Elisabeth Pönisch
Journal für Psychologie, 34(1), 92–112
https://doi.org/10.30820/0942-2285-2026-1-92 CC BY-NC-ND 4.0 www.journal-fuer-psychologie.deDer vorliegende Beitrag analysiert Gewalt als zeitliches Phänomen und fragt danach, wie unter nationalsozialistischer Herrschaft spezifische Zeitregime in Judenhäusern und Konzentrationslagern Lebensbedingungen strukturierten und die Erfahrbarkeit von Gewalt prägten. Eine zentrale Annahme ist dabei, dass extreme Gewalt Zeit deformiert – sie blockiert Zukunft, zerstört biografische Kontinuität und eignet sich Zeithorizonte an, wodurch sie zu einem Ausdruck von Herrschaft wird. Der Beitrag zeigt, wie Gewaltausübende über Tempo, Dauer und Rhythmus entschieden, während die Gewalterleidende in einer »Gewaltzeit« der Ohnmacht gefangen waren. Anhand von Tagebüchern, Briefen und Interviews werden drei Modi der Gewaltzeit rekonstruiert: die alltägliche Enteignung von Zeit, die Transformation der Zeitdimensionen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) und die plötzliche Verdichtung von Gewalt in Krisenereignissen. Narrative fungieren dabei als zentrale Strukturelemente, die die erlittene Zeitordnung retrospektiv ordnen und deuten.
Schlüsselwörter: Gewaltzeit, Zeitlichkeit extremer Gewalt, Zeitregime, Eigenzeit vs. Fremdzeit, Narrative Darstellung von Gewalt
Temporal Regimes and Narratives of Extreme Violence
This paper examines violence as a temporal phenomenon and explores how specific regimes of time under Nazi rule structured living conditions in Judenhäuser and concentration camps and shaped the experience of violence. A central assumption is that extreme violence deforms time: it blocks the future, destroys biographical continuity, and appropriates temporal horizons, thereby becoming an expression of domination. The paper demonstrates how perpetrators controlled tempo, duration, and rhythms, while victims were trapped in a state of »violent time«, defined by powerlessness. Based on diaries, letters, and interviews, it reconstructs three modes of violent temporality: the everyday expropriation of time, the transformation of temporal dimensions (past, present, future), and the sudden compression of violence in moments of crisis. Narratives function as central structural elements that retrospectively organize and interpret the temporal order of suffering.
Keywords: violent time, temporalities of extreme violence, regimes of time, subjective time vs. imposed time, narrative representation of violence
Zeit ist eine zentrale Dimension der Erfahrung extremer Gewalt. Hier wird Zeit gedehnt oder verdichtet, angehalten oder radikal verkürzt. Gewalt ereignet sich nicht nur in der Zeit, sondern deformiert selbst die Erfahrung von Zeit: als Blockade von Zukunft und Zerstörung biografischer Kontinuität. Die Untersuchung dieses wechselseitigen Zusammenhangs zwischen Gewalt und Zeit bildet den analytischen Rahmen dieser Ausführungen. Zeit wird dabei als Strukturmoment von Gewalt verstanden: Gewalt formt Zeitordnungen, und diese prägen umgekehrt Intensität, Dauer und Erfahrbarkeit von Gewalt. Im Zentrum stehen die Fragen: Welche spezifischen Zeitregime strukturierten unter nationalsozialistischer Gewalt die Lebensbedingungen in Judenhäusern und Konzentrationslagern – und wie wirkten diese Zeitordnungen auf die Erfahrbarkeit von Gewalt zurück? Wie gestalteten und deuteten Menschen Zeit unter diesen extremen Bedingungen? Die These lautet, dass unterschiedliche Gewaltstrukturen jeweils eigenen Zeitlogiken folgen, die ihre Wirkmächtigkeit prägen. Zeit erscheint damit als Ausdruck von Herrschaft: etwa darin, wer warten muss, wem Zukunft genommen wird oder wessen Zeit entwertet wird. Zugleich fungiert Zeit als Selbstermächtigung. Die Analyse temporaler Ordnungen in Narrativen extremer Gewalt eröffnet einen Zugang zu Machtverhältnissen, Normativitäten und Subjektivierungen. In Ritualen, im Tagebuchschreiben oder im Strukturieren des Alltags versuchen die Menschen, ein Minimum an Kontinuität zu bewahren. In solchen Mikropraktiken zeigt sich, dass Zeiterleben nicht nur Objekt der Gewalt ist, sondern zugleich ihr Widerlager: Die partielle Rückgewinnung von Eigenzeit kann der totalisierenden Gewaltlogik punktuell entgegenwirken.
Seit den 1990er Jahren wird extreme Gewalt als eigenständiges Phänomen analysiert, das durch körperliche Vernichtung, Entgrenzung und radikale Asymmetrie gekennzeichnet ist (vgl. Trotha 1997). Diese Perspektive setzt bei der leiblichen Erfahrung der Betroffenen an. Heinrich Popitz beschreibt Gewalt als Machtaktion absichtlicher körperlicher Verletzung, sei es als bloße Aktionsmacht oder als Drohung, die dauerhafte Unterwerfung bewirken kann (vgl. Popitz 1976 [1968], 48). Zugleich betont er ihre prinzipielle Entgrenzbarkeit: Gewalt kennt keine festen Grenzen in Motiv, Intensität oder Ausmaß (vgl. ebd., 52–60, 71–78). Jan Philipp Reemtsma bezeichnet Formen der Gewalt, die auf die Beschädigung oder Vernichtung des Körpers als Selbstzweck zielen, als autotelische Gewalt (vgl. Reemtsma 2008, 116–37). Im Anschluss an diese Ansätze verstehe ich unter extremer Gewalt eine entgrenzte Steigerungsform physischer Gewalt, in der der mögliche Schaden am Körper bis zur Vernichtung maximiert ist, Gewalt weitgehend autotelisch wird und für die Betroffenen eine leibliche Grenzerfahrung radikaler Ausgeliefertheit entsteht. Charakteristisch ist eine Situation radikaler Antisymmetrie (vgl. Hoebel 2014, 445): Während Gewaltausübende über Handlungsspielräume verfügen, sind die Gewalterleidenden von Gegengewalt ausgeschlossen. Gewalt erzeugt so eine Konstellation von Ohnmacht, in der körperliche Integrität, soziale Beziehungen und Zukunftsperspektiven zerstört werden.
Gewalt entfaltet sich nicht nur in der Zeit, sondern als Zeit: Sie zerstört, strukturiert und eignet sich Zeithorizonte an – und wird so selbst zur Erfahrung deformierter Zeitlichkeit. Aus soziologischer Perspektive ist Zeit kein neutrales Kontinuum, sondern ein sozial konstruiertes und machtvoll strukturiertes Phänomen, das Handlungsmöglichkeiten ordnet, Ungleichheiten reproduziert und als Medium sozialer Kontrolle wirkt (vgl. Sorokin und Merton 1937; Bergmann 1992; Nowotny 2016 [1993]). Diese soziale Konstruiertheit von Zeit wird besonders deutlich in Ansätzen, die Zeit nicht als abstrakte Größe, sondern als gelebte Struktur und umkämpftes Feld analysieren. Alfred Schütz gliedert die Welt in aktuelle, wiederherstellbare und erlangbare Reichweite. Die aktuelle umfasst alles direkt oder potenziell Wahrnehmbare, die wiederherstellbare stützt sich auf Wissensvorräte und die Annahme, dass Vergangenes reproduzierbar ist, während die erlangbare auf zukünftige Möglichkeiten abzielt – geprägt durch subjektive Fähigkeiten und objektive Gelegenheiten (vgl. Schütz 2003 [1975], 71–75). Helga Nowotny radikalisiert diese Perspektive, indem sie zeigt, dass es keine universelle Zeit gibt, sondern nur spezifische Eigenzeiten – Rhythmen und Dauern, die an Körper, Technologien, Organisationen oder soziale Prozesse gebunden sind und sozial ungleich verteilt sowie politisch reguliert werden (vgl. Nowotny 2016 [1993], 17ff., 42). Eigenzeit bezeichnet die Fähigkeit von Individuen und Kollektiven, ihre Zeitordnung teilweise selbst zu bestimmen –, während Fremdzeit durch soziale Institutionen und Pflichten vorbestimmt und damit extern strukturiert wird (vgl. ebd., 11). Ergänzend lässt sich die räumliche Dimension betonen: Orte wie Arbeitsplätze oder Wohnungen prägen als soziale Räume die Verfügbarkeit von Eigenzeit, indem sie Fremdzeit strukturieren oder Eigenzeit ermöglichen, auch wenn sie nie vollständig frei von sozialen Normen sind. Wer über Eigenzeit verfügt, kontrolliert zentrale Lebensvollzüge. Nowotnys Konzept macht deutlich, dass Zeit kein neutraler Rahmen, sondern ein aktives Medium von Herrschaft ist: Sie kann entwertet, verdichtet oder enteignet werden. Gewalt äußert sich hier auch als zeitlicher Eingriff – etwa durch die systematische Störung oder Zerstörung von Eigenzeiten, die Subjekte ihrer Handlungsfähigkeit beraubt. Widerstandspraktiken lassen sich demgegenüber oft als Kämpfe um die Rückeroberung dieser Eigenzeit verstehen und damit als Auseinandersetzungen um Selbstbestimmung (vgl. ebd., 42).
Im Kontext extremer Gewalt wird Eigenzeit zur Zielscheibe: Wolfgang Sofsky kennzeichnet Gewaltzeit als radikale Transformation sozialer Zeitordnungen. Er zeigt, dass Gewalt eine eigene zeitliche Logik entfaltet und unterschiedliche Gewaltzeiten hervorbringt: Tempo, Rhythmus und Dauer werden zu Instrumenten der Unterwerfung. Während Gewaltausübende über kontrollierbare Zeit verfügen, werden Gewalterleidende in eine Zeitlosigkeit der Ohnmacht eingeschlossen, die nicht nur ihren Zeitsinn zerstört, sondern auch geteilte Sozialzeit außer Kraft setzt (vgl. Sofsky 1997, 119–20). Gewaltzeit bezeichnet eine Situation, in der eine fremde, zerstörerische Zeitordnung brutal über Subjekte verhängt wird. Während Gewaltausübende über kontrollierbare und planbare Zeit verfügen, werden Gewalterleidende in eine zeitlose Ohnmacht gezwungen, die ihren Zeitsinn zerstört und die geteilte Sozialzeit außer Kraft setzt, sodass die Gewaltzeiten beider auseinanderfallen: Die einen besitzen Planungszeit, während die anderen auf eine reine Erleidenszeit reduziert werden.
Diese Gewaltzeit lässt sich als eine extreme Form von Fremdzeit, in der Gewaltausübende nahezu vollständig über die Zeit der Gewalterleidenden verfügen. Eigenzeit wird unter solchen Bedingungen nicht nur eingeschränkt, sondern weitgehend enteignet: Die Gewaltausübenden monopolisieren Tempo, Dauer und Rhythmus des Alltags, während die Betroffenen ihre Zeit kaum noch selbst strukturieren können. Gewaltzeit erscheint damit als ein radikal asymmetrisches Zeitregime, in dem die Gegenwart durch physische und strukturelle Gewalt dominiert, Zukunft blockiert und Vergangenheit entwertet wird. Während Nowotny in ihrer Analyse der »erweiterten Gegenwart« (vgl. Nowotny 1988) die Verdichtung von Ereignissen durch gesellschaftliche Beschleunigung beschreibt, entsteht unter Gewaltbedingungen eine ähnliche Gegenwartsdominanz – jedoch nicht durch Tempo, sondern durch die systematische Zerstörung von Handlungsmöglichkeiten: Die Betroffenen können nur noch das antizipieren, was sie gerade so überblicken, weil Gewalt Zukunftsperspektiven blockiert und Vergangenheit entwertet.
Die Analyse basiert auf drei zentralen Quellentypen. Aus zweien von ihnen lassen sich vor allem narrative Strukturen rekonstruieren. Erstens werden persönliche Dokumente wie Tagebücher und Briefe herangezogen, die während der Zeit in den Judenhäusern entstanden. Zentrale Quellen sind die Tagebücher von Viktor Klemperer (1939–1945) sowie der Briefwechsel von Luise Stern. Beide ermöglichen die »Rekonstruktion der Vergangenheitsperspektive« (Pohn-Lauggas 2018, 30). Als intentionale Selbstzeugnisse sind sie jedoch subjektiv geprägt (vgl. Salheiser 2014, 819). Zudem spiegeln sie schreibaffine Milieus wider und entstanden unter Bedingungen wie NS-Bedrohung. Zweitens werden retrospektive Interviews genutzt, insbesondere aus dem Visual History Archive der USC Shoah Foundation. Diese sind durch Interviewsituation, zeitliche Distanz und erinnerungskulturelle Überformungen geprägt. Zugleich erschließen sie Perspektiven von Überlebenden und Angehörigen mit unterschiedlichen sozialen, kulturellen und geografischen Hintergründen und beziehen auch nicht schreibaffine Personen mit ein. Gemeinsam ist beiden Quellengruppen, dass zwischen Erleben, Erinnern und Erzählen keine direkte Homologie besteht (vgl. Rosenthal 2010, 197). Vielmehr handelt es sich um konstruierte Erinnerungsnarrative, die von subjektiven Deutungsmustern und kontextuellen Rahmenbedingungen geprägt sind. Drittens werden soziologische Sekundäranalysen herangezogen, vor allem Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors, das die Mechanismen absoluter Macht in Konzentrationslagern theoretisch interpretiert (vgl. Sofsky 2008 [1993]). Sofsky nutzt Primärquellen zur Veranschaulichung seiner These und zu einer dichten Beschreibung (vgl. Geertz 2012 [1983]; Trotha 1997, 20–25), reflektiert deren Auswahl jedoch kaum kritisch. Um mögliche Verzerrungen zu vermeiden, werden seine Argumente mit Interviews kontrastiert. Methodisch orientiert sich die Analyse an der Narrationsanalyse nach Fritz Schütze (vgl. Schütze 1983), die Prozessstrukturen, Handlungslogiken und temporale Ordnungen rekonstruiert.
Wie wurde nationalsozialistische Gewalt durch die Herstellung spezifischer Zeitregime in Judenhäusern und Konzentrationslagern wirksam? Beide Orte etablierten eigene Zeitregime, die auf die Zerstörung biografischer Kontinuitäten, die Kontrolle über Alltagsrhythmen und die Blockade von Zukunft zielten. Diese Entzeitlichung prägte nicht nur die Erfahrungsmöglichkeiten der Menschen, sondern zwang sie auch, ihre Eigenzeiten neu auszubilden. Abschließend wird gezeigt, wie sich diese deformierten Zeiterfahrungen in narrativen Praktiken niederschlugen.
Die Judenhäuser waren im nationalsozialistischen Deutschland Wohnungen und Häuser, in die Juden* ab 1939 zwangsweise eingewiesen wurden. Auf Grundlage des Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939 konnten ihnen ihre bisherigen Wohnungen gekündigt und sie in wenige, behördlich festgelegte Häusern konzentriert werden. Dort lebten viele Menschen auf engstem Raum, unter schlechten hygienischen Bedingungen, ohne Privatsphäre. Küche und Bad wurden mit fremden Personen geteilt. Die Judenhäuser dienten der Ausgrenzung und Absonderung der jüdischen Bevölkerung.1
Im Judenhaus manifestiert sich eine spezifische Gewaltlogik, in der Gewalt als willkürliche, asymmetrische und allgegenwärtige Praxis erfahren wird. (1) Die Hausdurchsuchungen in den Judenhäusern folgten keiner rationalen Logik, sondern waren Ausdruck reiner Willkür: Sie waren kein Mittel der Strafverfolgung und zielten nicht auf Beweismittel, sondern auf die Demütigung der Betroffenen – etwa durch die Zerstörung persönlicher Gegenstände selbst wegen Belanglosigkeiten wie Spielkarten (vgl. Interview mit D. Ostermann; Interview mit R. Kralovitz). Indem sie jede nachvollziehbare Logik missachteten und oft sogar gegen eigene Vorschriften verstießen (vgl. Klemperer 1999 [1995b], 173, 19.7.1942), erzeugten sie eine Atmosphäre permanenter Unsicherheit. (2) Die Gewaltbeziehungen im Judenhaus waren zudem antisymmetrisch. Die Bewohner*innen der Judenhäuser waren von der Ausübung von Gewalt ausgeschlossen: Sie konnten Gewalt nur erleiden, nicht erwidern. Die Gewalt unterschiedlicher NS-Akteure erzeugte eine dauerhafte soziale Beziehung, in der die Gewaltausübenden nie in die Position der Gewalterleidenden wechselten. (3) Charakteristisch für die Gewalt im Judenhaus ist schließlich ihr repetitiver, (potenziell) allgegenwärtiger Charakter. Gleichzeitig war die Entmündigung jedoch nicht total: In Phasen ohne Gewalt blieben Spielräume relativer Autonomie erhalten. Klemperers Tagebuch zeigt, wie sie den Alltag prägte – vom Misstrauen gegen Geräusche (Autos, Klingeln) bis zur Frage »Werden ›sie‹ kommen?« (vgl. Klemperer 1999 [1995b], 46, 16.3.1942; 75, 28.4.1942; 90, 19.5.1942; 124–125, 11.6.1942; 124–125, 12.6.1942; 127, 13.6.1942; 133, 16.6.1942; 137, 19.6.1942; 143, 25.6.1942; 150, 1.7.1942; 215-216, 20.8.1942; 226, 29.8.1942). Die Struktur – erwartbar, aber unberechenbar – erzeugte eine dauerhafte Alarmbereitschaft, in der Zukunft nur als Katastrophe vorstellbar war. Die Unbestimmtheit der Dauer machte Gewalt nicht nur zum punktuellen Ereignis, sondern zu einer jederzeit möglichen Intervention in einer gedehnten Zwischenzeit. So wurde das Warten selbst zum Bestandteil der Gewaltordnung: Nicht nur der Übergriff, sondern schon die unbestimmte Zwischenzeit zementierte die Machtasymmetrie zwischen Gewaltausübenden und Gewalterleidenden.
Die Unterbringung in Judenhäusern markierte eine Phase verdichteter Verfolgung, in der Gewalt nicht nur durch direkte Eingriffe, sondern auch durch eine spezifische Zeitstruktur wirksam wurde. Antijüdische Vorschriften statuierten eine Zeitordnung für alle als jüdisch Verfolgten – unabhängig davon, ob sie in Judenhäusern lebten oder nicht.2 Arbeitszeiten, Wege, Ausgangssperren und Einkaufsstunden wurden staatlich festgelegt und griffen tief in die Alltagsführung ein. Damit prägten sie auch den Rhythmus innerhalb der Judenhäuser. Dennoch entwickelte sich in dieser räumlichen Konstellation ein eigenes Zeitregime des Alltags, auf das die Bewohner*innen mit Routinen und Mikropraktiken reagierten. In diesem Spannungsfeld aus institutionell erzwungener Fremdzeit und begrenzten Handlungsspielräumen versuchten sie punktuell, Formen subjektiver Eigenzeit zu bewahren oder neu auszubilden.
Der Aufenthalt im Judenhaus war formal als provisorisch angelegt, faktisch jedoch von unbestimmter Dauer. Die Judenhäuser bildeten damit eine auf Dauer gestellte Übergangszeit, in der Unsicherheit, räumliche Enge und administrative Kontrolle den Lebensrhythmus bestimmten (vgl. Pönisch 2023). Zugleich waren ihre Bewohner*innen zunehmend von der Zeitordnung der deutschen Umgebungsgesellschaft desynchronisiert: Während dort Arbeitszeiten, Wochenenden und Zukunftsentwürfe fortbestanden, lebten sie in einem von Willkür und Gewalt geprägten Zeituniversum. Kontinuitäten der Alltagszeit wurden durch kritische Ereignisse unterbrochen – Verlust der Wohnung, Zwangsumsiedlung, der Judenstern an der Wohnungstür, Zusammenlegung von Häusern, Hausdurchsuchungen oder sogenannte Evakuierungsbefehle und Deportationen. Einzugstermine, Räumungsfristen, Hausordnungen und Verfügungen erzeugten ein dichtes Raster von Stichtagen und Fristen. Hinzu kamen Eingriffe wie Ausgangssperren, spezielle Einkaufsstunden oder das Telefonverbot, die in den Alltag eingriffen. Für Klemperers Mitbewohnerin bedeutete die Wegnahme des Telefons eine Katastrophe, für ihn selbst der Verlust der Schreibmaschine – also der Möglichkeit, seine Zeit schreibend zu strukturieren (vgl. Klemperer 1999 [1995a], 41, 11.8.1940; 178, 31.10.1941, 1999 [1995b], 86, 18.5.1942). Solche Maßnahmen griffen bestehende Routinen an und zwangen zur ständigen Neuorganisation des Alltags (vgl. Klemperer 1999 [1995b], 106, 2.6.1942; 254, 9.10.1942; 148, 29.6.1942; Stern, 17.7.1941). Die zeitliche Struktur im Judenhaus entstand aus der Verschränkung räumlicher Einengung, staatlicher Maßnahmen und antisemitischer Gesellschaftsprozesse. In den Tagebüchern Victor Klemperers und im Briefwechsel von Luise Stern zeigt sich eine kontinuierliche Verschärfung ökonomischer Einschränkungen, von Zwangsarbeit und Deportationsbedrohung (vgl. Klemperer 1999 [1995a], 78, 1.3.1941, 1999 [1995b], 34-35, 1.3.1942, 1999 [1995c], 40, 2.3.1943, 1999 [1995d], 30, 4.3.1944; Stern). Diese Entwicklung spiegelte sich in Wochen- und Tagesrhythmen wider. Anfangs orientierten sich Arbeitszeiten und Tagesabläufe noch an Mustern der Mehrheitsgesellschaft. Mit der Ausweitung der Zwangsarbeit, verlängerten Arbeitszeiten und dem Verbot öffentlicher Verkehrsmittel schrumpfte jedoch die Freizeit. Wege- und Wartezeiten rückten stärker ins Zentrum des Tages (vgl. Interview mit H. Musat; Klemperer 1999 [1995b], 40, 6.3.1941, 1999 [1995c], 43, 15.3.1942). Administrative Akte – etwa die Ausgabe von Lebensmittelkarten an bestimmten Orten und Tagen – strukturierten zusätzliche Wochen- und Monatsrhythmen (vgl. Klemperer 1999 [1995b], 145, 26.6.1942). Auch Wochentage wurden neu bewertet. In Victor Klemperers Wahrnehmung galt der Freitag als riskant (vgl. Klemperer 1999 [1995b], 47, 16.3.1942; 215, 20.8.1942; 269, 2.11.1942; 283, 28.11.1942). Wochenenden verloren durch Zwangsarbeit, eingeschränkte Einkaufszeiten (vgl. Klemperer 1999 [1995a], 45, 30.8.1940, 1999 [1995b], 35, 1.3.1942) und die ständige Durchsuchungsdrohung ihre Erholungsfunktion; selbst Sonntage blieben von Übergriffen bedroht (vgl. Interview mit H. Musat; Interview mit R. Kralovitz; Klemperer 1999 [1995b], 42, 8.3.1942; 155, 5.7.1942, 1999 [1995c], 75, 9.5.1943, 1999 [1995d], 51, 9.5.1944; 94, 7.8.1944; 141, 16.10.1944). Auch der Tagesablauf folgte einem wiederkehrenden Muster: Morgens herrschten Enge und Hektik, mittags leerte sich das Haus – »Tagüber liegt unser Judenhaus ganz still« (Klemperer 1999 [1995b], 258, 16.10.1942) – und bot Momente relativer Privatheit. Nachmittags wurde es zum Informationsknotenpunkt für Kriegsnachrichten und neue Sonderregelungen, während abends Ausgangssperre und Überwachungsangst den Alltag bestimmten. Diese Rhythmen blieben jedoch jederzeit durch neue Verbote, Durchsuchungen oder Verhaftungen unterbrechbar.
Die narrativen Passagen lassen sich als Ausschnitte einer erleidenden Verfolgungstrajektorie3 lesen. Die Erzählungen entfalten dabei drei unterschiedliche Modi der Gewaltzeit: die alltägliche Enteignung von Zeit, die Verschiebung der zeitlichen Orientierung (Vergangenheit–Gegenwart–Zukunft) und die plötzliche Verdichtung von Zeit in Gewalt- und Krisenereignissen. Dabei ist die Zeitsouveränität der Bewohner*innen massiv eingeschränkt.
(1) Geraubte Zeit: Zeit wird nicht mehr als gestaltbarer Lebensraum erfahren, sondern als von außen zugeteilte, geraubte oder qualvoll gedehnte Größe. Victor Klemperers Schilderung einer alltäglichen Szene beim Kartoffelkauf verdichtet diese Erfahrung narrativ:
»Ich schleppte mit schweren Schlundschmerzen 30 Pfund Kartoffeln […]. Als dort der Mann meine Karte schon in der Hand hatte, trat von hinten ein junges Weibsbild […] heran […]: ›Ich war eher hier – der Jude soll warten.‹ Jentzsch bediente sie gehorsam, und der Jude wartete. Jetzt ist es gegen sieben Uhr, und die nächsten zwei Stunden wartet der Jude wieder auf die […] Haussuchung.« (Klemperer 1999 [1995b], 90, 19.5.1942)
Die Episode verbindet körperliche Schwäche, öffentliche Demütigung und das anschließende Warten auf Gewalt zu einer typischen Verlaufsstruktur der Verfolgung. Die Wiederholung »der Jude wartet« unterstreicht die soziale Hierarchisierung von Zeit: Während Nicht-Juden* handeln dürfen, werden Juden* auf eine Position des passiven Wartens reduziert. Lina Rochmanns verzweifelte Worte – »Es hat doch keinen Zweck, das Warten« (Rochmann, April 1939) – spiegeln diese erzwungene Ohnmacht wider. Die erlittene Zeit zeigt sich auch im Zusammenbruch alltäglicher Ordnungen. Der Abreißkalender, einst Symbol für einen geordneten Zeitverlauf, wird zum Sinnbild des Entzugs: »Es ist gar nicht zu sagen, wie sehr mir der Abreißkalender fehlt. Die Zeit steht still« (Klemperer 1999 [1995c], 6, 3.1.1943). Sein Fehlen markiert den Zusammenbruch vertrauter Abläufe: Der Lebensverlauf gerät aus den Fugen, die Zeit steht still oder erstarrt. Klemperer beschreibt die systematische Blockade produktiver Routinen: »keine Sammlung, wenige Zeilen Curriculum, kein Vorlesen und Für-mich-Lesen« (Klemperer 1999 [1995a], 27, 30.5.1940; 28-29, 6.6.1940; 32, 9.7.1940; 68, 31.1.1941; 73, 20.2.1941; 35, 9.7.1941, 1999 [1995b], 28, 19.2.1942). Die Entstrukturierung des Alltags mündet in eine tiefe Desorientierung. Wiederkehrende Stimmungsbilder wie »trostloser Abend«, »qualvollste Zeiten« (Klemperer 1999 [1995a], 24, 27–30, 26.5.1940) verdeutlichen ebenfalls, wie Zeit nicht mehr aktiv gestaltet, sondern nur noch erlitten wird: »Die Tage verrinnen so gleichförmig in ihrer Leere und Überfülltheit, ihrer Nichtigkeit und Angestrengtheit […], daß ich heute wahrhaftig nicht wußte, ob wir Dienstag oder schon Mittwoch hätten.« (Klemperer 1999 [1995d], 34, 15.3.1944). Hier erscheint Zeit vor allem als zerstörte Alltagsstruktur: Sie verliert ihre ordnende Funktion und wird zu einer von außen kontrollierten Ressource, die Handlungsfähigkeit systematisch blockiert. Wie Alfred Schütz analysiert, wird Zeit hier zur »auferlegten Struktur« – nicht linear erlebt, sondern als eingefrorene, bedrohliche Leere, die Ohnmacht produziert und die Logik der Unterdrückung perpetuiert (vgl. Schütz 2003 [1975], 84).
(2) Transformation der Zeitdimensionen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Neben der Veränderung alltäglicher Zeitordnungen verschiebt sich auch die grundlegende Orientierung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Erzählungen offenbaren zudem ein radikal transformiertes Verhältnis zu den drei Dimensionen der Zeit, das die systematische Entrechtung widerspiegelt: Die Vergangenheit wird zur Projektionsfläche sehnsüchtiger Vergleiche (»mit dem heutigen Zustand verglichen, noch so viel Gutes« – (Klemperer 1999 [1995b], 49, 17.9.1942)), die Gegenwart zur endlosen Wartezeit – »Man lebt eben so dahin. […] Nichts zu machen. Was bleibt mir übrig? Warten und hoffen« (Stern, 20.8.1940) –, und die Zukunft verengt sich zur Erwartung weiterer Verschlechterung: »Wir glaubten vorgestern, die Lage sei unüberbietbar schlimm, sie ist seit gestern hundertmal schlimmer. Sie wird morgen wieder noch schlimmer als heute sein« (Klemperer 1999 [1995b], 124, 11.6.1942). Klemperers wiederkehrende Ängste – von der »irgendwelcher Katastrophe« (ebd., 49, 17.3.1942) über den »täglich wechselnden« Eindruck einer herannahenden Krise (Klemperer 1999 [1995a], 185, 28.11.1941, 48, 12.9.1940, 1999 [1995b], 32, 24.2.1942) bis zur Frage, »ob [der nächste Tag] überhaupt noch etwas bringt« (ebd., 153, 3.7.1942) – verdeutlichen, wie die Gewaltordnung Zukunft als gestaltbaren Horizont auflöst und Handlungsfähigkeit auf bloßes Überdauern verkürzt. Die zeitlichen Horizonte verschieben sich damit strukturell: Die Vergangenheit fungiert als verlorener Referenzpunkt, die Gegenwart als Zustand erzwungener Passivität und die Zukunft als Raum wachsender Bedrohung. Dies verweist auf ein von Koselleck beschriebene Auseinanderfallen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Orientierungslinien (vgl. Koselleck 1995 [1979], 291).
(3) Ereignishafte Gewalt: Plötzlichkeit und Krisenzeit: Neben der strukturellen Enteignung von Zeit und der Verschiebung der Zeithorizonte prägen auch eruptive Gewaltmomente die narrativen Darstellungen. Die Erfahrung von Zeit im Judenhaus ist geprägt von einem brutalen Wechselspiel: Auf das gestreckte, zermürbende Warten folgt die schlagartige Zäsur durch unvorhersehbare Gewaltakte. Plötzliche Deportationsbefehle, nächtliche Verhaftungen oder willkürliche Hausdurchsuchungen – wie Klemperers Schilderung der »fürchterlichen Aufregung« nach einer Deportationsankündigung (Klemperer 1999 [1995b], 10, 17.1.1942; 198, 8.8.1942; Brenner 2017; Interview mit R. Kralovitz; Interview mit H. Meyer) – zerreißen den Alltag und komprimieren die Zeit zu Momenten extremer Bedrohung. Diese Ereignisse sind keine bloßen Unterbrechungen, sondern die Gewalt selbst: Sie erzwingen eine radikale Fokussierung auf den Augenblick und zerstören jede langfristige Planung. Klemperers minutiöse Aufzeichnungen machen diese Plötzlichkeit greifbar: das ständige Lauschen auf Schritte oder Klingeln (»Sind ›sie‹ es?«), die abendliche Angst »zwischen sieben und neun« (Klemperer 1999 [1995b], 46, 16.3.1942; 75, 28.4.1942; 150, 1.7.1942; 215, 20.8.1942; 222, 24.8.1942). Klemperers Erzählweise offenbart, wie Krisenepisoden und plötzliche Gewaltakte nicht nur den Alltag zerreißen, sondern auch die narrative Distanz zersetzen: Was als scheinbar kontrollierte, fast zynische Beobachtung beginnt (»Chaos, […] grausame und besoffene Affen« (ebd., 93, 23.5.1942)), verwandelt sich durch die Wiederholung und Systematik der Übergriffe – »monatliche Polizei-Hauskontrollen« (ebd., 189, 29.7.1942) – in eine routinisierte, allgegenwärtige Bedrohung, die jede Illusion von Sicherheit und sprachlicher Überlegenheit zerstört. Die narrative Funktion dieser Episoden liegt in ihrer Ereignishaftigkeit: Sie bündeln die zuvor gestreckte Alltagszeit in kurze, hochintensive Momente, in denen sich die Gewaltordnung unmittelbar manifestiert. Gleichzeitig entwickeln die Bewohner*innen Bewältigungsstrategien – Klingelzeichen, Verstecke, riskante Tagesplanungen (vgl. Pönisch 2022) –, die trotz radikal eingeschränkter Zeitsouveränität minimale Handlungsspielräume eröffnen.
Gerade das Nebeneinander verschiedener Zeitmodi strukturiert die narrativen Darstellungen der Verfolgung. Sie zeigen, wie Gewalt Zeit nicht nur zerstört, sondern neu ordnet: als dauerhafte Einschränkung des Alltags, als Verschiebung der Zukunftsperspektive und als plötzliche Eskalation in Krisenereignissen.
Konzentrationslager bezeichneten im nationalsozialistischen Deutschland ein systematisch organisiertes Netz von Haft- und Terrororten, deren Funktion und Brutalität sich radikal im Zeitverlauf veränderten. Die Lager waren kein statisches System, sondern ein dynamischer Prozess der Radikalisierung – von der frühen Terrorherrschaft bis zur absoluten Vernichtungspolitik in den letzten Kriegsjahren. Ab 1933 entstanden aus ersten Schutzhaftlagern zur Ausschaltung politischer Gegner ein differenziertes System: von frühen Lagern wie Dachau (1933) über ab 1936 ausgebaute KZ (z. B. Buchenwald) bis zu den ab 1941 errichteten Vernichtungslagern (z. B. Auschwitz-Birkenau). Während die frühen Lager auf Terror und Zwangsarbeit zielten, dominierte ab 1942 der industrielle Massenmord. Die Bedingungen – Überbelegung, Hunger, Rechtsentzug – verschärften sich bis 1944/45, als durch Euthanasie-Morde, »Vernichtung durch Arbeit« und Todesmärsche der Tod der Häftlinge gezielt beschleunigt wurde (vgl. Kröger und Wilke 2011).
Die Gewaltlogik der Konzentrationslager ist am besten durch Wolfgang Sofskys Studie zu rekonstruieren. Er beschreibt das Konzentrationslager als ein Herrschaftssystem, das auf einer besonderen Form der Macht beruht: der absoluten Macht (vgl. Sofsky 2008 [1993], 27, 29). Diese unterscheidet sich von anderen Herrschaftsformen dadurch, dass sie nicht auf Stabilität oder Gefolgschaft zielt, sondern auf radikale Unsicherheit und die systematische Zerstörung der Sozialität. Hinter dem Stacheldraht beginne eine »andere Welt«, deren Prinzip organisierter Terror sei (Sofsky 1990, 518). (1) Gewalt ist darin kein bloßes Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck: Zwar diente Terror in der Frühphase der Durchsetzung nationalsozialistischer Normen und der Einschüchterung der Bevölkerung, doch im Lager wird Gewalt zum Selbstläufer und legitimiert sich durch ihre eigene Ausübung (vgl. Sofsky 2008 [1993], 33). Die Gewalt folgt keiner rationalen oder instrumentellen Logik. Terror benötigt weder Anlass noch Legitimation. Willkür konnte jederzeit einsetzen (vgl. ebd., 29). (2) Zugleich ist die Gewalt streng organisiert. Geländeaufteilung, Zeitregime, Kommandostrukturen sowie die lückenlose Registrierung und Klassifikation der Häftlinge bilden ein dichtes Machtgefüge (vgl. ebd., 29–30). Gewalt wird zudem in die Häftlingsgesellschaft delegiert: Blockführer und Funktionshäftlinge erhalten Handlungsspielräume gegenüber anderen Gefangenen (vgl. Sofsky 1990, 523). Von ihnen wird nicht nur Gehorsam, sondern Initiative in der Gewaltanwendung erwartet. Hilfe und Komplizenschaft verschränken sich dadurch strukturell (vgl. Sofsky 1990, 525). (3) Die Gewalt zerstört drittens systematisch Sozialität und Leben. Sie richtet sich nicht nur gegen Körper, sondern auch gegen soziale Beziehungen und Identität. Arbeit wird zum Instrument der Demütigung und Vernichtung – Häftlinge »arbeiten, um zu sterben« (Sofsky 2008 [1993], 33). Hunger, Krankheit und Überarbeitung erzeugen einen Zwischenbereich von Leben und Tod (vgl. ebd., 37–38). Leitfigur dieser Ordnung ist der »Muselmann«, der Mensch im Prozess physischen und sozialen Zerfalls. Die Produktion solcher »lebender Leichname« gilt Sofsky als spezifische »Erfindung« des Lagers (ebd., 38, 1990, 532–33). (4) Schließlich unterliegt diese Gewalt einem inneren Steigerungszwang. Absolute Macht strebt nach Totalität und erscheint erst vollständig, wenn niemand mehr übrig bleibt. In dieser Logik kulminiert die Lagergewalt im industriell organisierten Massenmord (vgl. ebd., 38–39).
Wolfgang Sofsky analysiert das Konzentrationslager als einen geschlossenen Raum mit einer von der SS kontrollierten Zeitordnung, die Ausdruck absoluter Macht ist (vgl. ebd., 88–97). Der Lageralltag ist durch eine strikte Abfolge von Wecken, Appellen, Arbeit und Abendappell organisiert. Der Tagesablauf ist formal strukturiert, aber von Unberechenbarkeit geprägt. Auf die hektische Morgenroutine folgen häufig verzögerte Appelle, chaotische Kommandobildungen und lange Arbeitszeiten. Besonders der Abendappell fungiert als zentrales Machtritual: Alle Häftlinge müssen anwesend sein – auch Sterbende und Tote –, kleinste Abweichungen werden bestraft. Dauer und Wiederholung dieser Rituale machen Zeit selbst zur Strafe. Die Lagerherrschaft demonstriert ihre Kontrolle, indem sie Tempo, Dauer und Unterbrechung willkürlich diktiert: Arbeit wird sinnlos wiederholt, Pausen gekürzt, Strafappelle stundenlang gedehnt. Gleichzeitig wechselt das Regime zwischen Hetze und erzwungenem Warten, zwischen Planung und Chaos (vgl. ebd., 90–97). Häftlinge entwickeln zwar Gegenstrategien – etwa das Zählen von Schritten oder das Suchen ruhigerer Tätigkeiten –, doch die Verfügungsgewalt über die Zeit liegt allein beim Lagerpersonal. Wer über Beginn, Ende und Rhythmus verfügt, kontrolliert nicht nur die Körper der Häftlinge, sondern auch ihre verbleibenden Handlungsspielräume. Die Lagerzeit ist keine entwicklungsfähige Zeit, sondern strukturiert sich durch Hetze, Zwang und Wiederholung als endlose, jederzeit von Gewalt durchschneidbare Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft verlieren ihre orientierende Kraft. Die Häftlinge werden in eine radikal unsichere Gegenwart des Schreckens eingeschlossen, mit dem Ziel, sie zu entmenschlichen und vollständig zu unterwerfen (vgl. ebd., 88–89).
Die zeitliche Ordnung des Lagers ist damit nicht bloß organisatorischer Rahmen, sondern eine Technik absoluter Macht: Indem sie die Verfügung über Tempo, Dauer und Zukunft monopolisiert, verwandelt sie Zeit selbst in ein Mittel der Entmenschlichung und Unterwerfung.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die Erinnerungen der sieben Interviewten nicht nur als chronologische Abfolge von Gewaltzeiten lesen, sondern auch als Bündel wiederkehrender Narrative, mit denen die Gewalterfahrungen retrospektiv strukturiert werden. Narrative fungieren dabei nicht nur als Darstellungsform, sondern als zentrale Strukturierungsweise von Zeit und Gewalt in der Erinnerung: Sie ordnen fragmentierte Erfahrungen, markieren Anfangs- und Endpunkte und übersetzen extreme Gewalt in erzählbare zeitliche Sequenzen. In den Interviews erscheinen Konzentrationslager weniger als Orte denn als Erfahrungsräume extremer Gewalt. Die Interviewten erzählen ihre Erfahrungen dabei selten in abstrakten Zusammenfassungen, sondern in verdichteten, szenischen Erinnerungen. Diese Erinnerungen lassen sich in mehrere thematische Narrative ordnen, die bestimmte Muster der Gewalterfahrung sichtbar machen: Narrative des radikalen Bruchs, der entgrenzten Lagerzeit, der personalisierten Gewalt, der totalen Entmenschlichung sowie des Zusammenbruchs der Lagerordnung.
Ein erstes wiederkehrendes Muster bilden Narrative des radikalen Bruchs mit der bisherigen Lebenswelt. Einige Interviewte markieren den Beginn ihrer Lagererfahrung mit präzisen Datumsangaben, die den Zeitpunkt der Deportation oder der Ankunft im Lager fixieren. So erinnert sich Liesel Ginsburg: »Wir sind deportiert einundvierzig [1941], am zehnten Dezember« (Interview mit L. Ginsburg), während Alfred Jachmann berichtet: »Wir sind also [a]m 27. Februar 1943 […] verhaftet« worden (Interview mit A. Jachmann). Solche zeitlichen Markierungen strukturieren die Erinnerungen als klare Zäsur zwischen einem »Davor« und einem »Danach«. Die Gewalt erscheint in diesen Narrativen somit als historischer Einschnitt, der die bisherige Lebenszeit abrupt unterbricht und eine neue, durch Zwang und Bedrohung bestimmte Zeitordnung eröffnet. Häufig gehen ihnen kurze Verweise auf die zerstörte Alltagswelt voraus, etwa wenn Irmgard Ohl erinnert: »Das Essen stand noch auf’m Tisch« (Interview mit I. Ohl). Die Erzählungen markieren damit den Moment, in dem die vertraute soziale Ordnung abrupt zusammenbricht. Das gleiche Muster zeigt sich auch bei Erzählungen über den Zusammenbruch der Lagerordnung in den letzten Kriegsmonaten. In diesen Erinnerungen wird sichtbar, wie die zuvor allmächtige Gewaltstruktur plötzlich zerfällt. In manchen Lagern verschwinden die Bewacher plötzlich und ohne Vorwarnung. Ohl beschreibt diesen Moment knapp: »Und am Morgen war die Bewachung verschwunden« (Interview mit I. Ohl). Präzise Datumsangaben – etwa »zehnte[r] März«, »2. Mai« oder »14. April« (Interview mit L. Ginsburg; Interview mit D. Ostermann; Interview mit E. Bardach) – markieren in diesen Erzählungen nicht mehr den Beginn von Gewalt, sondern ihr Ende. Damit verschiebt sich auch die erzählte Zeitstruktur: Der Moment, der zuvor den Eintritt in die Gewalt markierte, wird nun zum Marker ihres Zusammenbruchs.
Das zweite Narrativ zeigt, wie die Deportierten mit der Ankunft im Lager einer neuen Zeitordnung unterworfen werden, die durch die gewaltsame Spannung zwischen zermürbender Dehnung und plötzlicher Beschleunigung geprägt ist: Lange Wartephasen – etwa »mit dem Gesicht zur Wand […] stundenlang warten« (Interview mit R. Kralovitz) – werden plötzlich von Selektionen unterbrochen, in denen Sekunden über Leben und Tod entscheiden (»Ja, wir mussten uns in einer Reihe aufstellen und unsere Sachen mussten wir auf den Boden legen und mussten nackt an dem, wie ich glaube, Dr. Mengele, vorbei gehen und er entschied dann mit einem Finger ›imitierend‹ rechts, links, rechts, links« (Interview mit E. Bardach)). Die erzählte Zeit folgt hier der Logik der Gewalt: Phasen scheinbarer Stillstellung wechseln abrupt mit Momenten extremer Verdichtung, in denen Entscheidungen irreversibel werden. Ab diesem Punkt schildern sich die Interviewten zunehmend als anonymes Kollektiv. Häufig greifen sie dabei auf Passivkonstruktionen zurück – »wir wurden rausgetrieben«, »wir mussten stehen« usw. (siehe u. a. Interview mit E. Bardach; Interview mit A. Jachmann; Interview mit R. Kralovitz; Interview mit D. Ostermann) –, wodurch sich die erlittene Entmachtung bereits im sprachlichen Ausdruck manifestiert. Die narrative Form spiegelt damit die Erfahrung des Kontrollverlusts: Handlungsmacht verschiebt sich von den Erzählenden zu den Gewaltakteuren, während die eigene Zeit zunehmend fremdbestimmt erscheint.
Ein drittes zentrales Narrativ beschreibt die Erfahrung einer entgrenzten und erstarrten Lagerzeit. Nach dem initialen Schock der Ankunft erscheint der Lageralltag in vielen Erinnerungen als monotone Wiederholung, in der Gewalt nicht mehr nur punktuell, sondern als dauerhafte Struktur der Unterwerfung wirkt. Die Erzählungen konstruieren hier eine Zeitform, in der Ereignisse ihre Einzigartigkeit verlieren. Diese gezielte Manipulation von Zeit dient der Machtausübung: monotone Kommandos (»Mützen auf! Mützen ab!«, »Arbeitskommandos antreten!« (vgl. Interview mit R. Kralovitz)) entziehen jede Handlungsfähigkeit. Sprachliche Marker wie »jeden Tag«, »immer wieder« oder »wir wurden immer« (Interview mit I. Ohl; Interview mit A. Jachmann) unterstreichen den Eindruck endloser Wiederholung. Institutionelle Routinen wie Zählappelle (»Früh und Abend Zählappell«, (Interview mit D. Ostermann)), standardisierte Essensrationen (»330 Gramm Brot […] abwechselnd Margarine oder Marmelade« (ebd.) und monotone Arbeitsabläufe erzeugen eine Gegenwart, in der Vergangenheit und Zukunft kaum mehr vorkommen. Zeit wird in diesen Erinnerungen nicht als Entwicklung erlebt, sondern als endloser Kreislauf. Ellen Bardach fasst diese Erfahrung rückblickend zusammen: »Es war monoton und wir hungerten – das war alles« (vgl. Interview mit E. Bardach). Die narrative Verdichtung dieser Wiederholungen macht sichtbar, wie Gewalt nicht nur körperlich wirkt, sondern auch die Wahrnehmung von Zeit selbst deformiert.
Die Auswertung der Interviews zeigt eine vierte charakteristische Erzählform. Sie weist zwei zentrale Merkmale auf: Zum einen wird Gewalt durch konkrete, häufig wiederkehrende Szenen veranschaulicht, wie etwa die Schilderung täglicher Demütigungen oder plötzlicher, willkürlicher Gewaltausbrüche. Zum anderen erfolgt eine Personifizierung der Gewalt durch individuelle Täterfiguren, deren Handlungen die systematische und gezielte Ausübung von Gewalt als zeitlich verortete Akte erkennbar machen. Ein besonders prägnantes Beispiel für diese narrative Struktur findet sich in der Beschreibung ritueller Hinrichtungen auf dem Appellplatz:
»Und dann war es fast allabendlich so, dass auf der linken Seite des Appellplatzes, an dem Block des Blockältesten, Galgen aufgebaut waren. Mit viereckigen Kästen und Rollen. Und da standen Menschen drauf, die schon die Schlinge um den Hals hatten. Und dann wurde verkündet, nachdem wir ewig schon gestanden hatten, dass der gehängt wurde wegen Fluchtversuch, der hat Brot geklaut« (Interview mit A. Jachmann).
Wohl beschreibt, wie SS-Männer Häftlinge durch sadistische Spiele quälten, z. B. indem sie ihnen die Mütze wegwarfen und sie beim Aufheben erschossen (vgl. Interview mit T. Wohl). Daneben werden willkürliche Erschießungen (vgl. Interview mit A. Jachmann; Interview mit I. Ohl; Interview mit T. Wohl) sowie Orte konzentrierter Gewalt, wie der Bunker oder die Verhörräume der Politischen Abteilung, in den Erinnerungen besonders deutlich hervorgehoben. In diesen Räumen wurden Gefangene systematisch gefoltert – etwa mit der sogenannten »Bogerschaukel« (vgl. Interview mit D. Ostermann). Gleichzeitig treten in diesen Schilderungen SS-Offiziere, Kapos oder Gestapo-Beamte nicht mehr lediglich als Repräsentanten eines anonymen Systems auf, sondern als individuell erkennbare Akteure mit spezifischen Eigenschaften. So wird etwa ein SS-Mann »Krause« als »Inbegriff alles Bösen« (Interview mit L. Ginsburg) beschrieben. Durch solche Personifizierungen wird Gewalt als unmittelbare Handlung einzelner Menschen erinnert. Die Interviewten schildern konkrete Szenen sadistischer Misshandlung: Ein SS-Mann bespritzt Gefangene bei Frost mit Wasser (»[SS-Scharführer Hoffmann] nahm den Wasserschlauch […] und jagte die in ihren nassen Kleidern raus«, (Interview mit R. Kralovitz), während ein Gestapo-Beamter eine Frau wegen eines Gebets schlägt (vgl. Interview mit E. Bardach). Die Erzählung verlangsamt sich hier häufig und verweilt bei einzelnen Szenen, wodurch sich die extreme Gewalt als prägende Erinnerungspunkte im zeitlichen Gefüge der Biografie einschreibt.
Ein weiteres zentrales Muster lässt sich als Narrativ der totalen Entmenschlichung beschreiben. Besonders in Schilderungen von Deportationen, Räumungen und Todesmärschen erscheint die Gewalt als Teil einer bürokratisch organisierten Vernichtungslogistik. Die Interviewten verwenden dabei häufig eine nüchterne, bürokratische Sprache. Ginsburg erinnert etwa: »Wir sind mit dem Schiff von Riga nach Danzig […] In dem Laderaum dieses, dieser Kähne sind die Frauen und Männer dann nach Stutthof transportiert worden« (Interview mit L. Ginsburg), während D. Ostermann berichtet: »wir sind dann verladen worden in – an die 1000 Frauen in Viehwaggon [sic!]« (Interview mit D. Ostermann). Begriffe wie »verladen« oder »transportiert« verdeutlichen die radikale Entmenschlichung der Deportierten, die in diesen Situationen zu bewegtem Frachtgut werden. Die bürokratische Sprache erzeugt dabei eine distanzierte Erzählform, in der extreme Gewalt als routinierter Bestandteil organisatorischer Abläufe erscheint. Der Tod erscheint als integraler Bestandteil dieses Systems. A. Jachmann erinnert sich etwa an Todesmärsche, bei denen »jeder, der nicht mehr laufen konnte oder zurückblieb, erbarmungslos abgeknallt« wurde (Interview mit A. Jachmann). Auch der Umgang mit Toten erscheint in einigen Interviews als routinisierte Tätigkeit. Kralovitz schildert beispielsweise, wie seine Fuhrkolonne in Buchenwald nach Bombenangriffen Züge mit Toten entlädt und die Körper »wie das Holz« auf Wagen lädt (Interview mit R. Kralovitz).
Die vorangegangene Analyse hat gezeigt, dass sich nationalsozialistische Gewalt nicht nur in bestimmten Räumen, sondern auch in spezifischen Zeitordnungen organisiert. Um diese Zusammenhänge systematisch zu fassen, lässt sich heuristisch ein Modell von Gewaltzeitregimen formulieren. Unter Gewaltzeitregime verstehe ich eine spezifische Form gewaltförmig organisierter Fremdzeit, die in Kontexten extremer, antisymmetrischer Gewalt entsteht. In dieser erzwungenen Zeitordnung verfügen Gewaltausübende über die Zeit der Gewalterleidenden und deren Zeithorizonte. Gewaltzeit bezeichnet damit ein Zeitregime, in dem Zeitzwänge extrem verdichtet, asymmetrisch verteilt und auf Demütigung, Verletzung oder Vernichtung ausgerichtet sind. Gewaltzeit ist dabei keine einseitige Einflussrichtung, sondern eine reziproke Struktur: Gewalt etabliert Zeitregime, die ihrerseits Modalität, Intensität und Stabilität der Gewalt prägen. Gewalt vollzieht sich nicht nur in der Zeit, sondern durch deren Transformation. Das folgende Modell bündelt diese Beobachtungen und ordnet sie auf drei analytischen Ebenen: (1) Gewaltzeitregime als Herrschaftsstruktur, (2) subjektive Eigen- und Fremdzeit sowie (3) Zeit in Narrativen extremer Gewalt. Judenhaus und Konzentrationslager erscheinen darin als zwei idealtypische Ausprägungen nationalsozialistischer Gewaltzeit, die unterschiedliche Grade zeitlicher Kontrolle und Destruktion verkörpern.
Auf der ersten Ebene wird Zeit als Herrschaftspraxis verstanden. Zeitregime bestehen aus Rhythmen, Normen und Kontrollformen, durch die bestimmt wird, wer über wessen Zeit verfügt. Analytisch lassen sich fünf Dimensionen zeitlicher Herrschaft in Gewaltkontexten unterscheiden: (I) Zentral ist, wer über Zeit verfügt. Je einseitiger Arbeitszeiten, Tempo, Reihenfolge, Dauer von Tätigkeiten und Wartezeiten festgelegt werden, desto ausgeprägter ist die zeitliche Asymmetrie zwischen Herrschenden und Beherrschten (Zeitliche Verfügungsmacht). (II) Der Umfang der zeitlichen Kontrolle kann auf einzelne Lebensbereiche begrenzt bleiben oder die gesamte Lebenszeit erfassen und damit eine totale Durchherrschung des Alltags herstellen (Grad der Totalisierung). (III) Gewaltregime können partiell mit gesellschaftlichen Rhythmen synchron bleiben oder eine radikale Entkopplung von der Normalzeit erzeugen (Kopplung an gesellschaftliche Normalzeit). (IV) Zeitordnungen können auf stabilen, routinisierten Abläufen beruhen oder durch kontingente Eingriffe geprägt sein. Häufig kombinieren Gewaltregime beides: einen formal geordneten Alltag, der jederzeit durch Razzien, Strafaktionen oder Deportationen unterbrochen werden kann (Verhältnis von Routine und Willkür). (V) Zeit kann auf Formierung oder Destruktion zielen. Während formierende Zeitregime arbeitsfähige Subjekte hervorbringen sollen, wird Zeit in extremer Gewalt zur Technik der Vernichtung: Arbeit wird zum Instrument der Tötung (Funktion der Zeitordnung). Gewaltzeit bezeichnet somit ein Zeitregime, in dem Zeit zu einem Instrument der Herrschaft wird.
Die zweite Ebene richtet den Blick auf Zeit als subjektive Eigenzeit. In Gewaltkontexten verändert sich diese grundlegend: Zeit kann als entleert oder stillstehend erlebt werden, sich in Gewaltmomenten verdichten oder als beschleunigt erscheinen. Mit Alfred Schütz lässt sich das Zeiterleben zudem in Reichweiten differenzieren. In Gewaltkontexten dominiert die aktuelle Reichweite unmittelbarer Bedrohungssignale – etwa Schritte im Treppenhaus oder Befehle über Lautsprecher –, während vergangene Routinen zur Ressource von Kontinuität werden können. Gleichzeitig schrumpft die erlangbare Reichweite zukünftiger Erwartungen drastisch. Eigenzeit entsteht dabei im Spannungsfeld von Zeitautonomie und auferlegten Zeitstrukturen. Fristen, Appelle, Arbeitszeiten und erzwungenes Warten prägen den Alltag, während eigene Zeitgestaltung auf kleine Nischen beschränkt bleibt. Diese Praktiken stellen keine Aufhebung der Fremdzeit dar, sondern fragile Versuche, innerhalb eines gewaltförmigen Zeitregimes minimale Formen von Eigenzeit zu rekonstruieren. Dennoch entstehen fragile Gegen-Eigenzeiten, etwa durch Tagebuchschreiben, Rituale oder kleine Routinen. Solche Praktiken fungieren als begrenzte Selbstermächtigung und als Versuch, biografische Kohärenz zu bewahren. Gewaltzeit erscheint damit als deformierte Eigenzeit: Sie zerstört autonome Zeitstrukturierung, ohne Eigenzeit vollständig aufzuheben.
Gewaltzeitlichkeit wirkt nicht nur in institutionellen Zeitregimen oder subjektiven Erfahrungen, sondern auch in den narrativen Strukturen der Erinnerung. Gewalterfahrungen werden erzählend geordnet und gedeutet. Es entstehen Gewaltzeiterzählungen, in denen Struktur, Erfahrung und spätere Interpretation miteinander verschränkt sind. Viele Lebensgeschichten folgen erleidenden Verlaufskurven: Handlungsmacht geht verloren, während institutionelle Strukturen zunehmend die biografische Steuerung übernehmen. Häufig gliedern sich die Erzählungen in Segmente unterschiedlicher Gewaltzeiten – etwa Übergänge, Alltag oder eine Eskalation. Auch sprachlich zeigen sich Spuren der Gewaltzeit. Fragmentierungen, abrupte Übergänge oder fehlende Entwicklungslinien treten dort auf, wo Gewalthandlungen Lebenszeit unterbrechen. Präsensformen reduzieren die Distanz zur Vergangenheit, während iterative Formulierungen wie »immer wieder« oder »jeden Tag« die Dauer der Gewalt im Erzählen selbst reproduzieren. Narrative Zeitordnungen sind daher Teil der Wirkungsgeschichte extremer Gewalt.
Vor diesem Hintergrund lassen sich Judenhäuser und Konzentrationslager als zwei Gewaltzeitregime beschreiben, die unterschiedliche Formen der zeitlichen Kontrolle und Gewaltintensität verkörpern.
Das Judenhaus bildet ein auf Dauer gestelltes Übergangszeitregime im Stadtraum. Seine Spezifik liegt in einer ausgedehnten Vorläufigkeit: Die Zeit wird nicht vollständig totalisiert, sondern in permanente Erwartung versetzt. Während der gesellschaftliche Alltag außerhalb weiterläuft, entsteht im Inneren eine spezifische Ausnahmezeit, die sukezzive von der Normalzeit entkoppelt wird. Gewalt tritt meist punktuell eruptiv auf – etwa bei Durchsuchungen oder Deportationsbefehlen. Subjektiv entsteht ein Zeitregime des Wartens: Zeit erscheint gedehnt und entleert, wird jedoch immer wieder abrupt verdichtet. Narrative ordnen diese Erfahrung häufig entlang der Dreiteilung früher – jetzt – morgen: Früher erscheint rückblickend positiv, jetzt als degradierte Zwischenzeit, morgen als erwartete Steigerung der Gewalt.
Das Konzentrationslager bildet demgegenüber eine totalisierte Gewaltzeit. Rhythmus, Dauer und Unterbrechung werden vollständig kontrolliert. Überlange Appelle, sinnlose Arbeit und permanente Gewalt zielen auf Zermürbung und Vernichtung. Die Lagerzeit ist radikal von gesellschaftlicher Normalzeit entkoppelt. Eigenzeit verdichtet sich zu einer unsicheren, scheinbar endlosen Gegenwart, in der Vergangenheit an Orientierung verliert und Zukunft auf das Überleben des nächsten Tages schrumpft.
Die NS-Verfolgung zeigt sich als Abfolge von Gewaltzeitregimen, in denen Kontrolle und Gewalt schrittweise zunehmen. Dabei wird die Eigenzeit der Opfer immer stärker vereinnahmt: Zukunft verengt sich, Vergangenheit verblasst, die Gegenwart wird zur ständigen Bedrohung. Gleichzeitig wandeln sich die Erzählformen von kohärenten Lebensgeschichten zu fragmentierten Gewaltberichten. »Gewaltzeit« verbindet so Herrschaft, Subjektivität und Zeit analytisch.
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Elisabeth Pönisch ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) am Lehrstuhl für Soziologie mit dem Schwerpunkt Märkte, Organisationen und Governance an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Kultursoziologie, Gewaltsoziologie, Nationalsozialismus, Holocaust und Genozide sowie Antisemitismusforschung. Zudem forscht sie zu qualitativen Methoden, insbesondere Ethnographie und Grounded Theory. Weitere Informationen unter: https://www.fsv.uni-jena.de/25685/elisabeth-poenisch
Kontakt:
Elisabeth Pönisch,
Friedrich-Schiller-Universität Jena,
Lehrstuhl für Soziologie mit dem Schwerpunkt Märkte, Organisationen und Governance,
Bachstraße 18k, 07743 Jena
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