Janos Erkens
Journal für Psychologie, 34(1), 70–91
https://doi.org/10.30820/0942-2285-2026-1-70 CC BY-NC-ND 4.0 www.journal-fuer-psychologie.deDer Beitrag untersucht, wie trans Jugendliche und junge Erwachsene ihre Lebensgeschichten vor dem Hintergrund diskursiver Verschiebungen im Feld von trans rekonstruieren. Ausgehend vom psychoanalytischen Konzept der Nachträglichkeit sowie Laplanches Verständnis von Geschlecht als nie final abgeschlossener Lösung »rätselhafter Botschaften« wird gefragt, wie Diskontinuitäten – Pubertät, inneres Coming-out, Transition – retrospektiv in kohärente Biografien überführt werden. Die empirische Grundlage bilden drei biografische Narrative Interviews mit jungen trans Menschen, die in einer tiefenhermeneutischen Interpretationsgruppe analysiert wurden. Die Analyse machte Spannungen zwischen der Pluralisierung von trans Lebensweisen, fortbestehenden Identitätsgeboten und normativen familiären wie gesellschaftlichen Erwartungen deutlich.
Schlüsselwörter: trans, Transjugendliche, Nachträglichkeit, Geschlechtsidentität, Tiefenhermeneutik
»Well, it’s always been there subconsciously«
Afterwardsness and discontinuities in adolescent trans biographies
This article examines how transgender adolescents and young adults reconstruct their life stories against the backdrop of discursive shifts regarding transgender lifestyles. Based on the psychoanalytic concept of nachträglichkeit (afterwardsness) and Laplanche’s understanding of gender as a never-ending solution to »enigmatic messages«, the article asks how discontinuities – puberty, inner coming out, transition – are retrospectively transformed into coherent biographies. The empirical basis is formed by three biographical narrative interviews with young trans people, which were analyzed in a depth hermeneutic interpretation group. In particular, the tensions between the pluralization of trans lifestyles, persistent identity imperatives, and normative family and social expectations were highlighted.
Keywords: trans, transyouth, afterwardsness, genderidentity, depthhermeneutic
Während dieser Artikel entsteht, jährt sich das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) zum ersten Mal. Mit dessen Inkrafttreten am 1. November 2024 ist die Änderung des Personenstands an eine Selbsterklärung gebunden – die Ära der psychologischen und psychiatrischen Gutachten damit vorbei. Für Menschen, die sich im Verlauf ihres Lebens anders verorten als zum ihnen zugewiesenen Geschlecht, bedeutet diese in Recht gegossene Diskurserweiterung neue Möglichkeiten, ihre Lebensgeschichte zu erfahren und zu erzählen. Trans ist vielfältiger geworden, der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch sprach diesbezüglich bereits vor mehr als einem Jahrzehnt gar von »Liquid Gender« (Sigusch 2013). Meiner Einschätzung nach springt diese Begrifflichkeit (noch) zu weit: Biografien transidenter Menschen sind weiterhin durch vielfältige Normen und das weitgehend ungebrochene Identitätsgebot gerahmt. Neben diesen aktuellen Diskursräumen, die den Bewusstseinsstand und damit die Retrospektive prägen, sind diese auch durch vorgängige Erfahrungen geformt. Aus psychoanalytischer Perspektive wird diese Wechselseitigkeit mit dem Begriff der Nachträglichkeit beschrieben: Vergangenheit und Gegenwart bestimmen sich gegenseitig (Kirchhoff 2018, 12).
Für den vorliegenden Text wurde der Nachträglichkeit in den Biografien von trans Jugendlichen und jungen Erwachsenen nachgespürt und deren widersprüchliche Handlungsbedingungen beleuchtet: Welche persönlichen wie gesellschaftlichen Ereignisse und Entwicklungen machten eine Re-Interpretation der Vergangenheit nötig? Welche in der Vergangenheit erlebten Ereignisse können dabei als konstitutiv für die Gegenwart gewertet werden? Wie haben diese Ereignisse die jetzige Perspektive der Interviewten geprägt – und wie prägt die jetzige, von den aktuellen Diskursräumen geformte Perspektive die Re-Interpretation der eigenen Vergangenheit? Um Antworten auf diese Fragen zu erarbeiten, wurden biografische Interviews mit trans Jugendlichen und jungen Erwachsenen in einer tiefenhermeneutischen Interpretationsgruppe analysiert.
Die Gemengelage, in der sich trans Jugendliche heute befinden, ist geprägt von einem fundamentalen Diskurswandel von trans (zunächst noch ohne Suffix) in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten, den ich im Folgenden kurz skizziere2. Bis mindestens in die 1990er war »Transsexualität« noch vorwiegend von medizinischen Definitionen bestimmt: Entsprechend des Mediziner:innen eigenen »nosomorphen«3 Blicks (Sigusch 2013, 1991) waren Transsexuelle Menschen (übrigens in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle bei Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen, die sich als Frauen identifizierten)(Sigusch 1994), die sich im »falschen Körper« empfänden und »von einem Verlangen nach Geschlechtswechsel besessen« seien, das sich »oft bis in die frühe Kindheit zurückverfolgen« ließe und »durchgehend vorhanden« sei (Sigusch et al. 1979, 250f.).
Dieses medizinisch dominierte Paradigma schlug sich in der Gesetzgebung nieder: Das Transsexuellengesetz (TSG), das 1980 eingeführt wurde, erlaubte eine Personenstandsänderung nur, wenn zuvor zwei psychologische Gutachten eingeholt und geschlechtsangleichende Maßnahmen durchgeführt wurden. Ein wesentlicher Bestandteil eines solchen psychologischen Gutachtens war die Bestätigung, dass sich der »Zwang«, entsprechend der eigenen empfundenen Geschlechtszugehörigkeit zu leben, »nicht mehr ändern« wird (kritisch dazu Rauchfleisch 2016, 38). Zu den geschlechtsangleichenden Maßnahmen, die für eine Personenstandsänderung erforderlich waren, zählten außerdem üblicherweise eine Hormontherapie und diverse Operationen, die das äußere Erscheinungsbild der betreffenden Person geschlechtlich vereindeutigten sollten. Diese medizinischen Maßnahmen wurden von trans Personen immer wieder als Eingriff in die körperliche Integrität kritisiert: Auf eine entsprechende Klage hin urteilte das Bundesverfassungsgericht 20114 etwa, dass die im TSG vorgesehene enthaltene Zwangssterilisation menschenrechtswidrig sei und abgeschafft werden müsse.
Nach einer Vielzahl derartiger Klagen gegen das TSG wurde es im November 2024 schließlich endgültig abgeschafft und durch das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) ersetzt. Seitdem kann der Personenstand durch eine einfache standesamtliche Erklärung geändert werden – ohne vorherige psychologische Begutachtung. Medizinische Maßnahmen regelt das SBGG übrigens nicht, auch wenn dies in aufgeheizten politischen Debatten immer wieder behauptet wird. Auf rechtlicher Ebene scheint der »Abschied vom ›echten‹ Transsexuellen«, den die Psychoanalytikerin Sophinette Becker bereits 2006 (Becker 2006) konstatierte, besiegelt.
Freilich gibt die Rechtslage keinen umfänglichen Aufschluss über den Stand gesellschaftlicher Diskurse. Meiner Beobachtung zufolge wird die erfreuliche Vervielfältigung von trans Lebensweisen weiter und bisweilen vehement bekämpft5. Ein Einfallstor, um trans Entwicklungen vor allem im Jugendalter zu delegitimieren, sind nach wie vor vermeintliche Inkonsistenzen in der transgeschlechtlichen Entwicklung: So wird etwa die angebliche »Rapid Onset Gender Dysphoria (ROGD)« (Littman 2018), also eine für Außenstehende rasch und scheinbar ohne Vorzeichen eintretende trans Identifikation, immer wieder angeführt, um trans als Trend oder mediale Ansteckung unter Jugendlichen zu diskreditieren. Obwohl die Studie gravierende methodische Mängel aufweist (Restar 2020), wird sie weiterhin affirmativ zitiert – von prominenten Stimmen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie (Korte und Tschuschke 2023) ebenso wie von transfeindlichen feministischen Akteurinnen (Emma 2025) und Elternrechtler:innen (TransTeens Sorge berechtigt 2026).
Die Forderung einer stabilen, unveränderlichen geschlechtlichen Identität über die gesamte Lebenszeit hinweg scheint jedoch nicht nur die Vorstellungen derjenigen zu dominieren, die trans Identifikationen ablehnend gegenüberstehen. Im Rahmen meines Forschungsprojekts zu trans Jugendlichen und Sozialen Medien, bei dem ich Interviews mit transgeschlechtlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen geführt habe, werden ebenfalls stets kohärente Entwicklungsverläufe dargestellt. Auch, wenn die geschlechtlichen Verortungen variieren, etwa von »agender« über »masculine nonbinary« bis »weiblich«, wird die trans Identifikation als schon lange von dem inneren Coming-out angelegt geschildert. Trotz aller Flexibilisierung scheinen auch die Befragten in gewisser Hinsicht den Wunsch nach einer stabilen geschlechtlichen Identität zu haben (vgl. Lahl 2024).
Vor dem Hintergrund einer diskursiven Veränderung hin zu mehr Pluralität von trans Lebensweisen einerseits, sowie andererseits eines theoretischen Verständnisses, das Geschlechtsidentität als nie abgeschlossene Lösung rätselhafter Botschaften (Laplanche 2017, 137ff.) versteht, gibt diese Darstellung von Kontinuität Aufschluss über die aktuellen Möglichkeitsräume von trans Lebensweisen. Im Folgenden möchte ich diesen theoretischen Rahmen zunächst kurz darstellen und dabei auch auf die Dynamik der Nachträglichkeit eingehen, die meines Erachtens für die Rekonstruktion zeitlich stabiler trans Biografien von zentraler Bedeutung ist.
In psychoanalytischen Geschlechtertheorien haben sich in der jüngeren Vergangenheit Bezugnahmen auf Jean Laplanche gehäuft – Aaron Lahl spricht diesbezüglich gar von einer »Diskursführerschaft« Laplanches (Lahl 2024, 171). Auch ich reihe mich in diese Tradition ein, da mich Laplanches Konzept von Geschlecht als Lösung »rätselhafter Signifikanten« (Laplanche 1988, 224) oder rätselhafter Botschaften (Laplanche 2017) als originär psychoanalytisches und nicht-pathologisierendes Modell überzeugt.
Die Grundannahme bei Laplanche lautet, dass Geschlecht zunächst eine Zuschreibung ist, die wir bereits erhalten, bevor wir uns überhaupt selbst vergeschlechtlicht wahrnehmen: die Identifizierung durch die anderen geschieht also zeitlich vor der eigenen Identifizierung (Laplanche 2017, 148f.). Sie beinhaltet zudem nicht nur verbale Botschaften vom Typ »Du bist ein Mädchen«, sondern auch non-verbale Mitteilungen wie etwa die Dekoration des Kinderzimmers, die angebotenen Spielzeuge sowie geschlechtsspezifische Gesten und Pflegehandlungen und vieles mehr.
Diese geschlechtertheoretisch wenig kontroverse Annahme erhält ihre psychoanalytische Spezifik dadurch, dass Laplanche die unbewussten Zuschreibungen der Erwachsenen grundsätzlich als »rätselhaft« (Laplanche 2017, 199ff.) versteht. Sie werden üblicherweise von signifikanten Anderen, von erwachsenen Pflegepersonen gemacht und sind (wie alle Zuschreibungen und im Besonderen jene, die sich auf Geschlecht und Sexualität beziehen) vermengt mit unbewussten, sexuell konnotierten Anteilen. Was die Zuschreibung »du bist ein Mädchen« bedeutet, kann das Kind nicht wissen – es spürt aber die jeweilige Affektqualität, die damit einhergeht und wird von ihr selbst affiziert, in Unruhe und Spannung versetzt. Diese rätselhafte, Unruhe stiftende Zuschreibung gilt es zu lösen.
Geschlechtliche Identifikationen sind also sowohl passiv erhaltene Zuschreibungen als auch aktive Versuche, diesen Zuschreibungen einen Sinn zu verleihen. Die geschlechtliche Identifikation ist dabei individuell in dem Sinn, dass sie auf einer einzigartigen Entwicklungsgeschichte mit sehr unterschiedlichen Konfliktdynamiken basiert, die vom einzelnen Menschen auf eine für ihn stimmige Weise gelöst werden müssen. Sie ist jedoch auch intersubjektiv, weil sie erstens vom anderen initial angestoßen wird und zweitens, weil die Lösungsangebote, die dem Kind zur Verfügung stehen, kulturell bedingt sind, schließlich drittens, weil die jeweiligen Lösungen anderen vermittelbar sein müssen.
Ein zentraler Aspekt, der an Laplanches Ansatz überzeugt, ist die Feststellung, dass geschlechtliche Identifikationen nie abgeschlossen sind: Bei jeder Übersetzung bleibt ein Bedeutungsüberschuss übrig, der unintegriert im Unbewussten verbleibt und in einem späteren Kontext dynamisch wirksam werden kann. Mit Laplanche gesprochen, ist Geschlecht also ein fragmentierter, nie abgeschlossener Prozess: Die geschlechtliche Identität muss immer wieder umgearbeitet und vor dem Hintergrund neuer Erfahrungen reinterpretiert werden. Und ich möchte hinzufügen: Ein Prozess, der in der Vermittlung in eine Kohärenz gebracht werden muss.
Für das Verständnis von trans Identifizierungen scheint mir Laplanches Modell zudem deshalb sinnvoll, weil es ohne Pathologisierung auskommt: Analog zu einem oft zitierten Ausspruchs Freuds, nach dem Heterosexualität nicht weniger erklärungsbedürftig sei als Homosexualität (Freud 2019), wird auch aus Laplanches Ausführungen deutlich, dass jede geschlechtliche Identifikation ein Genese hat, also nicht biologisch determiniert ist (Laplanche 2017). Beide sind jeweils subjektive Lösungen für die rätselhaften Botschaften der Identifizierung durch andere – nur mit dem Unterschied, dass die Lösung im Fall einer cis Identifikation nicht im Konflikt mit den manifesten Aspekten der Zuschreibung steht, im Fall einer trans Identifikation allerdings sehr wohl. Sie gleichen sich jedoch darin, dass Geschlecht im Verlauf der Lebensspanne unterschiedliche Bedeutungen haben kann und wahrscheinlich auch hat, also letztlich nicht identisch ist.
Für die in diesem Text relevante Frage, wie trans Identifizierungen in einen kohärenten Sinnzusammenhang mit der bisherigen Entwicklung gebracht werden, welche Ereignisse und Erfahrungen dabei das gegenwärtige Erleben geprägt haben und welche Rolle bei deren Reinterpretation Diskontinuitäten und Brüche spielen, ist der Ansatz der rätselhaften Botschaften meines Erachtens besonders zielführend. Da hierbei auch die Frage der Bedingungen von Retrospektive eine Rolle spielt, gehe ich im folgenden Abschnitt auf das Konzept der Nachträglichkeit ein, das für das Verständnis von biografischer Zeit zentral ist.
Der Ausdruck nachträglich oder Nachträglichkeit ist zentral für Sigmund Freuds komplexe theoretische Überlegungen zur Zeitlichkeit und psychischen Kausalität6. Entgegen eines Klischees über die Psychoanalyse, sie führe die psychische Verfasstheit eines Menschen ausschließlich auf Ereignisse und Umstände in dessen Kindheit zurück (Laplanche und Pontalis 2022), beschreibt Nachträglichkeit tatsächlich explizit keinen Determinismus, sondern eine Dialektik: »Erfahrungen, Eindrücke, Erinnerungsspuren werden später aufgrund neuer Erfahrungen und mit dem Erreichen einer anderen Entwicklungsstufe umgearbeitet. Sie erhalten somit gleichzeitig einen neuen Sinn und eine neue psychische Wirksamkeit« (ebd., 312).
Erfahrungen der Vergangenheit sind der psychoanalytischen Grundannahme gemäß konstitutiv für die psychische Entwicklung – doch sie schreiben die psychische Entwicklung nicht fest, wie es etwa im Sinne einer Prägung zu verstehen wäre. Vielmehr hinterlassen sie Erinnerungsspuren im Subjekt. Mit fortschreitender Lebenszeit und den Erfahrungen, die in dieser Zeit durchlebt und die psychisch verarbeitet werden, verändert sich auch die Perspektive auf die Vergangenheit. Erinnerungen lassen sich folglich nicht aus dem Gedächtnis hervorziehen wie eine Socke aus der Schublade, sondern werden notwendig »in der Gegenwart als etwas Vergangenes konstituiert« (Kirchhoff 2018, 12). Anstelle einer linear durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verlaufenden biografischen Entwicklung zeichnet sich damit eine wechselseitige Konstitution von subjektiver Vergangenheit und Gegenwart ab. Nachträglichkeit kann also als dynamischer Widerspruch (Kirchhoff 2009, 143) verstanden werden und nicht als Vereindeutigung mit einem der Pole »Wirkung mit Ursprung in der Vergangenheit« und »Rückprojektion aus der Gegenwart« (ebd., 182).
Eine zentrale Rolle für die Nachträglichkeit spielt die Zweizeitigkeit der sexuellen Entwicklung. Paradoxerweise erzeugt gerade die linear voranschreitende sexuelle Reifung beim Menschen eine fundamentale Disruption im psychischen Erleben. Sexuelle oder sexuell konnotierte Szenen, die sich in der Kindheit ereignen, werden in der präpubertären Psyche anders verstanden und verarbeitet als im sexuell wissenden Zustand. Sie hinterlassen dennoch Erinnerungsspuren: nicht verarbeit- und nicht symbolisierbare Reste, die vor dem Hintergrund der sexuellen Reife neue Bedeutung und eine neue Affektqualität erhalten.
Während die Zweizeitigkeit der menschlichen Sexualität für Freud ursprünglich als Auslöser psychopathologischer Symptome von Interesse war, wurde Nachträglichkeit in der posthumen (also nachträglichen) Rezeption Freuds zum zunehmend prominenten Bestandteil der psychoanalytischen Metapsychologie (ebd., 14).
Für den hiesigen Text von Interesse ist etwa Regina Becker-Schmidts Operationalisierung des Konzepts für die Erforschung weiblicher Lebensläufe. Die Disruption der sexuellen Reife spielt für Becker-Schmidt dabei nicht die primäre Rolle, vielmehr richtet sich ihr Fokus auf jene Kontinuitäts- und Normalitätsbrüche, die durch soziale Umstrukturierungen zustande kommen (Becker-Schmidt 1994, 155). Nachträglichkeit definiert sie in diesem Zusammenhang »allgemein [als] einen psychischen Prozeß, in dem Erinnerungen Selbst- und Fremdwahrnehmungen im Nachhinein neu interpretiert werden, weil sich in der Jetztzeit ein Bewußtseinsstand erreichen und ein Bedeutungszusammenhang stiften ließ, in die diese sinnhaft integriert werden können« (ebd., 174).
Fruchtbar für die hiesige Studie scheint mir Becker-Schmidts Ansatz, neben der Dialektik des individuellen Lebens, wie sie von Kirchhoff (2009) beschrieben wird, auch die gesellschaftliche Dialektik einzubeziehen. Dabei lässt sich die Dialektik des individuellen Lebens etwa so formulieren: Die Vergangenheit formt das Bewusstsein, das wiederum die Vergangenheit formt. Die gesellschaftliche Dialektik beschreibt hingegen, dass gesellschaftliche Umstände das Bewusstsein der Subjekte formen, die wiederum Einfluss auf die gesellschaftlichen Umstände nehmen. Beide Dynamiken sind meines Erachtens gerade im Hinblick auf Transgeschlechtlichkeit von besonderer Bedeutung.
Vor dem Hintergrund des skizzierten Modells der rätselhaften Botschaften, die in Bezug auf Geschlecht immer wieder neu zu lösen sind, spielt Nachträglichkeit für einen transgeschlechtlichen Lösungsweg eine besondere Rolle: Ein (inneres) Coming-out als trans ist eine erlebte Diskontinuität, welche die Reinterpretation der Vergangenheit bisweilen umfänglich nötig macht. Die Soziologin Gesa Lindemann hat dies schon in ihrer Studie von 1993 ausformuliert (Lindemann 1993) – bemerkenswerterweise, ohne sich dabei auf das psychoanalytische Konzept der Nachträglichkeit zu beziehen. Für die Lebensgeschichte von trans Menschen benennt sie das Futur II als Zeitform, ebenso wie Christine Kirchhoff es für die Nachträglichkeit tut (Kirchhoff 2018, 14): »Transsexuelle werden morgen schon das Geschlecht gewesen sein, das sie heute noch nicht sind« (Lindemann 1993, 72).
Wie die transgeschlechtliche Lebensgeschichte im Futur II, also unter dem weiterbestehenden Identitätsgebot und -wunsch, erzählt wird, welche Rolle dabei die durch körperliche Reifung und Coming-out erzeugten Brüche spielen und wie im Rückblick prägende Ereignisse der kind- und jugendlichen Entwicklung umgedeutet und narrativ eingebettet werden, soll im Folgenden an drei tiefenhermeneutischen Interviewanalysen verdeutlicht werden.
Mit der Tiefenhermeneutik steht Forschungsprojekten, die den latenten Sinngehalten ihres Materials nachspüren, ein adäquates methodisches Instrumentarium zur Verfügung. Die von Alfred Lorenzer (Lorenzer 1986) entwickelte Tiefenhermeneutik ist eine Methode der psychoanalytischen Kulturforschung, bei der über die Wirkung eines Textes oder Bildes auf das Erleben der Interpret:innen auf dessen narrrativen Gehalt geschlossen wird (König 2000, 556). Als Material eignen sich dabei sowohl sozialwissenschaftliche Interviews mit einzelnen oder Gruppen, als auch künstlerische Artefakte wie Bilder oder Filme. Im Fokus der Analyse stehen dabei die bewussten und unbewussten Lebensentwürfe, die in den vermittels Text transportierten sozialen Interaktionen inszeniert werden (ebd., 556).
Die Methode geht von einer »Doppelbödigkeit« sozialer Handlungsabläufe und der Sprache aus: Neben einem manifesten Sinn, der sich direkt vermittelt, da er auf sozial akzeptierte Lebensentwürfe rekurriert, flottiert ein latenter Sinn, der auf sozial verpönten Lebensentwürfen verweist. Die latenten Sinngehalte lassen sich auch als sozial anstößige Wünsche, Träume oder Ängste begreifen, die in einer sozialen Integrationsleistung vom Subjekt verdrängt werden. Da Verdrängtes gemäß der psychoanalytischen Grundannahme in seiner affektiven Aufladung wirksam bleibt, geht die Tiefenhermeneutik davon aus, dass sich auch die latent gewordenen Sinngehalte, die im Material enthalten sind, über ihre affektive Wirkung entschlüsseln lassen.
Im Rahmen einer Interpretationsgruppe wird dazu den Spannungen zwischen manifestem und latentem Sinn nachgespürt. Diese Spannungen werden vor allem in Schlüsselszenen deutlich: In solchen Szenen, die zunächst keinerlei Argwohn erregen, scheinen bei genauerer Betrachtung Inkonsistenzen auf, die eine Spur zu den latenten Sinngehalten legen. Diese Szenen lassen sich meist nicht unmittelbar, beim routinierten Lesen eines Textes oder der flüchtigen Betrachtung eines Bildes erkennen, sondern vielmehr, indem die Interpret:innen das Material als Ganzes auf sich wirken lassen »wie Theaterbesucher_innen« (König 2019, 30) und sich dabei von ihren spontanen Einfällen, Impulsen und Affekten leiten lassen.
Darüber hinaus geben die Dynamiken innerhalb der Interpretationsgruppe oft wichtige Hinweise auf die latenten Sinngehalte: Spaltungen, Konflikte, aber auch Bündnisse und auffällige Harmonie können als szenische Mitteilungen des Materials gedeutet werden. In der Gruppe auftretende Dynamiken werden daher nicht als Störfaktoren, sondern explizit als Vehikel zur Erkenntnisgenerierung betrachtet.
Für die in diesem Text behandelten Fragen bot sich die Methode der Tiefenhermeneutik insofern an, da hier explizit nach verworfenen und latent gewordenen Lebensentwürfen geforscht wurde. Das biografische Narrativ, so die Grundannahme, ist als nur teilweise bewusste Kompromissleistung zwischen den individuellen Wünschen und den aktuellen gesellschaftlichen Möglichkeitsräumen zu verstehen.
Der Interpretationsgruppe wurden daher die Transkripte der Interviews mit den trans Jugendlichen vorgelegt und die Teilnehmer:innen waren aufgerufen, sie zunächst auf das eigene Erleben wirken zu lassen – idealerweise im Zustand der von Freud entwickelten »gleichschwebenden Aufmerksamkeit« (Freud 2012, 377), also mit der Haltung, »sich nichts Besonderes merken zu wollen« (ebd.). Die Diskussion von Textpassagen, aber auch einzelnen Begrifflichkeiten und Ausdrücken folge dabei der Regel der »freien Assoziation« (König 2019, 30): Was den Teilnehmer:innen spontan auf- und einfiel, was sie irritierte oder faszinierte, wurde als bedeutsam gewertet und diskutiert. Die Gruppe diente dabei als Korrektiv, nicht von idiosynkratischen Lesarten einzelner Teilnehmer:innen fehlgeleitet zu werden. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, eine möglichst heterogene Gruppe zusammen zu stellen – in der Praxis finden sich allerdings vornehmlich Teilnehmer:innen aus akademischen und sozialarbeiterischen Kontexten zusammen, was auch bei der hiesigen Gruppe der Fall war. Das Alter der Teilnehmer:innen variierte von Mitte 20 bis Anfang 40, zudem identifizierten sich bis auf mich als Forschender alle sechs Teilnehmer:innen als cisgeschlechtlich. Die Interviews wurden der Reihe nach diskutiert, die Reihenfolge entspricht derjenigen der Auswertung. Am Ende erfolgte eine Diskussion des gesamten Materials. Die Diskussion wurde aufgezeichnet, zudem habe ich ein Gedächtnisprotokoll angefertigt.
Die narrativen biografischen Interviews, die der Interpretationsgruppe vorgelegt wurden, stammen aus einem Forschungsprojekt zu trans Jugendlichen und ihrer Social Media Nutzung, mit dem ich 2020 begonnen habe (Erkens 2022). Zum Korpus gehörten insgesamt sechs Interviews, von denen drei in der Gruppe intensiv diskutiert wurden. Diese Auswahl erfolgte durch den Interviewer anhand des Kriteriums der Bezüge zur Zeit vor dem inneren Coming-out als trans sowie nach dem Kriterium einer möglichen Vielfalt von geschlechtlichen Selbstverortungen sowie dem Lebensalter.
Die Interviewten sind zum Zeitpunkt der Interviews zwischen 19 und 25 Jahre alt und berichten sämtlich, erst im Verlauf der Pubertät eine zunehmende Notwendig- bis Dringlichkeit gespürt zu haben, sich anders als das zugeschriebene Geschlecht zu verorten. Das ist primär auf die Art der Kontaktaufnahme zurückzuführen: Diese erfolgte über verschiedene Verteiler eines queeren Jugendzentrums. Es wurden also grundsätzlich Menschen erreicht, die zwischen 14 und 27 waren. Den Interviewten ist also gemein, dass sie sich erst im Verlauf der oder nach der Pubertät als trans identifizieren, wobei ihre Selbstverortungen von »weiblich« über »trans maskulin«/»trans männlich« bis »masculine nonbinary« reichen. Für alle Interviewten gilt also die Annahme, dass sowohl die Pubertät, als auch das innere Coming-out eine Diskontinuität im Erleben sind und eine Reinterpretation der Vergangenheit erforderlich machten.
Julian ist zum Zeitpunkt des Interviews 25 Jahre alt und hat vor vier Wochen eine Mastektomie (Entfernung der weiblichen und Rekonstruktion der männlichen Brust) vornehmen lassen. Julian studiert und arbeitet in einer Großstadt, kommt aber, wie er sagt, »aus dem Dorf«, wo er auch zum Zeitpunkt des Interviews lebt. In seinem Heimatdorf, wo seine Eltern intensiv ins Vereinsleben eingebunden waren, sei Trans ein »komplett abwesendes Thema« (00:01:01-1) gewesen. Nicht einmal von lesbischen oder schwulen Menschen habe er gewusst. Erst in der Jugend habe er von öffentlichen Figuren wie Olivia Jones und Conchita Wurst erfahren – und verwundert festgestellt: »hä, das- das funktioniert, das gibt’s?!« (00:01:11-8)
Dennoch habe er spätestens in der Pubertät gespürt, »keine Frau« zu sein:
»Wenn ich es jetzt also aus meiner heutigen Sicht reflektiere war das schon sehr lange da. Auch dieses Grundgefühl von okay, ich bin keine Frau so, das hatte ich definitiv auch schon in meiner Pubertät. Aber hatte halt eben keine Begrifflichkeiten, keine Personen. Deswegen habe ichs halt verdrängt. Ähm. Und es war auf jeden Fall da. Ich glaube, ich hatte sehr viel, ja doch sehr viel Angst vor der Reaktion meines Umfeldes« (00:17:48-8).
Zudem berichtet er von einem Gefühl, das ihn schon seit Langem begleitet:
»Und ich hatte auch schon immer diese, mir fällt das deutsche Wort nicht ein, aber ich nenne das immer so diese boy-addiction, also wenn ich Jungs sehe oder Männer sehe denke ich mir so Ja, das Gesamtpaket hätte ich auch gerne so für mich, jetzt nicht mal irgendwie sexuell, sondern einfach nur so okay, hey, den Körperbau oder dies und das hätte ich gerne. Damit würde ich mich wohler fühlen als in meinem jetzigen Körper. Und wenn ich einfach einen Schalter hätte, dann würde ich den sofort einfach umswitchen. Also wenn ich es mir aussuchen könnte, als was ich hätte geboren worden werden sollen, dann wäre das definitiv als Junge gewesen. Ich weiß natürlich nicht, wie es sich dann entwickelt hätte, ob ich denn ähnliche Gedanken gehabt hätte wie ich jetzt eben auf Gender gucke. Also, das war unterbewusst eigentlich schon immer da« (00:18:23-6).
Eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema trans beginnt er jedoch erst, als er sein Heimatdorf mit Anfang 20 zum Arbeiten verlässt und das queere Jugendzentrum in der nächsten Großstadt besucht: »Und dann haben Menschen gesagt, sie sind transmaskulin. Und dann dachte ich mir so, jo ähm, was ist das, Hilfe? Ich will auch so sein. Ähm ja, und dann ging es quasi so richtig los« (00:01:58-0).
Hier wird Julians Begeisterung über die Möglichkeit der Transmaskulinität deutlich, zugleich lässt sein ironischer Ausdruck »Hilfe?« bereits eine Furcht vor Überwältigung erahnen. Vermutlich aus Angst vor den Reaktionen seines Umfeldes gibt Julian seiner spürbaren Begeisterung nicht direkt nach: Statt umgehend Transitionsmaßnahmen zu ergreifen, beginnt Julian eine intensive Auseinandersetzung mit theoretischen Fragen von Geschlecht und Identität. Bei seinen online-Recherchen stößt er auf nichtbinäre Identitäten, die ihn faszinieren: »Dass es einfach Transpersonen gibt und egal, wie man das auslebt und egal wieviel man am Körper verändert oder nicht verändert, dass das halt alles in Ordnung ist, genau« (00:03:15-2). Zugleich zieht er aus der theoretischen Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht Schlüsse für sich selbst:
»So also, wenn ich so in mich reinhöre und mir denke, okay, was, was bin ich denn jetzt eigentlich? Dann ja…schwarzes Loch, keine Ahnung. Ich kanns nicht irgendwie klar beantworten, weil ich halt keine Kriterien einfach ab und für mich auch nicht irgendwie so eine Geschlechts-Zugehörigkeit empfinde zu irgendwas« (00:05:25-1).
Nach Recherchen und Gesprächen in Reddit-Foren identifiziert sich Julian zunächst als »Agender«, dann als »nonbinary« und später als »masculine nonbinary« (00:08:45-8). Er ändert zunächst seinen Vornamen, wünscht sich aber bereits eine Mastektomie. Vorbilder sind dabei vor allem transmännliche Youtuber aus dem US-amerikanischen Raum, die häufiger als in Deutschland eine Mastektomie vornehmen lassen, ohne zuvor eine Hormonersatztherapie mit Testosteron zu machen. Da dies in Deutschland nicht ohne weiteres möglich ist, setzt sich Julian mit den Effekten von Testosteron auseinander:
»Und für mich war relativ schnell klar, das finde ich gar nicht so Kacke [lacht], da war eher so mein Problem okay, wie reagiert eigentlich so mein Umfeld, wenn ich dann wirklich mehr Änderungen mache, auch eben visuell und nicht nur, was heißt nur der Name. Das ist natürlich auch ein großes Ding. Aber eben auch visuell sich Sachen verändern« (00:15:00-9).
Kommt man hier noch einmal auf den Anfang zurück, an dem Julian schildert, dass eine Identifikation als trans bedeuten würde, dass er es »komplett machen [müsste] – also mit Hormonen und allen möglichen OPs« (00:07:29-5), scheint es, als habe sich Julians einstige Befürchtung über Umwege doch bewahrheitet – nun aber auf eine lustvolle Weise, die ihm Selbstwirksamkeit und Kontrolle ermöglicht.
In der Interpretationsgruppe wurde Julians Interview zunächst als intellektualisiert wahrgenommen – ein Teilnehmer assoziierte mit Julians Suche nach »Begriffen« spontan Hegel, eine andere Teilnehmerin empfand Julians Äußerung, er würde am liebsten einen Schalter umswitchen, auffällig rational: unabhängig vom Gefühl und aus rein vernünftigen Gründen sei es schließlich immer sinnvoller, in dieser Gesellschaft ein Mann zu sein. Anderen Teilnehmer:innen fielen die technischen Begrifflichkeiten, darunter das »switchen« eines Schalters, die »Machbarkeit« der Drag-Künstlerinnen und das »Microdosing«8 des Hormonprärates auf. Diese Intellektualisierung steht im Kontrast zu im Interview verstreuten impulsiven Ausdrücken wie »Hilfe?«, »boy-addiction« und dem Hinweis, diese sei »nicht sexuell« gewesen. In der Interpretationsgruppe wurde addiction in der Übersetzung mit Sucht als ein schwer zu kontrollierendes, überwältigendes Gefühl benannt, das möglicherweise unüberlegte Handlungen einfordert – ungeachtet der negativen Konsequenzen.
Zugleich kam Julians Geschlechterbild den Teilnehmer:innen stereotyp vor. Ein Teilnehmer merkte an, Julian zeige durch Ausdrücke wie »typisch männlich« oder »krasse Maskulinität« doch gerade jene Konformität, die er vordergründig ablehnt. Julian fühle sich wohl als etwas »besonderes«, merkte ein Teilnehmer an, ordnete dies aber zugleich selbstkritisch als Reaktion auf eine gefühlte Abwertung ein. Eine andere bezweifelte die Ernsthaftigkeit von Julians Transitionswunsch, weil er sich Sorgen um die negativen Folgen von Testosteron machte. Meines Erachtens sind diese aggressiven Impulse eine Reaktion auf die Verunsicherung, die cis Personen durch die Begegnung mit trans Personen erleben. Diese Verunsicherung ist in der Forschungsliteratur vielfach beschrieben worden (für einen Überblick siehe Auge 2024) und kann sich entweder in offenen Aggressionen gegen trans Menschen artikulieren oder aber in verstellterer Abwertung, was vor allem in Umfeldern vorkommt, in denen offene Transfeindlichkeit verpönt ist.
In diesem Zusammenhang wird Julians Dilemma deutlich: Er ist sichtlich bestrebt, keinen Anlass zur Aggression zu bieten und sein konservatives Umfeld zu schonen. Er geht seine Transitionsschritte mit Bedacht und immer dann, wenn er sie gegenüber sich selbst und anderen verargumentieren kann. Offenbar kann er der Aggression, die ihm als trans Person entgegengebracht wird, dennoch nicht entkommen: Nicht dadurch, dass er sich seiner Sehnsucht, der »boy-addiction« hingibt – denn hierbei riskiert er, als »echter Transsexueller« ausgeschlossen zu werden. Aber auch der andere Weg, der der Vernunft, der intellektuellen Dekonstruktion von Geschlecht, bewahrt ihn nicht vor der Aggression, da diese Strategie Gefahr birgt, Minderwertigkeitsgefühle und deren aggressive Bewältigungsstrategien zu erzeugen.
In der Interpretationsgruppe zeichnete sich also ab, dass in Julians Entwicklung die Angst der Reaktionen im – von der Gruppe als konformistisch imaginierten – Umfeld den Umgang mit dem trans Begehren deutlich prägt. Die spätestens mit der Pubertät einsetzende »boy-addiction« erzeugt zunächst Angst davor, vom trans Begehren verschlungen zu werden und unkontrolliert zum »stereotypen Transmann« (00:53:08-9) »mit Hormonen und allen möglichen OPs« (00:07:57-3) zu werden. Erst, als Julian eine Möglichkeit findet, sich über nicht-binäre Identitäten und flexible Transitionswege sukzessive seinen Wünschen zu nähern und sich von dem zu lösen, was er als Konformismus empfindet, beginnt er den Transitionsprozess. In der Retrospektive findet sein jüngeres Ich einen Platz als eines, dem eine Artikulationsmöglichkeit für seine trans Wünsche jenseits der Geschlechterdichotomie fehlte.
Melanie ist mit 19 Jahren die jüngste Interviewpartnerin und die einzige trans weibliche9 Person, die sich auf den Aufruf gemeldet hatte. Sie lebt zum Zeitpunkt des Interviews seit etwas mehr als einem Jahr als Frau und hat auf den Aufruf reagiert, weil sie einen Beitrag zur Aufklärung über trans Lebensrealitäten leisten möchte – da »90 Prozent der Studien, die zum Thema trans gemacht werden, für mich absolut nutzlos sein werden« (00:41:17-6). Ihr ausgesprochenes Motiv ist es also, das Wissen um trans aus der Subkultur in die Wissenschaft zu bringen.
Melanie spricht wenig über ihre Kindheit und erwähnt nur nebenbei, dass ihre Eltern mit »ü 80« und »ü60« (00:35:39-1) relativ alt seien. Der früheste Zeitpunkt in ihrem Leben, auf den sie rekurriert, ist die »Mitte von so siebter Klasse«: Hier sei ihr Freundeskreis »durchgehend queer« (00:05:30-0) gewesen. Sie schildert diese Zeit als wild und ereignisreich, ihre Teenagerjahre seien »viel Drama« gewesen, unter anderem habe es im betreffenden Freundeskreis einen »abusive Relationship« gegeben (00:21:31-1). Einige Zeit später sei sie in eine Depression gerutscht, habe viel Zeit online verbracht und angefangen, sich mit ihrer Geschlechtsidentität auseinanderzusetzen – unter anderem in einem Reddit-Forum mit dem Titel »egg_irl« – »egg in real life«. Hier finden sich Menschen zusammen, die ahnen, trans zu sein, aber »in real life« (irl) »eggs« sind – also nicht out:
»Ähm basiert auf einer typischen ähm Aussage. Eggs ist ein Begriff der in der Trans-Community verwendet wird […] also meistens für Transpersonen, die sich noch nicht geoutet haben. Ich war ein Egg. Es war im Sinne von ich hatte noch nicht realisiert, dass ich Trans war« (00:09:47-1).
Weiter zu den Inhalten und der Funktion des Forums erklärt sie:
»Ich war auch auf Reddit und in Reddit bin ich auf Egg_irl gestoßen, ein Subreddit, der von äh ähm Transpersonen genutzt wird, effektiv, die noch ein bisschen in Denial sind. Das is ja gerne eine etwas längere Phase, wo sich das Hin- und Herreißen ›Bin ich trans, oder bin ich cis?‹ Es ist ja relativ typisch, dass Leute aufgrund dessen, was ihnen Jahre eingetrichtert wird, wer sie sind, ein bisschen damit rumkämpfen müssen, um sich das einzugestehen« (00:24:30-2).
Auf Dauer habe sie die Nutzung des Subreddits jedoch sehr belastet, wie sie ironisch anmerkt: »Auseinandersetzung mit der Geschlechtsidentität ist nicht besonders stressbefreit« (00:22:08-6). Um sich zu stabilisieren, habe sie gezielt weniger Zeit auf Reddit verbracht und auf verschiedene Arten versucht, ihren Stress zu reduzieren:
»Ich habe meditiert, hatte einen strikteren Schlafrhythmus und habe auch genug geschlafen. Das ist vielleicht eine relevante Sache. Ähm bessere Ernährung. Das ist das, was am längsten angehalten hat. Ähm und auch Sport machen, glaube ich. Ja« (00:25:00).
Etwa drei Monate später, nachdem sie sich durch diese Selbstdisziplinierung psychisch stabilisiert habe, sei sie auf dem Discord-Server einer Anime-Reviewerin wieder mit trans Personen ins Gespräch gekommen:
»Und tendenziell, wenn man mit einer Person auf dem Discord Server geredet hat, die aktiv war, hatte man so eine ähm 90-Prozent-Chance, dass man ähm richtig rät, wenn man rät, dass die Person trans ist. [hmhm] 90 Prozent der Nutzer waren effektiv trans, der aktiven« (00:05:38).
Offenbar ermutigt durch diese Community und vor dem Hintergrund ihrer durch Meditation, Ernährung, Schlaf und Sport stabilisierten psychischen Verfassung habe sie sich schließlich als trans geoutet – »und jetzt geht es mir besser! Also ist es ist alle anderen Dinge lösen, äh, adressieren hat, ähm die Zeit nur verlängert, bis das Unvermeidbare passiert ist« (00:23:11-4). Die Anime-Reviewerin auf Youtube, die Melanie wegen deren anarchokommunistischer Reviews schätzt, bringt in ihrer Person und ihren Fans trans und linksradikal sein zusammen – und schafft damit eine Kombination, mit der auch Melanie sich identifizieren kann. Ihre Transition ist in dieser Hinsicht auch ein widerständiger Akt gegen das, was einem »jahrelang eingetrichtert wird« (00:24:30-2).
Melanies subkultureller Habitus löst eine generationale Spannung in der Interpretationsgruppe aus. Ein Teilnehmer merkte an, er habe sich über den Interviewer geärgert, weil dieser immer wieder »blöde« Fragen gestellt, etwa nicht auf Anhieb gewusst habe, was eine »Anime Reviewerin« von einer »Anime Künstlerin« unterscheidet und dass die Titel von Reddit-Foren mit r/ beginnen. Andere Teilnehmer:innen ergriffen wiederum für den Interviewer10 Partei und verteidigten ihn gegen die als solche wahrgenommenen Zurechtweisungen durch Melanie, wenn er Szenebegriffe und die gelegentlich eingesetzte Gebärdensprache nicht verstand oder ihren Zeit- und Gedankensprüngen nicht folgen konnte. Einige Teilnehmer:innen imaginierten Melanie als »Hammer-und-Sichel-Linke mit Palituch«; Diese Fantasie stellte darauf ab, dass Melanie immer wieder Anspielungen auf ihre kommunistischen Perspektive machte, wobei sie anzunehmen schien, dass der Interviewer diese nicht verstand (»Jegliche Medien sind politisch, sie werden im Kapitalismus gemacht« 00:16:01). Trotz einer merklichen Grundsympathie für linkspolitische Ansichten innerhalb der Gruppe wirkten diese Aussagen auf die Teilnehmer:innen eher plakativ – so wie ein Hammer-und-Sichel-Anstecker. Die Gruppe vermutete, dass diese Aussagen auch die Funktion der Abgrenzung von einem als reaktionär vermuteten erwachsenen Gegenüber hatten. Im Kontrast zum zuvor interviewten Julian schien Melanie den Teilnehmer:innen also betont unangepasst.
Besonders beschäftigte die Gruppe die Metapher des Eis, die im Titel des Reddit-Forums »egg_irl« enthalten ist. Sie mobilisierte zahlreiche Assoziationen in der Gruppe und blieb gleichsam rätselhaft: Ist schon von vornherein klar, was sich da im Ei entwickelt – oder sind auch die Geschlüpften von ihrem Gefieder überrascht? Gibt es einen bestimmbaren Zeitpunkt, an dem die linear und unaufhaltsam verlaufende Entwicklung im Ei abgeschlossen ist? Und was würde passieren, wenn die zerbrechliche Schale zu früh zerstoßen wird? Ist die Schale tatsächlich ein Schutz oder ist sie eng – »so, wie die Youtube-Welt«, in die sich Melanie zeitweise flüchtet?
Außerdem wurde angemerkt, dass das Suffix »irl« (»in real life«) bedeute, dass die Mitglieder zumindest während ihrer online-Aktivitäten als trans geoutet seien – nur eben nicht in der Welt außerhalb des Internets. Ob und wie Melanie den Sprung ins »echte Leben« gewagt habe11, oder ob sie ihr Transsein vornehmlich in anarchokommunistischen online-Foren auslebe, war in der Gruppe Anlass zu Spekulationen.
Auf die Gruppe wirkte die Lebensgeschichte, die Melanie erzählt, vor allem als eine der Widerständigkeit. Ihre trans Identität erscheint in der Erzählung gleichermaßen als Herausforderung wie auch als politischer Akt: Transidentität und Anarchokommunismus sind gleichermaßen Brüche mit der Mehrheitsgesellschaft. In der Wahrnehmung der Gruppe sind sie in dieser konkreten Ausformung zudem Teil von Jugendkultur, die ältere Menschen (als die sich die Gruppenmitglieder wahrnahmen) nicht verstehen können und auch nicht verstehen sollen. Dies wird auch deutlich an der Diskussion um die Metapher des Eis: Einerseits schafft sie im Reddit-Forum eine Gemeinschaft und ist nach Melanies Erklärung auch für Außenstehende in Grundzügen nachvollziehbar, weil sie an die gängige Vorstellung einer kohärenten trans Identität anknüpft. Zugleich ist sie ein jugendlicher »Insider«, der für Außenstehende rätselhaft bleibt. Das Fehlen von Rückblicken auf die Kindheit und frühere Jugend lassen vor diesem Hintergrund vermuten, dass der jugendliche Bruch mit der Mehrheitsgesellschaft auch die Integration der eigenen Sozialisation in die Lebensgeschichte beinhaltet.
Phil ist zum Zeitpunkt des Interviews 20 Jahre alt und beschreibt seine Transitionsentscheidung als Befreiungsschlag von einer zunehmenden Bedrängnis – der Bedrängnis, unausweichlich zur Frau zu werden. In seiner Kindheit habe er »ganz normale Jungsklamotten« getragen, »Alles da okay« (00:16:27-1). Auch, wenn er durchaus gemerkt habe, dass er »absolut nicht zu den Mädchen gepasst« (00:16:29-1) habe, konnte er trotzdem »irgendwie ich sein« (00:16:31), da seine Freunde ihn »so« (jungenhaft) akzeptiert hätten. Generell stellt Phil seine Kindheit zumindest auf einer manifesten Ebene als harmonisch dar. Neben der guten Integration in einen Freundeskreis sei er für seine Familie ein »Traumkind« gewesen: »so gut in der Schule gut in Sport und ich war halt […] hauptsächlich für meinen Vater so die starke kleine weibliche Person [lacht]« (00:11:10-5).
Bis etwa im Alter von16 oder 17 Jahren habe er »fast ich« sein können, auch wenn er mit dem Fortschreiten der Pubertät gemerkt habe, dass »alle irgendwie so erwachsen geworden sind und so weiblicher geworden sind« (00:16:27-1). Für ihn selbst ist seine eigene körperliche Entwicklung ein regelrechtes Schreckensszenario: »Und dann gab es auch so Kommentare wie diese ähm also, ich werde ja tatsächlich mal ne Frau, und ich war so: Nein, das will ich doch gar nicht. Das ist, das ist, warte warte, irgendwas ist hier falsch!« (00:15:36-5) Obwohl es ihm regelrecht widerstrebt sei, habe er mit 16/17 schließlich eingelenkt und sich den empfundenen Erwartungen gefügt. So sei er beispielsweise mit seinen Großeltern Kleidung kaufen gegangen:
»Und ich hab wirklich mich immer weiblicher angezogen, obwohl keine Ahnung, es war so ein: Ich geh in ein Kleidungsgeschäft und war so: eigentlich gefällt mir hier gerade gar nichts, aber ich muss ja was tragen. Und dann waren halt meine Großeltern dabei und die mögen mich halt gerne mädchenhaft und dann wurde das immer so weiter, so weiblicher, weiblicher, weiblicher. Und ähm, ja, mir ging es dabei aber immer schlechter und schlechter und schlechter, so. Je weiblicher es wurde, desto schlechter ging es mir« (00:15:27-5).
Dieses Gefühl der Bedrängnis spitzt sich in den folgenden Jahren zu. Phil berichtet von »physischen Schmerzen«, wenn über ihn als »sie« gesprochen wurde: »ich konnte fast nicht mehr atmen dabei« (00:09:13-6). Trotz des großen Leidensdrucks, den Phil hier schildert, setzt er sich zunächst nur zaghaft mit den Themen sexuelle Orientierung und Transidentität auseinander – zuerst informiert er sich auf Youtube und in online-Foren, dann besucht er eine Selbsthilfegruppe. Gelähmt habe ihn vor allem die Angst, seine Familie und die Gesellschaft zu enttäuschen:
»erstens, ich zerbreche deren Bild und dann […] habe [ich] so einen Bruch mit der Gesellschaft und den Personen mit mir rum, weil […] ich hab ja gedacht, dass die Menschen von mir erwarten, dass ich weiblich sein muss […], obwohl ich eigentlich das gar nicht wollte« (00:11:19-4).
Als er sich schließlich zaghaft vor seinen Freund:innen und seinem Freund outet, ist er erleichtert, weil alle »super drauf« waren und es für sie »kein Problem« (00:18:40-7) war. Das Coming-out gegenüber den Eltern sei hingegen so »grauenhaft« (00:35:33-0) gewesen, wie er befürchtet habe: Seine eigentlich nicht sehr konservativen Eltern hätten ihn beschimpft und sogar Gewalt angedroht, woraufhin er schließlich aus dem Elternhaus floh. Erst ein Jahr später und somit kurz vor dem Zeitpunkt des Interviews habe eine vorsichtige Annäherung mit den Eltern begonnen.
Im Gegensatz zu den beiden vorgängigen Interviews, die als intellektualisiert und emotional zunächst wenig zugänglich erschienen waren, habe das Interview mit Phil eine »leibliche« Erfahrung vermittelt, stellte ein Diskussionsteilnehmer fest. Besonders die Dramaturgie weiblicher, weiblicher, weiblicher – schlechter, schlechter, schlechter erzeugte Mitgefühl bis Bestürzung in der Interpretationsgruppe. Eine regelrechte »Selbstbestrafung« und »Folter« las eine Teilnehmerin in Phils Verhalten: Anstatt sich gegen die Großeltern aufzulehnen, es vielleicht gar auf einen Streit ankommen zu lassen und darauf zu bestehen, selbst gewählte Kleidung zu tragen, richte Phil die Aggression gegen sich selbst. Geradezu komplizenhaft beteilige er sich an seinem eigenen Unglück, indem er immer weiblicher wurde. Folgt man dieser interpretativen Spur, zeichnen sich auch an anderen Stellen destruktive Tendenzen bei Phil ab: Eine Teilnehmerin zeigte sich etwa erschüttert über Phils heimlichen Wunsch, an Brustkrebs zu erkranken, »damit die Brust wegkommt« (00:48:18-5).
In der Interpretationsgruppe spielte die Anrufung des Vaters, der in seinem Kind »die starke kleine weibliche Person« sieht, eine zentrale Rolle. Welche Form sowohl der Stärke als auch der Weiblichkeit hier idealisiert wird, war dabei zunächst umstritten: Einige von Phils Ausführungen legen den Schluss nah, dass mit Stärke hier Sportlichkeit gemeint ist, andere Stellen lassen die Auslegung zu, dass damit eine charakterliche Stärke gemeint ist, als junge Frau in der eigenen Geschlechtsidentität gefestigt zu sein. In beiden Fällen wurde der Vater als »progressiver Daddy« imaginiert, der seine Tochter empowern will: Sie soll in der Schule leistungsstark sein und gut in Sport. Doch auch, wenn der Vater als Gegenstück eines »autoritären Sacks« imaginiert wurde, bleibt seine Autorität bestehen – wenn auch in einer »neoliberalen Variante«. Die Spielräume dessen, was als »weiblich« gilt, scheinen größer (sind es möglicherweise tatsächlich), aber der schulische Leistungsdruck und die Erwartung, eine weibliche Rolle einzunehmen, bleiben für Phil deutlich spürbar. Die ungebrochene Autorität des Vaters offenbar sich schließlich im Eklat, als Phil sich gegenüber seinen Eltern outet.
In Phils Erzählung wirkt die Anrufung des Vaters als »kleine starke weibliche Person« besonders wirksam für seine geschlechtliche Entwicklung: Die größeren Spielräume der Weiblichkeitsperformance, die dem vermeintlichen Mädchen gewährt werden, erlebt Phil nicht als empowernd. In seiner Erzählung wirkt es vielmehr so, als würde ihm ausgerechnet durch die »neoliberale« Anrufung, die explizit Freiheiten gewährt, während sie die weiterhin bestehenden Zwänge latent lässt, die Möglichkeit versperrt, sein transgeschlechtliches Begehren verbal zu artikulieren. Seine Kommunikation findet, so die Wahrnehmung der Gruppe, nonverbal, vermittels seiner psychischen und (gewünschten) körperlichen Selbstzerstörung statt. In der Retrospektive scheint seine Angepasstheit als Mädchen nur um den Preis einer reziproken Verleugnung möglich gewesen zu sein: Er leugnet seine körperliche Entwicklung zur Frau – sein Vater leugnet das Unglück, das diese für Phil bedeutet.
Am Ende der Diskussion kam in der Interpretationsgruppe die Frage auf, was nun eigentlich die »Klammer« sei, welche diese drei deutlich unterschiedlichen Interviews zusammenhalte. Trotz der verschiedenen geschilderten trans Entwicklungen und den jeweiligen Verortungen zwischen »masculine nonbinary« und »weiblich« identifizierte die Gruppe tatsächlich Parallelen. Diese betrafen vor allem den Verlauf der geschilderten trans Entwicklung: In allen Interviews folgt der ersten, wie auch immer vagen, Wahrnehmung eines transidenten Empfindens eine Form von Schrecken, Angst oder gar depressiver Symptomatik. In allen Interviews werden Strategien geschildert, die Auseinandersetzung mit diesem Empfinden, das von Neid (»boy-addiction«) bis hin zu körperlichem Schmerz beim Misgendern reicht, auszusetzen oder aufzuschieben. Melanie bringt diese Phase mit der Metapher des »Eis« auf den Begriff: Sie spürt bereits, dass sie trans ist, kann es sich aber »nicht eingestehen«. Auch Julian und Phil berichten von dieser »Latenzphase«, wie sie ein Teilnehmer der Interpretationsgruppe nannte: Julian stürzt sich in die Suche nach Begriffen, die ihm Sicherheit geben, seine Identität vor anderen elaboriert zu artikulieren; Phil wählt, so nahm es die Gruppe wahr, einen nonverbalen Weg, um seinem sozialen Umfeld eindrücklich zu zeigen, wie sehr er unter der weiblichen Zuschreibung leidet.
Ich verstehe diese »Latenzphase«, in der die Auseinandersetzung mit dem trans Empfinden scheinbar aufgeschoben wird, als eine Phase, in der die Lebensgeschichte neu interpretiert werden muss. Die Reinterpretation der eigenen Vergangenheit, die auch in cisgeschlechtlichen Entwicklungsverläufen durch den Bruch der Pubertät nötig wird, ist in trans Entwicklungen besonders fundamental: Neben der sexuellen Reife, die eine veränderte Perspektive auf Ereignisse der Kindheit mit sich bringt, erzeugt auch das trans Empfinden einen Bruch in der Wahrnehmung biografischer Kontinuität. Diesen Bruch verstehe ich als einen Normativitätsrest, der trotz der eingangs skizzierten Pluralität von trans Lebensweisen bestehen bleibt. Er muss im Dienst der Identität gekittet werden.
In Julians Erzählungen wird besonders deutlich, dass er in dieser Zeit ein Narrativ entwickelt, das Vergangenheit und Gegenwart zu einer als kohärent empfundenen Identität zusammenbindet. Aber auch in Melanies und Phils Schilderungen vermittelt sich dieses Ringen um Begriffe und Konzepte, mit denen Vergangenheit und Gegenwart in – sowohl individuellen als auch intersubjektiven – Einklang gebracht werden.
Die Interviews geben dabei einen Einblick, welche Lösungen der rätselhaften Botschaften aktuell intelligibel sind. Auch dies ist meiner Ansicht nach bei Julian besonders eindrücklich, da er Identitäten wie »agender« und »nonbinary« auf eine Passung mit seinem eigenen Erleben hin untersucht und auch immer wieder abgleichen muss, ob diese Geschichte für andere »valide« ist (00:19:51-5). Melanie, die sich mit der Selbstdefinition »weiblich« scheinbar binär verortet, vermittelt in ihrer Erzählung, dass sie diese Weiblichkeit erst annimmt, als sie diese mit Anarchokommunismus verknüpft und die Transition als einen Akt von Widerständigkeit und Empowerment erlebt.
Bei diesen unterschiedlichen Lösungsleistungen der »rätselhaften Botschaften« zeichnete sich auch ab, welche Rolle die Nachträglichkeit dabei spielt. So schildert Julian mehrfach seine Angst vor der Reaktion seines Umfeldes, dem Ausgestoßenwerden aus einer Gemeinschaft, als prägend. In Phils Erzählung schien die »kleine starke weiblichen Person« als besonders kraftvolle Anrufung: Hinter dieser vordergründig empowernden Botschaft verbirgt sich nach Wahrnehmung der Gruppe ein striktes Gebot: Egal, was du tust – sei weiblich. In Phils Fall scheint die Bedeutung der körperlichen Reifung besonders einprägsam auf: In der Kindheit wurde Phils jungenhaftes Verhalten akzeptiert, er selbst scheint seine Zukunft als Frau lange verdrängen zu können. Erst unter dem Druck der körperlichen Veränderung, der linear verlaufenden zeitlichen Entwicklung, bricht seine Verdrängungsstrategie schließlich zusammen.
Die Analysen zeigen damit, unter welchen widersprüchlichen Bedingungen die Interviewten ihre Lebensgeschichten erzählen: Den erweiterten Artikulations- und Identifikationsräumen stehen persistierende Normen auf sozialer und institutioneller Ebene gegenüber, die sowohl konkrete Möglichkeiten rahmen, als auch psychisch wirksam sind. Wie in der Einleitung skizziert, wird etwa von Therapeut:innen und Mediziner:innen, die Indikationen für geschlechtsangleichende Maßnahmen stellen, häufig immer noch eine kohärente, lineare und früh sich abzeichnende trans Entwicklung erwartet – eine Erwartungshaltung, die im Widerspruch zu den Entwicklungsverläufen des untersuchten Materials steht. Diese sind nicht linear, sondern von Konflikten, notwendigen Suchbewegungen und nachträglichen Neubewertungen geprägt. Trans Biografien sind in diesem Sinne als Ergebnis eines dynamischen und kreativen Aushandlungsprozesses verstehbar, der zwischen aktuellen gesellschaftlichen Möglichkeiten und einem subjektiven, biografisch bedingten Empfinden vermittelt. Ein Prozess, in dem Diskontinuität keine destruktive Funktion hat, sondern eine konstruktive.
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Janos Erkens, Dipl.-Soz., M. A. Psychosoziale Beratung und Recht, arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Erziehungswissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal und promoviert dort zur Social Media Nutzung von trans Jugendlichen. Zudem ist er als psychosozialer Berater in der Aidshilfe Frankfurt tätig und leitet dort u. a. eine Gruppenangebot zum Thema Chemsex an.
Kontakt:
Bergische Universität Wuppertal,
Gaußstraße 20, 42119 Wuppertal
E-Mail: erkens@uni-wuppertal.de