meiner empirischen Untersuchung. Daran anschließend diskutiere ich, inwiefern trans_biografische Erfahrungen die üblichen Erzählmuster von Biografie herausfordern und in diesem Zusammenhang spezifische Vorstellungen von Zeitlichkeit entworfen werden. Hierfür beziehe ich mich auf biografietheoretische Grundlagen und evaluiere, wie durch das medizinisch-psychiatrische Konzept der Transgeschlechtlichkeit Zeit als ein bedeutsames Kriterium hervorgebracht wird. Entlang eines Interviews, in dem Zeit ein wesentliches Strukturmerkmal ist, verdeutliche ich eine mögliche Form von spezifischen Verzeitlichungslogiken in trans_biografischen Selbsterzählungen und diskutiere diese als eine selbstermächtigende Praxis der Auseinandersetzung mit normativen Anforderungen.

1. Untersuchung trans_biografischer Selbsterzählungen

Im Rahmen meiner in den Trans Studien1 verorteten Promotion interessierten mich vordergründig Fragen danach, wie Gesundheit von uns trans und nichtbinären Menschen vor dem Hintergrund normativer Anforderungen entworfen, biografisch gedeutet und mit den Selbstentwürfen verbunden wird.2 Hierfür habe ich neun biografisch-narrative Interviews mit in Deutschland lebenden trans und nichtbinären Menschen erhoben und in Anschluss an die Methodik »Rekonstruktion narrativer Identität« (Lucius-Hoene und Deppermann 2004) ausgewertet.

Lucius-Hoene und Deppermann folgend, verstehe ich Identität weder als abgeschlossen, festlegbar oder kohärent, sondern als situatives und nicht-endendes und fluides Prozessgeschehen. Narrative Identität beschreibt »die Art und Weise, wie ein Mensch in konkreten Interaktionen Identitätsarbeit als narrative Darstellung und Herstellung von jeweils situativ relevanten Aspekten seiner Identität leistet« (ebd., 55). Sie unterscheiden dabei zwischen einer temporalen, sozialen und selbstbezüglichen Dimension, auf denen Identität dar- und hergestellt wird (ebd., 55–73). Zur Rekonstruktion sind die Interviewtexte zunächst grobstrukturell zu analysieren, um grundlegende Themen und Strukturen herauszuarbeiten. Die grobstrukturelle Analyse umfasst unter anderem die Identifikation von Textsorten, thematischen Zusammenhängen sowie ersten Darstellungs- und Deutungsmuster (ebd., 109–175). Anschließend folgt eine sequenzielle Feinanalyse von ausgewählten Textstellen wie Eingangs- und Schlusserzählungen sowie Schlüsselerzählungen mit gesamtbiografischer Bedeutung. Als Analysestrategien bezog ich mich insbesondere auf die Konzepte Positionierung und Agency (ebd., 196–212). Positionierung meint hier die sprachlichen Praktiken, mit denen Gesprächspartner_innen sich selbst und anderen »soziale Positionen und Identitäten zuweisen« (ebd., 196) – sowohl in der Erzählsituation, dem Interview als auch innerhalb der Erzählung. Das Konzept Agency ermöglicht die Rekonstruktion der durch die Biograf_innen her- und dargestellten Handlungsmöglichkeiten und -initiativen sowie den damit verbundenen Deutungsmustern (ebd., 59). In einem zirkulären Prozess habe ich die jeweils »grundlegende[n] Strukturen der Selbstpräsentation und Deutung« (ebd., 273) der Biograf_innen kontrastierend herausgearbeitet.

Vor dem Hintergrund einer Wissenschaftsgeschichte, in der wir als trans und nichtbinäre Menschen lange Zeit pathologisiert und lediglich als Objekte beforscht wurden, sind Fragen nach verantwortungsbewusstem und machtkritischem Forschungshandeln wesentlich. Als Forscher_innen befinden wir uns nicht außerhalb, sondern sind in gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen (situativ) positioniert und mit unserer Forschung involviert. Unsere Positionalitäten verändern, welche Wissen wir als solche wahrnehmen, anerkennen und neu schaffen. Ein situiertes Schreiben, das mich als Autor_in wahrnehmbar macht, verstehe ich als Möglichkeit, Forschungsprozesse nachvollziehbarer zu machen. Trotz emanzipatorischem Bestreben kann ein Schreiben im Wir Zusammengehörigkeit(en) jedoch ebenso generalisieren und Ungleichheitsverhältnisse stärken (Bauer 2017; Gramlich und Haas 2019; Tudor 2011). Entlang von forschungsethischen Prämissen konzipierte ich meine Forschung als partiell-dialogischen Prozess (Helfferich 2011; Murphy 2022; Siouti 2018). In manche Entscheidungen bezog ich meine Interviewpartner_innen mit ein, beispielsweise zur Gestaltung der Interviewsituation, zur Anonymisierung und Pseudonymisierung und durch die Rücksprache von Forschungsergebnissen. Eine dialogische Konzeption kann dazu beitragen, Erkenntnisse zu präzisieren, Selbstbestimmung zu stärken und das Risiko einer Schädigung der Forschungsteilnehmer_innen zu minimieren. Beispielsweise bedarf es insbesondere im Kontext biografischer Forschung sorgfältig durchdachter Anonymisierungsstrategien, damit keine Rückschlüsse auf die Biograf_innen gezogen werden können (von Unger 2018, 692f.). Zugleich verändern Auslassungen und Pseu­donymisierung von Lebensbereichen, Orten oder Namen deren Bedeutungszuschreibungen und verändern den Analyseprozess. Sie sind stets mit intersektional verschränkten Machtverhältnissen verflochten. Im Kontext einer cisnormativen Gesellschaftsordnung, entlang der unsere (Selbst-)Expertisen als trans und nichtbinäre Menschen strukturell infrage gestellt werden, kann die fremdbestimmte Änderung von Namen zudem an schmerzhafte Erfahrungen erinnern, was zusätzlich eine Ermöglichung von Mitbestimmung der Forschungsteilnehmer_innen begründet (Baumgartinger 2014, 108).

2. Zeit als Erfüllungskriterium von Transgeschlechtlichkeit

Seit Jahrzehnten werden durch internationale und regional organisierte trans Aktivist_innen, Interessensvertretungen und unsere Verbündeten die gravierenden Auswirkungen der medizinisch-psychiatrischen und juristischen Regelungen auf die Lebensbedingungen von uns trans und nichtbinären Menschen kritisiert. Gefordert wird eine rechtliche sowie gelebte Entpathologisierung und Entstigmatisierung von Transgeschlechtlichkeit, die Anerkennung geschlechtlicher Diversität und eine geschlechtliche, medizinische und juristische Selbstbestimmung. Infolgedessen kam es in den letzten Jahren zu Überarbeitungen und Reformen der jeweils gültigen Regularien. So wurde mit der Veröffentlichung des DSM-5 im Jahr 2013 das Konzept der Geschlechtsidentitätsstörung von dem Begriff der Geschlechtsdysphorie abgelöst und Transgeschlechtlichkeit nicht mehr als psychische Störung verstanden. Ein »Paradigmenwechsel« (Stern et al. 2023, 103), der im für Deutschland geltenden ICD-11 mit dem Begriff der Geschlechts­inkongruenz Ausdruck findet. Fokussiert wird nun auf ein Leiden, das durch eine Nicht-Übereinstimmung zwischen dem geschlechtlichen Selbsterleben und dem zugewiesenen Geschlecht entsteht – und zu entstehen hat. Damit ist ein partielles Loslösen von den in den alten Diagnosekriterien verankerten geschlechterbinären Annahmen und die Anerkennung von zumindest manchen Formen nichtbinärer und geschlechternonkonformer Geschlechtlichkeit verbunden. Cisnormative, wie auch ableistische und kolonial-rassistische Implikationen und Ausschlüsse bleiben jedoch weiterhin wirksam (Garde und Nay 2023; Lüthi 2020; Steinsberger und Ludwig 2023).

Normative Geschlechter- sowie Zeitkonstruktionen ziehen sich durch die früheren sowie durch die aktuell in Deutschland geltenden Diagnosemanuale und Behandlungsleitlinien (AWMF 2018; MDS 2009; MDS 2020). Hierzu gehört die Annahme, dass Menschen per se ein Geschlecht haben, genauso wie, dass Geschlecht über ein ganzes Leben oder zumindest über einen langen Zeitraum hinweg konstant sei. Wer den Wunsch äußert, die geschlechtliche Position zu verändern, muss das eigene Selbst- sowie ein damit verbundenes Inkongruenz- und Dysphorieerleben über festgelegte Mindestzeitabschnitte hinweg nachweisen. Erst wenn die Dauerhaftigkeit und Konstanz des vergeschlechtlichten Soseins glaubhaft vermittelt und wiederhergestellt ist, wird dieses anerkannt und nicht als eine vorübergehende Phase delegitimiert. Diagnostische Konzepte und Regularien bestimmen dabei nicht nur über den Zugang zu einer transitionsbezogenen Gesundheitsversorgung, sondern ebenso über Anerkennung, Pathologisierung und Veranderung unseres Soseins und unseres Erlebens. Sie manifestieren sich in der Zeit, die wir auf den geforderten Psychotherapietermin warten, oder wenn wir unser eigenes Erleben infrage stellen, weil es nicht den gültigen Vorstellungen von Geschlecht- und/oder Transsein oder von zeitlichen Abläufen einer Transition entspricht (Goetzke 2025; Lüthi 2020; Stern et al. 2023).

Diagnosen benötigen Zeit und bringen spezifische Zeiterfahrungen und -vorstellungen in unseren Biografien als trans und nichtbinäre Menschen hervor. So ist es ebenso für Deutschland zutreffend, dass, wie Butler (2023) es formuliert, »ein Gender […] nur dann diagnostiziert werden [kann], wenn es den Test der Zeit besteht« (ebd., 132).

Zeit zeigt sich hier als maßgebendes Kriterium von Transgeschlechtlichkeit, entlang dessen die Anerkennung und Lebbarkeit von trans und nichtbinären Existenz- und Lebensweisen reguliert werden. Denn solange Zeit ein Kriterium zur Inanspruchnahme von Gesundheitsversorgung bleibt, müssen wir uns als trans und nichtbinäre Menschen nicht nur zu geschlechtsbezogenen, sondern auch zu all jenen Zeit-Konstruktionen und -Anforderungen ins Verhältnis setzen. Dies führt zum Beispiel dazu, dass es für viele von uns trans und nichtbinären Menschen unvermeidlich ist, biografische Selbsterzählungen an diagnostische Konzepte anzupassen, um überhaupt »im Gesundheitssystem gehört« (Günther et al. 2019, 42) und anerkannt zu werden. Infolgedessen finden chrono- und cisnormative, ebenso wie pathologisierende Logiken Eingang in unsere Selbstverständnisse (Amin 2014; Lüthi 2020). Das ist auch aus biografietheoretischer Perspektive begründet, da biografische Narrationen subjektiv und sozial hervorgebrachte Konstruktionsleistungen sind. Sie beziehen sich stets auf gesellschaftliche »Normalitäts- und Normativitätsannahmen« (Dausien 2012, 169), die als »ein relativ offenes Hintergrundgerüst« (ebd.) fungieren. Nicht immer aber können oder wollen diese Normalitätsannahmen und die damit verbundenen Anforderungen erfüllt werden, was sich in der biografischen Konstruktion durch spezifische Verzeitlichungslogiken zeigen kann.

3. Verzeitlichungslogiken trans_biografischer Erzählungen

Die skizzierten medizinisch-psychiatrischen Konzepte von Transgeschlechtlichkeit sind im Kontext einer cisnormativen Gesellschaftsordnung zu verstehen. Cisnormativität beschreibt ein komplexes und intersektional verschränktes Gefüge der Normalisierungs- und Regulierungsprozesse von Geschlecht und einer Konstruktion von weißer Cisgeschlechtlichkeit als Norm. Cisnormativität führt zur Veranderung und Pathologisierung von Transgeschlechtlichkeit, ebenso wie zu interpersoneller oder struktureller transfeindlicher Diskriminierungen und Gewalt. Trans Existenz- und Lebensweisen werden durch Cisnormativität begrenzt, missachtet oder negiert, und zugleich als solche – transspezifischen – hervorgebracht (Fütty 2019; Lennon und Mistler 2014; Lüter et al. 2022).

Wenn geschlechtsbezogene Normalitätsannahmen in vielen Teilen erfüllt werden können, müssen geschlechtsbezogene Erfahrungen wie auch die eigene geschlechtliche Positionierung nicht zwangsläufig benannt und dargelegt werden, um die Biografie für andere nachvollziehbar und erzählbar zu machen. Wenn sich jedoch die geschlechtlichen Positionierungen verändern, bröckelt das »normative Hintergrundgerüst geschlechtlicher Normalbiographien« (Gregor 2022, 575). Es bedarf dann einer Konstruktion, in der Geschlecht als ein wesentliches Strukturierungsmerkmal der eigenen Biografie expliziert wird (ebd.).

Insbesondere bezogen auf Coming-out-Prozesse, die häufig als bedeutsame biografische Wendepunkte und/oder Brüche hervorgebracht werden, zeigen sich spezifische Verzeitlichungslogiken in den biografischen Konstruktionen von und über uns trans und nichtbinären Menschen. Selten sind Coming-outs einmalig. Vielmehr können sie vielfältig, prozesshaft, situativ, unfreiwillig oder optional sein, da wir als trans und nichtbinäre Menschen immer wieder mit Fragen an unser Geschlechtsein und damit verbundenen Konzepten wie Romantik und Sexualität konfrontiert werden (Stern et al. 2023, 172f.). Coming-out-Prozesse können mit bruchhaften, asynchronen, diskontinuierlichen, zeitlich verschobenen oder fragmentarischen Erfahrungen verbunden sein und die Anforderung eines linearen, kohärenten und kontinuierlichen biografischen Verlaufs herausfordern. Beispielsweise wird das Bewusstwerden des eigenen Geschlechtseins von manchen von uns trans und nichtbinären Menschen als zu spät oder als zu früh erlebt – und als solches von außen eingeordnet (Goetzke 2025, 5–14). Oder das gelebte Alter stimmt nicht mit dem Geburtsalter überein, sodass die Jahre seit dem Bewusstwerden oder einer Transition als eigene Lebenszeit, als trans years, erlebt und gezählt werden (Pearce 2019, 61). Manche Personen mit geschlechtsbezogenen Transitionserfahrungen erleben nicht nur eine, sondern eine zweite oder dritte Pubertät, in der Körper und Verhalten neu erlebt und ausprobiert werden können (ebd., 71). Alternative Zeitkonzepte wie queer time und trans time ermöglichen es, die spezifischen Zeiterfahrungen wahrnehmbar zu machen (Halberstam 2005; Pearce 2019). Das Konzept der Transition beschreibt den Wechsel geschlechtlicher Positionen und dessen Bewegung(en) als ein richtungsbezogenes Phänomen. Es ist jedoch zugleich ein zeitbezogenes und zeitlich strukturiertes Phänomen. In den dominierenden Erzählungen werden geschlechtliche Transitionen mit einem Start- und Endpunkt beschrieben und dabei das alte/neue Geschlecht gegenübergestellt. Die Idee des zukünftigen Geschlechtseins, nach der Transition, bildet dabei häufig einen Bezugspunkt der Erzählung. Transitionen sind zugleich zeitliche Bewegungen in Richtung einer Zukunft, die von der Vergangenheit und der Gegenwart abgetrennt wird (Israeli-Nevo 2017, 36–38). Dazu gehören auch die durch die diagnostischen Kriterien festgelegten Zeitabschnitte des Wartens, ein Schwebezustand, der gefüllt ist mit Erwartungen, Ängsten und Hoffnungen an eine Zukunft (Pearce 2019, 68–70). Neben einem Verständnis, nach dem Transgeschlechtlichkeit durch die Inkongruenz zwischen geschlechtlicher Identität und Körper gekennzeichnet ist, können Transitionen somit als zeitbezogene Phänomene beschrieben werden, die durch eine zeitliche Inkongruenz charakterisiert sind (Goetzke 2025, 18).

Aus biografietheoretischer Perspektive bedarf es, um das eigene Gewordensein als intelligibel, als sinnhaft und nachvollziehbar zu erzählen, Konstruktionslogiken, die sich in gewisser Weise einer linearen Verzeitlichungslogik annähern oder sie sogar wiederherstellen. In biografischen Narrationen finden sich so Erzählmuster, die auf normalbiografischen Konstruktionslogiken aufbauen, ebenso wie neue Erzählmuster, die sich eben jenen normativen Biografiekonstruktionen widersetzen. Charakteristisch sind Erzählmuster, die »Biographien mit einer doppelten Verzeitlichung« (Gregor 2022, 577) hervorbringen, beispielsweise durch die bereits beschriebene Trennung und Kontrastierung von Zeit, Geschlecht und Biografie vor/nach dem Wendepunkt. Oder Erzählmuster, die ein retrospektives Queering, die »Integration des bis dato Erlebten als sinnhaft für die nun angeeignete, queere Biographie« (ebd.), durch »retrospektive ›Glättungen‹« (ebd.) ermöglichen. Wenn Erfahrungen aber nicht entlang normalbiografischer Anforderungen gedeutet und erzählt werden können, kann die biografische Konstruktion nicht einfach den normativen Mustern folgen. Es kommt dann zu einer »Neuorientierung« (ebd., 578), bei der neue Erzählmuster gesucht, normative Anforderungen hinterfragt und erweitert werden: »Es entstehen Biographien, die sich (bewusst oder unbewusst) gegen normative Zuschreibungen von Identität stellen und neue Formen des Wissens produzieren« (ebd.).

Dass solch geforderte neue Erzählmuster mit einer selbstermächtigenden Deutung verbunden sein können, zeichne ich am Beispiel eines Interviews nach, für dessen Struktur Zeitlichkeit zentral ist.

4. Zeitliche Trennung trans_biografischer Erfahrung(en)

Mika (er/ihm) ist zum Interviewzeitpunkt Mitte 30, wohnt im ländlichen Raum in Westdeutschland und wenn er von seinem Geschlecht spricht, benennt er sich als »trans*«. Bereits im Vorgespräch wurde deutlich, dass es ihm ein persönliches und politisches Anliegen ist, seine Erfahrungen im Rahmen des Interviews zu teilen. Als er mir seine Lebensgeschichte erzählt, nimmt er, wie viele Biograf_innen, chronologisch auf normalbiografische Stationen Bezug. Er beginnt »in der Kindheit«3, »als Kindergartenkind«, gefolgt von der »Pubertät« und seinen Erfahrungen »als junger Erwachsener«. Dabei folgt seine Erzählung nicht nur einer chronologischen, sondern auch einer geteilten Struktur. Bereits mit der Eingangserzählung zeigt sich, dass es für Mika bedeutsam ist, das Erlebte und Erinnerte reflexiv aus gegenwärtiger Perspektive einzuordnen. Nach meiner Aufforderung, die Erzählung mit den »ersten Erinnerungen« zu beginnen, sucht er nach eigenen »ersten Erinnerungen« und ordnet seine Erzählung mehrfach als eigene oder fremde, beispielsweise in Form von Fotos, ein. Er reflektiert dabei die Zuverlässigkeit seines Erinnerns und ringt um die Erzählbarkeit der eigenen Biografie. In seiner Erzählung hebt er den »Tag«, an dem er erkannt hat »trans*« zu sein als einen zentralen biografischen Wendepunkt hervor. Dieses »Coming-in«, wie er es selbst bezeichnet, deutet Mika als entscheidend für ein »neues« Selbst- und Welterleben. Sein nun »neues Leben« deutet er als kontrastierend mit seinem vorherigen Leben, das von einem vagen und abwertendem Selbsterleben und einem Entwicklungsprozess einer »Essstörung« geprägt war. Bereits mit dem Begriff des »Coming-ins« verdeutlicht Mika, dass für ihn weniger die Aussprache nach außen, wie es der Begriff des Coming-outs impliziert, sondern sein Selbsterleben vordergründig ist. Sein Coming-in beschreibt er bezogen auf eine erlebte Selbstanerkennung und Selbstwirksamkeit, als eine fortwährende Ressource, die zu einem weitereichenden Zugewinn an Wohlbefinden geführt hat.

Als Erzähler entwirft er seine Biografie auf selbstanerkennende und selbstwirksame Weise und bringt dafür eine geteilte Erzählstruktur hervor. Diese findet sich auch in dem folgenden Ausschnitt wieder, als er seine geschlechtliche Selbstwahrnehmung als Kind retrospektiv einordnet:

»Der andere Punkt ist, im Nachhinein auch wahrscheinlich, wenn ich das so erzähle, also genau, seh ich mich zum Beispiel auch als als Junge dann. Das, das hab ich jetzt ja schon im Nachhinein, // mhm // aber in dem Moment, ich kann mir das jetzt nicht so hindrehen, dass ich sag, ja ich hab das eigentlich damals schon gewusst, das glaub ich nicht. Und im Nachhinein ist/ wie ich vorhin gesagt hab, ich hab eigentlich dann so keine Identität mehr so von mir gesehen, wo das/ wo mir auch eigentlich noch gar nicht klar war, was mit mir los ist. Und JETZT4, jetzt wo ich mir denke, jetzt seh ich da schon einen Menschen, aber da seh ich heute den Jungen. // mhm // Aber genau, das ja/ deswegen bedeutete das nicht für mich, dass ich das damals eigentlich schon erkannt hab, das glaub ich eben nicht.«

Metanarrative Überlegungen, wie sie hier unter anderem mit der sich wiederholenden Formulierung »im Nachhinein« deutlich werden, sind eine der grundlegenden Strukturierungsmerkmale Mikas biografischer Erzählung. Er präsentiert sich als reflexiver Erzähler, ordnet seine Erfahrungen und Erinnerungen im Kontext seiner gegenwärtigen Erzählposition ein und evaluiert seine Erzählung bezogen auf gesellschaftliche Anforderungen und Erwartungen. In dem Ausschnitt reflektiert er zum einen das wechselseitige Zusammenwirken von Erleben, Erinnern und Erzählen, und von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wie es in der Biografieforschung diskutiert wird (Rosenthal 2010; Schmidt-Lauff und Hassinger 2023). Zum anderen positioniert er sich im Verhältnis zu vorherrschenden normativen Erzählungen über Transgeschlechtlichkeit, die durch Annahmen von Chronologie, Linearität und Kohärenz geprägt sind. Denn, wenn Mika thematisiert, dass seine gegenwärtige Perspektive zwar seine Erinnerungen verändert, nicht aber sein damaliges Erleben, entgegnet er diese Aussagen den Anforderungen normalbiografischer Konstruktionslogiken.

In dem zitierten Interviewausschnitt beschreibt Mika eine Diskrepanz zwischen »damals« vor dem Coming-in und zwischen »jetzt« »im Nachhinein« und präsentiert einen für seine Biografie bedeutsamen Unterschied zwischen vergangenem und gegenwärtigem (Selbst-)Erleben. Er trennt zugleich zwischen einer Vergangenheit und Gegenwart in Relation zu einem biografischen Wendepunkt, wie auch im Verhältnis zu seiner gegenwärtigen Erzählposition. Biografietheoretisch verweist dies sowohl auf die von Mika entfalteten Deutungsmuster als auch auf die Zeitdimensionen im biografischen Erzählen: Die erzählte Zeit, also die »Zeit, von der erzählt wird« (Lucius-Hoene und Deppermann 2004, 44) und die Erzählzeit in der Erzählsituation. Damit verbunden ist das Verhältnis zwischen dem erzählten Ich in der Gegenwart und dem erzählenden Ich in der Vergangenheit (ebd., 202–206). Durch Mikas expliziten Positionierungen in der Erzählzeit stellt er auf der Erzählebene nicht nur eine Distanz, sondern auch eine Diskrepanz zwischen erzähltem Ich/erzählendem Ich und zwischen »damals«/»jetzt« her.

Mit dieser Diskrepanz ist eine Art Inkongruenzerleben verbunden. Dies wird besonders mit der Aussage »ich kann mir das jetzt nicht so hindrehen, dass ich sag, ja ich hab das eigentlich damals schon gewusst« deutlich. Im Anschluss an die Redewendung »etwas drehen« stellt Mika die retrospektive biografische Umdeutung als eine mit Vorteilen verknüpfte Handlung dar. Diese Vorteile können sich zum einen auf die Anerkennung und Erzählbarkeit von trans_Biografien und zum anderen auf die Auswirkungen für das eigene gegenwärtige Selbsterleben beziehen. So formuliert Mika ein paar Sätze später »ich zweifel da jetzt nicht mehr dran« und verdeutlicht damit, dass die Herstellung biografischer Kontinuität notwendig sein kann – insbesondere dann, wenn das eigene Erleben von normativen Erzählungen abweicht. Mit dem vorherigen Kommentar »wenn ich das so erzähle« positioniert Mika sich als Handelnder in der Erzählzeit, was zeigt, dass er sich der doppelten Konstruktionsweise biografischer Erzählungen bewusst ist. Er reflektiert, dass seine Erzählposition verändert, wie er sich in der Vergangenheit »sieht«, nämlich »als Junge«. Zwar verändert das Erzählen die Konstruktion biografischer Erfahrungen, aber es »so hinzudrehen« ändert nicht sein vergangenes Erleben. Dabei erfasst er nicht nur diese Wechselbezüglichkeit, sondern positioniert sich in einem chrono- und cisnormativ geprägten Diskurs über Transgeschlechtlichkeit. Entgegen Erzählungen, in denen das eigene geschlechtliche Selbsterleben als konstant und kontinuierlich dargestellt und dadurch eine biografische Linearität hergestellt und erhalten wird, beschreibt Mika »das damals« nicht »gewusst« zu haben. Stattdessen thematisiert er, »wie ich vorhin gesagt hab«, zuvor im Interview, dass er »damals als Kind« erstmal kein geschlechtliches Selbsterleben hatte, »weil Kind ist Kind so«. In der Aussage werden Annahmen einer entwicklungspsychologischen Perspektive zur Herausbildung einer geschlechtlichen Identität deutlich, bei denen diese insbesondere in der Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter verortet wird und Transitionswünsche von Kindern und Jugendlichen als zu früh eingeordnet werden (Goetzke 2025, 7, 11–13).

Der Ausschnitt zeigt, wie ein solches nicht-vergeschlechtlichtes Selbsterleben für Mika jedoch die Schwierigkeit erzeugt, die eigenen Erfahrungen zu benennen. »Das«, was damals »in dem Moment« außerhalb Mikas Wahrnehmung und Wissen lag, bleibt in der Erzählsituation vage und nicht-benennbar. Indem er ausführt »dann so keine Identität so von mir gesehen« zu haben, nimmt er eine distanzierte Position zu sich selbst ein und verweist auf die Notwendigkeit überhaupt ein Geschlecht zu sein. Ein nicht-wahrgenommenes und damit nicht-benennbares Geschlecht zu sein, bedeutet hier niemand, also ent_wahrgenommen5 und nicht-existent zu sein. Ein geschlechtliches Selbsterleben wird so zu einer Voraussetzung sich als »einen Menschen« wahrzunehmen. Dies schließt an Überlegungen zum Verhältnis von Transitionsprozessen und Zeitlichkeit an, die die Herstellung einer auf die Zukunft ausgerichteten Gegenwart als einen Schwebezustand (Pearce 2019, 68), das Überspringen von Gegenwart (Israeli-Nevo 2017, 38) oder das Zurückbleiben in einer zukunftsfernen Gegenwart (Malatino 2022, 20) diskutieren. So argumentiert beispielsweise Israeli-Nevo (2017), dass die Gegenwart in dominierenden Erzählungen über Transgeschlechtlichkeit übersprungen und uns als trans und nichtbinäre Personen infolgedessen eine »position of not being present« (ebd., 38) zugewiesen wird. Dabei vermittelt die englische Formulierung eine Mehrdeutigkeit, die in der deutschen Übersetzung verloren geht: Einerseits eine Posi­tion abseits von Wahrnehmbarkeit, eine Position der Nicht-Präsenz und anderseits eine Position in einer Nicht-Gegenwart. Israeli-Nevo beschreibt dies als eine Dissoziation von sich selbst und von anderen, die uns in einer fernen Zukunft, nach der Transition, platziert (ebd.). »Keine Identität mehr so von mir zu sehen« verweist auf eben diese Position der Nicht-Präsenz, die Mika vor seinem trans Coming-in erlebt hat. Die zeitliche Trennung zwischen »damals«/»JETZT«, zwischen vor/nach dem Coming-in ist dabei wechselbezüglich mit Niemandsein/Menschsein verbunden. Coming-in bedeutet für Mika in eine Gegenwart und eine Präsenz einzutreten, wie ich noch ausführe. Er entfaltet eine zeitliche Trennung seiner Biografie und beschreibt eine Inkongruenz, die aus dem Zusammenwirken von Selbsterleben und Zeit hervorgeht.

Mikas biografische Selbsterzählung verdeutlicht das Phänomen einer »doppelten Verzeitlichung« (Gregor 2022, 577), wie es sich häufig im Zuge von Erzählungen zu Coming-out-Prozessen zeigt. Zugleich bringt Mika eine zeitliche Trennung seiner Biografie als selbstermächtigende Erfahrung hervor, wie im Folgenden dargelegt.

5. Selbstermächtigende Aneignung normativer Erzählmuster

Wenn Mika von sich in der Vergangenheit erzählt, kontrastiert die Dar- und Herstellung seines erzählten Ichs mit seiner Selbstpräsentation als Biograf. Einerseits stellt er mit der Beschreibung, retrospektiv »keine Identität mehr so von mir gesehen« zu haben, nicht-präsent zu sein als wesentlichen Bestandteil seines vergangenen Lebens dar. Anderseits nimmt er mit seiner Positionierung als eigenmächtiger Biograf eine präsente Position in der Gegenwart ein, für die Selbstanerkennung zentral ist. So erzählt er an anderer Stelle in dem Interview von seinem eigenen Transsein als eine prozesshafte Ressource, die er mit einem positiven emotionalen Erleben verbindet:

»Ich hab so dieses Coming-in für mich gehabt, das war ein schöner glücklicher Tag, ich sag immer noch, ich glaub das war mein glücklichster Tag, wo ich so für mich selber gecheckt hab <<erfreut> ah ja okay, ich bin ja trans*> und ähm, ich heiß Mika und <<lachend> cool>6

Mika hebt hier auf mehrfache Weise die Bedeutung des Erkennens und Verstehens seines Transseins für sein Erleben hervor. Mit dem Begriff des Coming-ins sowie mit der sich wiederholenden Formulierung »für mich« deutet er sein eigenes Wohlbefinden und ein damit verbundenes Erleben von Handlungsmöglichkeiten als vordergründigen Bezugspunkt. Sowohl innerhalb der Erzählung über sein Erleben als auch mit seiner Positionierung in der Erzählsituation präsentiert Mika sich als Handelnder (»ich hab«, »ich sag«) und als Erfahrender (»für mich«) der Situation. Mit dem Einschub »ich sag immer noch« positioniert er sich aktiv in der Erzählzeit, aus der heraus er sein Erleben zum »glücklichsten Tag« als konstant deutet. Die mit dem Tag verbundenen Emotionen wie Freude reichen somit von der Erzählung in die gegenwärtige Erzählsituation, wie es auch mit der freudigen Erzählweise deutlich wird. Dabei verbindet Mika die Einordnung seines Erlebens »ich bin ja trans*« mit einer namentlichen Selbstbenennung »ich heiß Mika«. Dieser Sprechakt (Butler 2013, 52–67) ermöglicht es Mika, als »ein Mensch« präsent und intelligibel zu werden und sich als solcher zu erleben. Seine trans_Biografie bringt er dabei geknüpft an eine Gegenwart hervor. Vor diesem Hintergrund lassen sich die metanarrativen Kommentare nicht nur als Ausdruck einer reflexiven Erzählweise und der damit verbundenen Positionierungsakte im Kontext normativer Erzählmuster verstehen, sondern zugleich als performativer Akt des Gegenwärtig- und Präsent-Werdens und -Bleibens.

Auch im weiteren Interview positioniert Mika sich wiederholt entgegen »so trans Geschichten« und »was man in den Medien hört«. Er betont: »als Jugendlicher/hab ich nicht geäußert, dass ich ein Junge bin. Ich stehe da auch dazu«. Die zeitliche Struktur der Aussage zeigt, dass das vergangene Erleben und Handeln (»nicht geäußert«), sein Sosein als »Junge« nicht infrage stellt. Stattdessen wird dieses von Mika als ein über die Zeit hinweg bestehendes Phänomen präsentiert. Mit der anschließenden Feststellung nimmt er in der Erzählsituation eine klare und eigenmächtige Position ein. Als Akteur grenzt er sich damit von cisnormativen Darstellungen, die »von einer tiefen Kluft zwischen der früheren und der neuen Geschlechtsidentität« (Israeli-Nevo 2017, 36. Übers. d. Verf.) erzählen, ab. Die zeitliche Kontinuität verdeutlicht, dass es für die Erzählbarkeit zugleich unvermeidlich ist, chrono- und cisnormative Erzählmuster zu verwenden. Statt diese jedoch einfach zu übernehmen, nimmt Mika eine aktive Position zu den Anforderungen an seine biografische Konstruktion ein. Die expliziten Selbstpositionierungen sowie die Darstellungen von zeitlicher Kontinuität ermöglichen ihm seine »autobiografische[n] Erinnerungen und [s]eine biografische Perspektive auf die eigene Vergangenheit zu einer kohärenten Gestalt zusammen zu schließen« (Lucius-Hoene und Deppermann 2004, 285) und so die Anforderung von Kohärenz als »Prüfstein einer gelungenen Identitätsbildung und biografischen Konstruktion« (ebd., 284) zu erfüllen. Mit dem »Jungen«, der »ich bin«, referiert er auf eben jene cisnormativen Konstruktionen, in denen Geschlecht unweigerlich mit Kontinuität verbunden wird und die in vielen transitionsbezogenen Erzählungen dadurch hergestellt wird, dass das »wahre Geschlecht schon immer da war« (Israeli-Nevo 2017, 37. Übers. d. Verf.).

Mika deutet jedoch weder sein geschlechtliches Selbsterleben noch sein Transsein als kontinuierlich. So endet auch der zuvor zitierte Ausschnitt mit einer Abgrenzung zu chrono- und cisnormativen Anforderungen an seine biografische Erzählung: »Aber genau, das ja/ deswegen bedeutete das nicht für mich, dass ich das damals eigentlich schon erkannt hab, das glaub ich eben nicht«. Wiederholt schlussfolgert er, dass seine gegenwärtige retrospektive Wahrnehmung von sich »als Junge« nicht gleichbedeutend damit ist, sich »damals eigentlich schon« als solcher wahrgenommen und erlebt zu haben. Im Sinne einer Kontinuitätslogik, war er zwar schon immer ein »Junge«, aber die Erkenntnis und Anerkennung davon »trans*« zu sein »hat sich alles so entwickelt« – wie er es an anderer Stelle beschreibt. Dies schließt an das an, was Israeli-Nevo (2017) als »Frau, die nicht als trans geboren wurde« (ebd., 34. Übers. d. Verf.) bezogen auf die eigenen trans_biografischen Erfahrungen ausführt: Um das eigene Transsein als eine Identität zu entwerfen, sich zu entfalten und in der Gegenwart zu manifestieren, braucht es Zeit (ebd., 34f.). Auch in Mikas Deutung bleibt Zeit ein wesentliches Kriterium von Transgeschlechtlichkeit. Es sind aber nicht Dauerhaftigkeit und Unveränderbarkeit, die Transgeschlechtlichkeit charakterisieren, sondern eine prozesshafte Entwicklung, die diskontinuierlich und inkongruent sein kann. Mika hebt das eigene Selbsterleben sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, und zwar in Form der retrospektiven Positionierungen, als gültig und vordergründig gegenüber cisnormativen Erzählmustern hervor.

Dass Mikas biografische Konstruktion sich dabei auf Konzepte wie Kontinuität und Inkongruenz bezieht und auf der Abgrenzung zu den vorherrschenden Anforderungen und Zuschreibungen basiert, verdeutlicht die Wirkmächtigkeit von chrono- und cisnormativen Erzählmustern. So thematisiert Mika, dass die Erfahrung der zeitlichen Diskrepanz seines Selbsterlebens »es für mich später nicht leichter gemacht«, sondern es »manchmal schwer gemacht« hat, das eigene Transsein »trotzdem für mich anzunehmen«. Schließlich gleicht sein Erleben nicht den Erzählungen, die er nach seinem Coming-in in den Medien gefunden hat: »Und da bin ich halt ganz oft eben darüber gefall/ gefallen, dass halt die Leute gesagt haben, ja eben als Kind schon irgendwie hab ich gemerkt, ich bin trans«. In Anlehnung an die Redewendung »darüber stolpern« vermittelt »darüber fallen« eine ungewollte und schmerzhafte Konfrontation mit solch chrono- und cisnormativen Erzählmustern. Beispielhaft verdeutlicht dies, die Notwendigkeit das eigene Transsein entlang chrononormativer Logiken darzustellen, um intelligibel zu werden. Statt eines retrospektiven Queerings seiner Biografie (Gregor 2022, 577), entwirft er seine trans_Biografie in Abgrenzung zu den vorherrschenden Erzählmustern. Als Biograf nimmt er dabei eine selbstwirksame und selbstermächtigende Erzählposition ein, aus der er durch eben jene Aneignung und Transformation der Erzählmuster sein eigenes Erleben nicht nur als intelligibel darstellt, sondern auch als solches erleben kann.

6. Zusammenfassung

Zeitlichkeit ist ein zentrales Merkmal der biografischen Narration von Mika. Sie findet sich in der Strukturierung des Erzählten, in den metanarrativen Einordnungen des Erlebten und Erinnerten, ebenso wie in der Erzählung und in der Interviewsituation selbst. Da Mikas biografisches Erleben nicht die Anforderungen der vorherrschenden Erzählmuster trans_biografischer Verläufe erfüllt, entwirft er seine Erzählung mit reflexiven Positionierungen zu chrono- und cisnormativen Konstruktionen. Einerseits bringt er dabei eine zeitliche Trennung in Relation zu seinem Coming-in als biografischen Wendepunkt hervor. Anderseits hebt er in Abgrenzung zu cisnormativen Erzählungen über Transgeschlechtlichkeit die Wechselbezüglichkeit zwischen vergangenem/gegenwärtigem Selbsterleben sowie biografischer Deutung hervor. Statt seine biografische Erzählung normativen Erzählmustern anzugleichen, eignet sich Mika diese eigensinnig an, hebt den Prozess seiner Selbstanerkennung hervor und präsentiert eine selbstermächtigende Deutung seines biografischen Erlebens.

Die Rekonstruktion verdeutlicht, wie die konzeptionelle und diskursive Verschränkung von Zeit, Inkongruenz und Transgeschlechtlichkeit in biografischen Selbsterzählungen wirksam werden können. Chrononormativität ist Teil der Anforderungen, die an unser trans_biografisches Erleben gestellt werden und die wir erfüllen müssen, um anerkannt zu werden. Chrononormative Logiken sind zugleich unseren eigenen Vorstellungen von Transgeschlechtlichkeit inhärent. Chrono- und cisnormative Logiken bieten notwendigerweise einen Referenzrahmen biografischer Selbstrepräsentation. Aus einer normativitäts- und machtkritischen Perspektive ist es deswegen umso notwendiger die rekonstruierten Erzählmuster auf eigensinnige und eigenmächtige Logiken hin zu befragen. Biografische Konstruktionen sind »rekonstruktiv in jenem doppelten Sinn: Sie re-präsentier[en] gesellschaftliche Geschlechterkonstruktionen und sie konstruier[en] sie zugleich neu« (Dausien 2012, 167). Untersuchungen von biografischen Erzählungen, wie die von Mika, haben das Potenzial vorherrschende Zeitkonstruktionen zu hinterfragen und alternative bruchhafte, asynchrone, diskontinuierliche Zeitlichkeiten wahrzunehmen. Dadurch wird es möglich, unterschiedliche Erfahrungen von uns trans und nichtbinären Menschen anzuerkennen, die über ein medizinisch-psychiatrisch geprägtes Verständnis von Geschlechtsinkongruenz hinausreichen. Dies kann zeitlich inkongruente und kongruente, ebenso wie als linear erlebte und erzählte geschlechtsbezogene Transitionen miteinschließen. Eine sensibilisierte Perspektive auf Chrononormativität kann infolgedessen selbstbestimmte Formen geschlechtlicher Lebbarkeit – auch innerhalb unserer Communities – stärken. In einem Verständnis von Biografie »als Scharnier zwischen Individuum und Gesellschaft« (Gregor 2022, 574) zeigen sich hier vergangene sowie gegenwärtige Praktiken des Lebbarwerdens und Lebbarseins trans und nichtbinärer Existenzweisen.

Anmerkungen

[1]
Trans Studien versammeln seit den 1990er Jahren verschiedene Forschungs- und Theorieansätze, die entpathologisierende, normativitäts- und machtkritische Perspektiven auf Geschlecht und Binaritäten einnehmen. Interdisziplinär ausgerichtet, werden dabei akademische und politische Auseinandersetzungen verbunden, um die Lebensbedingungen von uns trans und nichtbinären Menschen zu verbessern und neue Formen vergeschlechtlichter Existenz- und Lebensweisen zu ermöglichen (Baumgartinger 2017; Höhne et al. 2025; Mader et al. 2021).
[2]
Ich möchte all jenen danken, die meine Promotion all die Jahre begleitet, mich unterstützt, fachlich beraten, kritisch reflektiert und meine Forschung ermöglicht haben. Für die wertvollen Anregungen im Schreibprozess dieses Artikels danke ich insbesondere Caspar Rehlinger, Joe Joerg, Mechthild Bereswill sowie den beiden Gutachter_innen. Meine Promotion wurde durch die Graduiertenförderung der Universität Kassel gefördert.
[3]
Die verwendeten Interviewzitate sind im Fließtext als solche markiert und aus Gründen der Lesbarkeit grammatikalisch angepasst.
[4]
Kennzeichnung für betonte, lautere Textstellen gemäß dem verwendeten Transkriptionssystem.
[5]
Mit dem Begriff der Ent_Wahrnehmung fasse ich Praktiken, mit denen Personen verzerrt, falsch und auf spezifische Weise wahrgenommen und wahrnehmbar gemacht werden. Der Unterstrich symbolisiert die Gleichzeitigkeit des Wahrnehmens und Nicht-Wahrnehmens.
[6]
Kennzeichnung für <Beginn und Ende> des erfreuten und lachenden Sprechens.

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Die_r Autor_in

Mael Boenig ist Geschlechterforscher_in (M.A) und Sozialarbeiter_in (B.A.). In Forschung, Lehre und Communityarbeit beschäftigt dey sich mit trans_queerem Leben, mit Machtverhältnissen, Empowerment und Gesundheit, queerer Biografieforschung sowie dialogischen Forschungskonzeptionen.

Kontakt:
mael@quest-workshops.de