Subjektivität und Bedeutung

Jens Brockmeier

Zusammenfassung

1983 – vor 25 Jahren – erschien Klaus Holzkamps Hauptwerk Grundlegung der Psychologie. Aus diesem Anlass wird in diesem Beitrag zurückgeblickt auf die historischen und kulturellen Umstände der Entstehung des Buches und der Rolle von Holzkamp als eines Protagonisten der 68er-Bewegung in Berlin und der deutschsprachigen Psychologie sowie als Begründer der Kritischen Psychologie. Dabei wird das Buch in Beziehung zu neueren Theorieentwicklungen in der alternativen Psychologie und den Sozialwissenschaften gestellt, aber auch auf die Nähe zu historisch gleichzeitigen und früheren Vorstellungen in Psychologie und Philosophie hingewiesen, die in der Diskussion der Grundlegung, insbesondere ihrer zentralen Themen Subjektivität und Bedeutung, nur wenig Beachtung gefunden haben.

Schüsselwörter: Subjektivität, Bedeutung, Handlungsfähigkeit, Freiheit, Subjektstandpunkt

Summary

In 1983 – 25 years ago – Klaus Holzkamp’s main work Grundlegung der Psychologie [Foundations of Psychology] was published. On this occasion, this essay reviews the historical and cultural situation in which the book appeared and the role of Holzkamp as activist of the 1968 movement in Berlin and within German psychology as well as leading theoretician of German Critical Psychology. The book is situated against the backdrop of recent theoretical developments in the field of alternative Psychology and the Social Sciences, as well as in respect to historically simultaneous and earlier ideas in psychology and philosophy which have received only little attention, especially in the discussion of the Grundlegung’s central themes subjectivity and meaning.

Keywords: Subjectivity, meaning, agency, Critical Psychology

Nach einem alten Historikerdiktum wissen wir über die Zukunft eine ganze Menge; über die Gegenwart können wir demgegenüber nur wenig sagen, denn was sie bedeutet, wird immer erst im Nachhinein klar. Am unsichersten erweist sich jedoch die Vergangenheit. Nicht nur, dass sie sich jedes Mal verändert, wenn sich die Gegenwart ändert und sich eine neue Perspektive, ein neuer Gesichtspunkt ergibt; es verändern sich damit auch die Bedeutungen und Deutungen, die der Vergangenheit bereits in der Vergangenheit gegeben worden sind. So ist nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit in ständigem Fluss, wie es der französische Historiker Georges Duby (1988) gesagt hat. In diesem Fluss können sich die Spuren eines historischen Ereignisses leicht verlieren, jene Erinnerungsspuren, denen sich, so Duby, die Existenz der Vergangenheit im Bewusstsein der Bewohner der Gegenwart verdankt. Allzu oft verliert sich dann mit der Erinnerung auch das Ereignis selbst.

Dies mag um so mehr zutreffen, wenn die Vergangenheit, um die es geht, die eines Buches ist. Jedes Buch ist ein Deutungswerk, aufs engste verflochten mit dem historischen Gewebe von Bezügen und kulturellen Bedeutungen, in dem es entstand und auf das es ausgerichtet ist. Nun markieren 25 Jahre nicht notwendigerweise den Abstand zu einer anderen Epoche. Aber im Fall jenes Vierteljahrhunderts, vor dem Klaus Holzkamps Grundlegung der Psychologie erschienen ist, liegt es aus mehreren Gründen nahe, die Dinge historisch zu sehen. Das zumindest ist mein Zugang zu diesem Buch – es zunächst einmal zu historisieren. Wobei ich glaube, dass Holzkamps Werk mit seiner prominenten Auszeichnung der Geschichtlichkeit des Menschen selbst eine Reihe von Anknüpfungspunkten für eine solche Haltung anbietet.

Aus der Zeit gefallen

Wer dieses Buch zum ersten Mal in die Hand nimmt, dem wird schnell klar, dass es nicht nur in ein anderes Jahrhundert, sondern auch in eine andere Zeit gehört – wissenschafts- und mentalitätsgeschichtlich und wohl auch stilgeschichtlich. Es ist Abschluss und Summa der intellektuellen und persönlichen Entwicklung Holzkamps, die um das Jahr 1968 herum begann. Aber zugleich ist seine Entstehung eingebunden in eine wissenschafts- und gesellschaftspolitische Entwicklung. Sie ist Teil eines kulturellen Umbruchs, für den eben diese Jahreszahl emblematisch geworden ist. Mit der Studentenbewegung, dem Protest gegen den Vietnamkrieg und der Entstehung einer radikalen außerparlamentarischen Opposition artikuliert sich in jenen Jahren eine im Deutschland der Nachkriegszeit beispiellose öffentliche Kritik an den bestehenden akademischen wie überhaupt gesellschaftlichen Einrichtungen. Diese Einrichtungen erscheinen auf einmal in einem neuen Licht: Sie werden als Formen von Herrschaft wahrgenommen, als Instanzen der Macht. Die Kritik wird nicht zuletzt dadurch radikalisiert, dass sie sich, wenig mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Holocaust, gegen die personale und oft genug auch ideologische Kontinuität mit dem NS-Regime richtet, in der viele gesellschaftliche Einrichtungen Westdeutschlands – nicht zuletzt das Universitäts- und Erziehungswesen – fortleben.

In Einklang damit vollzieht sich ein Bruch mit einer bestimmten Lebensform, der Lebensform des Westdeutschlands der Adenauerzeit, die im Verständnis vieler diese Kontinuität nicht nur begleitet, sondern auch gewährleistet hat. Dieser Bruch mit einem Lebensgefühl, mit dem, was Hans Magnus Enzensberger in einem seiner frühen Gedichte den middle class blues nennt, geht einher mit der Einübung alternativer Lebenspraktiken. Neue Formen des Studierens und Lehrens entstehen, neue Lebenswelten nehmen Gestalt an, bevölkert von »Basisgruppen«, »Roten Zellen«, »antiautoritären Kinderläden«, von größeren und kleineren sexuellen Revolutionen. All diese sind im Westdeutschland jener Jahre unerhörte Provokationen mit lang nachhallendem Echo. Für eine durchgängig konservative Welt mit ihren noch konservativeren Hochschulen und Medien, allen voran die des Springer Verlags, ist dies ein schrecklicher Spuk, ein Albtraum, vom dem sich ihre Protagonisten über Jahrzehnte hinweg nicht erholen. Die Rebellion schafft eine neue kulturelle Geografie von Demonstrationsmärschen und Vollversammlungen, mit Go-ins und Sit-ins, Kommunen, Wohngemeinschaften und besetzten Häusern. Zwar sind es überwiegend Studierende und jüngere Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler, die hier im Vordergrund agieren. Doch werden auch einige wenige etablierte Professoren in diese Gegenkultur des Protests hineingezogen. Zu ihnen gehört Klaus Holzkamp, der an der Freien Universität Berlin bald zu einem ihrer Protagonisten wird.

Nichts von alledem erfährt man freilich in der Grundlegung der Psychologie. Holzkamp spricht zu Beginn des Buches davon, dass sein ursprüngliches Vorhaben war, die Arbeiten der Kritischen Psychologie, wie sie sich in jenen turbulenten Jahren an der FU herausgebildet hatte, zusammenzufassen und sie gleichermaßen von der traditionellen Psychologie wie von anderen kritischen und linken Ansätzen abzugrenzen. Doch entscheidet er sich bald anders vorzugehen, und zwar so, wie er immer vorgegangen ist: systematisch. Er entwickelt ein neues begriffliches System für eine neue, mögliche Psychologie. Man könnte von einer Verschiebung des Schwerpunkts sprechen: vom Protest und der Kritik der Psychologie zur konstruktiven Grundlegung einer anderen Psychologie.

Im Unterschied zu den meisten, die vom Zeitgeist der späten sechziger und der siebziger Jahre berührt oder gar von ihm mitgewirbelt werden, gehört Holzkamp zu denjenigen Intellektuellen, die über die Kritik und Ablehnung der »bürgerlichen Wissenschaft« und der hergebrachten akademischen Diskurse hinaus zur Ausarbeitung alternativer Vorstellungen übergehen. Holzkamp ist, wie gesagt, nicht allein mit diesem Anliegen. Aber man kann wohl sagen, dass es wenige gab, die ihm an Entschiedenheit, intellektuellem Anspruch und Ausdauer gleich kamen. Als Person hat sich Holzkamp in der Grundlegung sehr zurückgenommen, er kommt praktisch nicht vor. Und doch gibt es eine seltsame Entsprechung von Buch und Autor. Was mir als Erstes vor Augen kommt, wenn ich ihn mir vorstelle, ist seine große Ernsthaftigkeit und Strenge, vor allem gegenüber sich selbst. Gerade in jenen Jahren stand ein solcher, beinahe preußischer Sinn für Disziplin und Systematik nicht hoch im Kurs. Hinzu kamen Eigensinn und Hingabe – sowohl in der Arbeit wie in dem, wofür Holzkamp später den Begriff der Lebensführung benutzen sollte. Selbst der Zugang zur Musik, seiner großen Leidenschaft, war dadurch geprägt. Der kanadische Schriftsteller Michael Ondaatje hat über eine seiner Figuren bemerkt, sie habe sich zweimal entschieden. Einmal für eine Sache und dann dafür, mit den Konsequenzen dieser Entscheidung zu leben. Auch Holzkamp, als ich ihm das erste Mal begegnete, schien eine solche zweifache Entscheidung getroffen zu haben.

Wir, die wir erst später als jüngere Kollegen an sein Institut kamen, wussten wenig über sein vorheriges Leben. Wir lernten ihn als bereits gestandenen und berühmten Wissenschaftler kennen und waren überrascht und berührt von seiner Loyalität, von seiner Bereitschaft jederzeit zu helfen. Seine Sicherheit und sein Selbstvertrauen schienen uns für immer unerreichbar. Was er wiederum zu ignorieren schien, denn er behandelte uns auf Augenhöhe, ob wir es wollten oder nicht. Er sprach viel und er sprach schnell und er sprach drängend, aber er sprach nie von oben herab. Er wusste vieles besser, aber er war nicht besserwisserisch. Er redete mit uns über die schüchternen Entwürfe unserer Aufsätze, die wir ihm mit der Bitte um Rat vorlegten, als würden auch wir gerade an einer Neubegründung der Psychologie arbeiten.

Aus der Ablehnung dessen, was als positivistische, realitätsfremde, inhumane, machtgestützte und machtstützende Psychologie verstanden wird, entsteht der Gegenentwurf einer alternativen Psychologie, einer Psychologie vom »Standpunkt des Subjekts«. Keine Frage, dieses Subjekt atmet die Luft seiner Zeit. Es ist ein politisch bewusstes und handlungsfähiges Subjekt, das kritisch reflektierend und solidarisch agierend sowohl auf gesellschaftliche wie individuelle Veränderung abzielt. Ein Subjekt, das es ernst meint, das sich anderen gegenüber in symmetrischen, also demokratischen Subjekt-Subjekt-Beziehungen sieht. Diesen letztlich philosophisch-anthropologischen Neuentwurf des Menschen als Grundlage einer neuen Psychologie systematisch auszuformulieren, oder genauer: die Begriffe dafür bereit zu stellen, das ist das Anliegen der Grundlegung. Der Begriff der Utopie fehlt dabei allerdings – manchmal dachte ich, er ist ihm entweder zu unwissenschaftlich oder zu unpreußisch, obwohl man ihn heute, und nun kommt die historische Distanz ins Spiel, in einem durchaus starken, an Ernst Bloch gemahnenden Sinn glaubt durchscheinen zu sehen. Seine Strahlen dringen selbst durch die schwer fließende und in zahllosen Binnenbezügen mäandernde Sprache, die, von bleiernen Komposita-Ungetümen niedergehalten, an die Leichtigkeit der Mark Brandenburg im Novemberregen erinnert, um ein Wort Theodor Fontanes aufzugreifen, schließlich sind wir in Preußen. Die Genese des Subjekts war der Arbeitstitel, unter dem das Buch zunächst konzipiert war und der die emanzipative Aufladung des ganzen Projekts vielleicht am sinnfälligsten ausspricht. Der Titel veränderte sich mit den Jahren dann zu Die Geschichtlichkeit des Psychischen und wurde schließlich zur Grundlegung der Psychologie, ging es Holzkamp doch trotz allem auch um das Fach und seine Neubegründung. Er selbst sprach freilich immer nur von »GdP«.

Die »strenge, methodisch reflektierte Forschung«, die das Buch bereits auf der ersten Seite ankündigt, steht daher von Anfang am im Dienst einer so ausladenden wie präzisen Frage: Wie muss man sich die Begriffe, Modelle und Methoden einer neuen, bislang nur in Ansätzen (etwa der Kulturhistorischen Schule Wygotskis und Leontjews) aufscheinenden, den Menschen – ihr »Subjekt« im emphatischen Sinne – emanzipierenden, marxistischen Psychologie vorstellen? Einer Psychologie, die sich all das in einem konstruktiven Sinne zu eigen macht, was man an der herkömmlichen akademischen Psychologie als ausgeblendet und verleugnet wahrnimmt? Diese Wahrnehmung führt Holzkamp und viele andere schließlich dazu, aus jener Psychologie schlicht und einfach auszusteigen, inhaltlich wie institutionell.

Wie sich dieses Aussteigen im Einzelnen vollzog, ja zum Zeitpunkt der Entstehung der Grundlegung bereits vollzogen hatte – nicht zuletzt mit der Etablierung eines eigenen Instituts, des Psychologischen Instituts, dem »PI«, im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin – ist mithin nicht Gegenstand des Buches. Im Resultat, so ein in jenen Jahren viel zitierter Ausdruck von Marx, ist der Prozess, der zu ihm führte, ausgelöscht. Die Notwendigkeit eines radikalen Bruchs mit der bestehenden Psychologie, ja mit den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen ist gewissermaßen der Konsens, von dem das Buch ausgeht. Dieser Konsens hat sich in den zehn vorangegangenen Jahren herausgebildet. Als Holzkamp 1977 beginnt, an dem Manuskript zu arbeiten, geht es nur noch um die zweite Entscheidung, um das Wie der neuen Zeit, die in jenen Jahren unwiderruflich angebrochen scheint. Vielleicht ist dies ein Grund, warum diesem massiven Werk gelehrter psychologischer Theoriebildung heute kaum noch Aufmerksamkeit zuteil wird. Warum es nicht nur in seinem Inhalt, sondern auch in seinem ganzen Gestus und Duktus wie aus der Zeit gefallen scheint. Die Frage nach einer grundsätzlichen Alternative zu dem Bestehenden, nach einer großen Gegenerzählung, der Ausarbeitung eines völligen Gegenentwurfs, die für diesen Konsens konstitutiv war und auf die das Buch eine Antwort zu geben suchte, diese Frage ist in der heutigen Psychologie vollständig abwesend. Würde sie gestellt, wir können sicher sein, sie träfe auf völliges Unverständnis. Die Frage ist aber auch in der alternativen Psychologie des deutschen Sprachraums verschwunden. Und zwar schlichtweg deswegen, weil die alternative Psychologie selbst – die zu den Zeiten, in denen Holzkamps Grundlegung entstand, ein kleiner, aber durchaus etablierter Teil der universitär institutionalisierten Psychologie war – verschwunden ist.

Im Sinne Georges Dubys wäre dies mithin einer jener Fälle, in dem sich die Erinnerungsspuren der Vergangenheit – also jener Jahre, in denen Bücher wie Holzkamps Grundlegung geschrieben wurden – zunehmend verlieren. Sie verlieren sich, weil sich der historische Deutungs- und Bedeutungskontext, den sie zum Leben und Überleben brauchen, schon längst verflüchtigt hat. Theoretiker des kulturellen Gedächtnisses würden sagen, dass das lebendige kommunikative Gedächtnis, das in den Arbeiten, Diskursen und Erinnerungen derjenigen lebt, die den kulturellen Konsens geteilt haben, in dem Maße verschwunden ist, wie seine Träger aus der akademischen Öffentlichkeit verschwunden sind. So verwandelt sich das kommunikative Gedächtnis mehr und mehr in das kulturelle Gedächtnis der Nachgeborenen. Diese erfahren schließlich nur noch aus Büchern, Filmen und, vielleicht, Artikeln in psychologischen Zeitschriften, die gelegentlich einen Blick zurück in die Geschichte wagen, über jene seltsame, weit entfernte Vergangenheit – wenn ihnen denn an einer solchen Erfahrung überhaupt gelegen sein sollte.

Neue Gemeinsamkeiten

Nun müssen historische Verschiebungen in der intellektuellen und kulturellen Architektonik nicht notwendigerweise dazu führen, dass alle Erinnerungsspuren ausgelöscht werden. Sie können auch dazu führen, dass neue Spuren sichtbar werden. Sie können Beziehungen und Anziehungen sowie unterirdische Verbindungslinien zwischen Kräftefeldern deutlich machen, denen seinerzeit keine oder nur geringe Beachtung geschenkt wurde – vielleicht, weil sie jenseits des eigenen theoretischen Vokabulars und der eigenen weltanschaulichen Koordinaten angesiedelt waren. Diejenigen, die am wenigsten Überblick über die Schlacht haben, um noch einmal Duby zu zitieren, sind die Kämpfer auf dem Schlachtfeld selbst, von ihrem Verständnis der historischen Bedeutung oder Irrelevanz des Geschehens ganz zu schweigen.

Auch im Fall der Grundlegung gibt es solche gedanklichen Kräftefelder und Verbindungen, die sich erst im Nachhinein abzeichnen. Sie lassen das Buch in Zusammenhängen erscheinen, die bei seiner Entstehung und Rezeption zunächst keine offenkundige Rolle gespielt haben. Sie können aber in den Vordergrund treten, wenn das Buch und das Projekt, für das es steht, später einmal unter anderen Lichtverhältnissen betrachtet wird. Vielleicht erlauben sie dann auch denjenigen einen Zugang zu seinen Inhalten oder zumindest zu einigen seiner Anliegen, die die Frage, auf die es eine Antwort zu geben suchte, nicht mehr kennen oder nicht einmal wissen, dass sie je aufgeworfen wurde. Ich glaube, dass viele Überlegungen Holzkamps ihre argumentative Stärke auch entfalten können, ohne dass heutige oder zukünftige Leser und Leserinnen notwendigerweise den gesamten theoretischen und metatheoretischen Bezugsrahmen übernehmen müssen, in den er während der letzten Phase der Ausarbeitung glaubte, sein Buch einordnen zu müssen.

In psychologischer und psychologiehistorischer Hinsicht hatte Holzkamp vor allem an Alexej N. Leontjew angeknüpft, dem russischen Psychologen ist die Grundlegung gewidmet. Unabhängig von Holzkamp haben sich in den letzten Jahrzehnten auch zahlreiche andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit Wygotski, Leontjew und Lurija auseinandergesetzt. Eine wichtige Rolle hat dabei Jerome Bruner gespielt, von dem auch das Vorwort zur ersten, 1962 erschienenen Übersetzung von Wygotskis Thought and Language stammte, und der schon früh auf die Probleme der individuozentrischen und szientistischen Verengung des psychologischen Mainstream hinwies.

Nicht zuletzt diese Auseinandersetzungen mit der Kulturhistorischen Schule sind in zahlreiche neue Ansätze und »alternative Psychologien«, wie sie Kurt Danziger (1990) genannt hat, eingeflossen. Aber es gibt auch andere Einflüsse: die Traditionen des amerikanischen Pragmatismus und Konstruktivismus, der postkolonialen Theorie, der »interpretativen Wende« in den Sozialwissenschaften und die wachsende Rolle diskursiver, ethnografischer, biografischer und anderer qualitativer Verfahren sowie kultureller und kulturwissenschaftlicher Fragen. Die Rede ist hier von Ansätzen wie der Socio-Cultural Psychology, der Cultural Historical Activity Theory, den verschiedenen Schulen der Cultural Psychology, sowie der Critical, Political, Feminist, Postcolonial, Indigenous, Phenomenological, Discourse (oder Discursive) und Narrative Psychology. Die Aufzählung würde noch länger, wenn man ähnliche und sich zum Teil überlagernde Entwicklungen in der Philosophie sowie den Sozial-, Kultur- und Erziehungswissenschaften miteinbezöge, etwa den sozialen Konstruktionismus, den Dekonstruktivismus und die Diskurstheorie. Hinzu kommen neue akademische Disziplinen wie Cultural and Media Studies, Communication, Gender Studies und eine Vielzahl interdisziplinärer Forschungsrichtungen.

Viele dieser theoretischen und (inter)disziplinären Entwicklungen haben sich erst nach der Veröffentlichung der Grundlegung herausgebildet. Dass es von hieraus keinerlei Bezüge auf Holzkamps Buch gibt, mag auch damit zu tun haben, dass es nie in eine andere Sprache übersetzt wurde und außerhalb des alternativen deutschsprachigen Raums fast vollkommen unbekannt geblieben ist. Doch ist die Geschichte damit nicht zu Ende. Es gibt eine Reihe von Themen und Fragestellungen, die trotz dieser Nicht-Beziehung sowohl in Holzkamps Grundlegung wie in den danach entstandenen alternativen Psychologien eine wichtige Rolle spielen. Ich möchte zwei dieser gemeinsamen Themenfelder hervorheben.

Subjektivität

Das wichtigste gemeinsame inhaltliche Interesse wohl aller alternativen Psychologien richtet sich auf ein vertieftes Verständnis menschlicher Subjektivität. Nun ist Subjektivität ein äußerst facettenreiches Phänomen, und so sind die Begriffe, mit denen es in Philosophie, Sozialwissenschaften und Psychologie diskutiert wird. Holzkamp hat sein Verständnis von Subjektivität in seinem Entwurf einer Psychologie vom Subjektstandpunkt vor allem durch das Konzept der Handlungsfähigkeit qualifiziert. Im Englischen begegnet uns hier ein semantisches Feld, das Begriffe wie subjectivity, self, agency, intentionality, activity, action, practice und agentive discourse umfasst. In dem Spektrum der neueren alternativen Psychologien sowie in vielen Diskussionen in den Humanwissenschaften ist subjectivity ein Schlüsselbegriff, gleichermaßen prominent in sozialen, kulturellen, psychologischen, historischen und politischen Analysen. Dabei wird die Vernachlässigung oder Ausklammerung der subjektiven Dimension in der traditionellen Psychologie in vielen Kritiken bemängelt, die wiederum diese Dimension als wesentliches Merkmal des menschlichen Seins und insbesondere der menschlichen Welt- und Selbsterfahrung reklamieren: sei es im Sinne von Subjektivität als einer besonderen, sowohl persönlichen und individuellen wie sozialen und gesellschaftlichen Qualität; sei es im Sinne einer ganzheitlichen Qualität (die Kognitives, Emotives und Motivationales, Bewusstes und Unbewusstes, Psychisches und Physisches mit umgreift); oder sei es im Sinne einer intentionalen, aufs aktive und soziale Handeln und Vorausplanen ausgerichteten Qualität.

Auch Holzkamp geht es bei dem, was er als den Zentralbegriff seiner alternativen Psychologie versteht, der Kategorie der Handlungsfähigkeit, um ein Verständnis menschlicher Subjektivität, das es erlaubt, all diese Aspekte zu erfassen. Damit nicht genug. Es soll sie auf eine Weise erfassen, die zugleich ihre natur-, gesellschafts-, und individualgeschichtliche Gewordenheit nachvollziehbar macht. Dazu bedient sich Holzkamp eines Verfahrens, mit dessen Hilfe er die Ausbildung psychischer Funktionen auf unterschiedlichen evolutiven, anthropogenetischen und ontogenetischen Entwicklungsniveaus zu rekonstruieren sucht. Er hat es bereits in seinem 1973 erschienenen Buch über die Wahrnehmung, Sinnliche Erkenntnis, angewandt. In der Grundlegung nun wird menschliche Subjektivität zum Fluchtpunkt dieser »funktional-genetischen« Betrachtungsweise, und als ihr zentrales Merkmal gilt das in seiner besonderen gesellschaftlichen Natur begründete Handlungsvermögen des Menschen. Genauer: im Schnittpunkt aller begrifflichen Konstruktionslinien liegt die Fähigkeit menschlicher Individuen, selbstbestimmt und mit anderen gemeinsam zu handeln und sich dabei in diesem Handeln als gesellschaftliche Wesen zu realisieren. Dieses anthropologische Vermögen erlaubt es ihnen nicht nur – zumindest im Prinzip –, sich ihrer Lebensumstände selbstbestimmt zu vergewissern, sondern im Verlauf ihrer Evolutions- und Kulturgeschichte ihren eigenbestimmten Handlungsbereich auszuweiten, und zwar, wie wir vielleicht im heutigen Sprachgebrauch hinzufügen können, auf nachhaltige Weise. Es geht, wie gesagt, um ein Prinzip, dem in der Realität eine Vielzahl von Komplikationen, Anwandlungen, Behinderungen und Unterdrückungen entgegen stehen. Mit ihnen ist jedes Individuum über sein gesamtes Leben hinweg konfrontiert und erst in dieser Konfrontation beweist sich seine Handlungsfähigkeit als konkrete Lebenspraxis. Man könnte sagen, es ist gerade dieses dialektische Wechselspiel von Restriktion und Erweiterung der Handlungsfähigkeit, in dem sich gleichsam das psychologische Realitätsprinzip durchsetzt.

In dieser Auszeichnung der Handlungsfähigkeit als anthropologischem Kennzeichen menschlicher Subjektivität berühren sich Holzkamps Vorstellungen mit denen Bruners, um nur dieses Beispiel aufzugreifen. Was Bruner (1986; 1990 a) interessiert, ist die agentive dimension menschlicher Subjektivität. Wollte man das Bedeutungssegment, in dem sich Bruners kulturpsychologische Begriffe agency und intentionality überscheiden, ins Deutsche übersetzen, wäre Handlungsfähigkeit wohl der angemessene Ausdruck. Bruner betont den aktiven, eingreifend-verändernden und sozialen Aspekt menschlicher Subjekthaftigkeit in einer Weise, die Holzkamps Überlegungen durchaus vergleichbar ist, auch wenn Bruner (1990 b) vor dem Hintergrund des philosophischen Pragmatismus und des sozialen Konstruktivismus argumentiert, während Holzkamp sich anthropologisch auf Marx und erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch auf eine Lesart von Kant beruft.

Wo Holzkamp im Sinne der Marxschen Feuerbachthesen die gesellschaftliche Natur des Menschen betont, spricht Bruner von dessen kultureller Natur. In Abgrenzung von Auffassungen, die das Individuum als von Reizen, Trieben, Informationen, gesellschaftlichen Determinationszusammenhängen, genetischen Dispositionen oder neurologischen Prozessen bestimmt sehen, begreift Bruner das Handeln und psychische Erleben des Individuums als etwas, das durch Intentionen, Emotionen, Überzeugungen, Glaubensvorstellungen und sozialen Interaktionen motiviert ist, sei es bewusst oder unbewusst. Mit all dem sind Praktiken, Prozesse und Strukturen angesprochen, die weit über ein einzelnes Individuum und sein Gehirn hinausreichen und seine »subjektiven Handlungsgründe«, um wieder mit Holzkamp zu sprechen, in Ordnungen der Kultur, der Gesellschaft und der Geschichte einbinden.

Doch wie sehen diese Einbindungen aus? Auch hier lassen sich interessante Gemeinsamkeiten erkennen. Während Holzkamp die mit der Gesellschaftlichkeit des Individuums entstehenden kulturellen Symbol- und Zeichensysteme als besondere menschliche Formen gesellschaftlicher Kultur hervorhebt, kommt in der Perspektive Bruners insbesondere der Sprache, und speziell der Erzählung und dem Erzählen, besondere Aufmerksamkeit zu. Sprache, Diskurs und Narration sind Praktiken und Lebensformen – Bruner begreift sich hier in der Tradition Wittgensteins –, die wesentlichen Anteil daran haben, dass und wie ein Individuum in eine Kultur und wie Kultur in das Bewusstsein des Individuums eingebunden wird.

Doch was heißt es nun, dass die Grundlegung die neue Psychologie, wie bereits angesprochen, als eine Wissenschaft vom Standpunkt des Subjekts begreift? Wer oder was ist das Subjekt? Es stellt sich unterschiedlich dar, je nach dem, in welchem natur-, kultur- oder individualgeschichtlichen Kontext und auf welchem Niveau der jeweiligen Entwicklung die Frage gestellt wird. Bezogen auf konkrete gesellschaftliche Individuen ist die Antwort eindeutig: die Subjekte, das sind die »Betroffenen«, die, um die es dieser Psychologie geht. Aber diese Betroffenen erscheinen zugleich als Akteure, als denkende und handelnde Protagonisten, die es als solche in ihren sozialen und individuellen Handlungs- und Lebenskontexten zu verstehen gilt. Es sind diejenigen, ‚über’ die in traditionellen Untersuchungen geforscht und theoretisiert wird. Nun allerdings vollzieht sich eine Umkehrung: vom Standpunkt des psychologischen oder sozialwissenschaftlichen Forschers, vom Standpunkt der akademischen Psychologie und ihrem institutionalisierten Wissenschaftsapparat, vom Standpunkt der Kontrolle, der Bewertung, Kodierung und Evaluierung zum Standpunkt der betroffenen und agierenden Individuen. Es ist ihre Perspektive, die sich die Subjektwissenschaft zu eigen machen will.

Dies ist ein weiterer Zug, den dieses Projekt mit einer Reihe von Bestrebungen in den anderen alternativen Psychologien teilt, ja in dem sie vielen Entwicklungen – nicht zuletzt in dem expandierenden Bereich der so genannten qualitativen Methoden – vorangegangen ist. Holzkamp beschreibt den Standpunkt des individuellen Subjekts als den nicht hintergehbaren Ausgangspunkt aller psychologischen Forschungspraxis: „’Bewusstsein’ steht immer in der ‚ersten Person’« (1983, 237). Das entspricht dem, was im Rahmen der interpretativen Wende in den Sozialwissenschaften und der Philosophie der letzten Jahrzehnte auch der Standpunkt der Ersten Person genannt wird. Für Bruner definiert der Standpunkt der Ersten Person die Perspektive, aus der sich ein Individuum die Welt und das eigene Selbst erschließt, und zwar als Subjekt. Dieses Erschließen vollzieht sich in Form ständiger Interpretation, als ein Prozess des Erkennens und Verstehens, der selbst wiederum nur in Formen interpretativen Verstehens nachvollzogen werden kann. Gerade mit diesem hermeneutisch-interpretativen Verständnis des psychologischen Erkenntnisprozesses, in dem das Verhandeln, Aushandeln und Deuten von Bedeutungen eine entscheidende Rolle spielen, setzen sich Forscher wie Bruner radikal von dem Wissenschaftsmodell des traditionellen psychologischen Betriebes ab. In dessen theoretischem und methodologischem Zentrum steht – evidence based – ein unverändert positivistisch verstandener Begriff von Kausalität.

Wissenschaft, aber eine andere

Hier nun zeichnet sich allerdings ein Unterschied zwischen dem interpretativ-hermeneutischen Grundzug der meisten neueren alternativen Psychologien und der Kritischen Psychologie der Grundlegung ab, zumindest, wenn man sich an den wissenschaftstheoretischen Sprachgebrauch des Buches hält. Auch in dieser Hinsicht hat die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, ihre Spuren hinterlassen. In diesem Fall die Spuren einer Wissenschaftsrhetorik, die zwischen der Skylla einer vermeintlicherweise zu überbietenden Wissenschaftlichkeit akademischer Psychologie und der Charybdis des Wissenschafts- und Systemanspruchs eines Marxismus, wie er in den 1970er Jahren verstanden wurde, einen Spagat versucht. In jenen Jahren vertritt Holzkamp die Auffassung, dass das Dilemma der traditionellen Psychologie nicht in, wie er es formuliert, zu viel, sondern in zu wenig Wissenschaftlichkeit besteht. Was er meint, ist jedoch nicht mehr oder weniger Wissenschaft, sondern eine andere Wissenschaft, eine andere Art des Begreifens der Welt. Was ihn umtreibt, ist die Idee eines der menschlichen Existenz angemesseneren Typs des Verstehens von Menschen, ihrer Lebensformen, Erfahrungen und Beweggründe. Eines Verstehens, das, wie er es nennt, eine emanzipative Perspektive nicht ausschließt, sondern sie im Gegenteil erst ermöglicht.

Über den Status dieser anderen Wissenschaft vom Subjektstandpunkt (oder dem Standpunkt der Ersten Person) scheint er sich jedoch nicht anders als in den Begriffen des vorgegebenen Wissenschaftsdiskurses mitteilen zu können oder zu wollen. Er ist davon überzeugt, dass diese neue Wissenschaft nur als ein objektives und in sich abgeschlossenes begriffliches System existieren kann – gewissermaßen aus einem Guss. Das kann durchaus irritieren. Für jemanden der sich als historisch denkender Wissenschaftler sah, sogar als historischer Materialist, der zudem das Psychische als etwas darzulegen suchte, das sich in einer langen historischen Entwicklung herausbildet hat, der zudem viele Jahre seines Lebens mit der Veränderung vorgegebener und Erarbeitung neuer Begriffe beschäftigt war, ja der die Gesellschaft verändern wollte, müsste diese Vorstellung eigentlich abwegig sein. Als ob ausgerechnet für einen so durch und durch historischen, sich ständig verändernden Gegenstand, wie es die menschliche Psyche ist, und eine so stetem Wandel unterworfene Disziplin wie die Psychologie so etwas wie die logische Grundlegung – die »Ableitung« – eines geschlossenen Kategoriensystems möglich wäre.

Die interpretativ-hermeneutische Wende in den Sozialwissenschaften hat sich nicht zuletzt von solchen fundamentalistischen Vorstellungen abgesetzt. Zudem hat es die beißende Kritik von Humanwissenschaftlern wie Jacques Derrida, Richard Rorty und Clifford Geertz schwer gemacht, Vorstellungen von abgeschlossenen gedanklichen Systemen und objektiven kategorialen Ordnungen des – westlichen – Wissens zu universalisieren. Und kategoriale Systementwürfe wie der, den die Grundlegung evoziert, treten fast immer mit universalem Gültigkeitsanspruch auf – nicht nur in der Psychologie, aber hier ausschließlich.

Von diesen Diskursen ist die Grundlegung nicht, noch nicht beeinflusst. Sie entstand kurz bevor es schwierig wurde, sich mit menschlicher Subjektivität zu befassen ohne von diesen Fragen nicht berührt zu werden. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass Holzkamp, konfrontiert mit den hier aufgeworfenen Argumenten und Überlegungen, sein ganzes Wissenschaftsverständnis, ja seine ganze Idee »einer« »Grundlegung« »der« Psychologie vielleicht weiterentwickelt hätte. Schließlich wäre es für ihn nicht das erste Mal gewesen, dass er seine eigenen Überzeugungen radikal geändert hätte. Er liebte das Bild vom gegen den Strom Schwimmen, und gelegentlich wandte er es auf den Strom seiner eigenen »begrifflichen Ableitungen« an. In seinen letzten Lebensjahren überraschte er uns alle mit Überlegungen für ein neues umfangreiches Forschungsvorhaben, das sich auf die Art und Weise richten sollte, in der Menschen ihr Leben leben und verstehen; er sprach von »Lebensführung«. Dieses Unterfangen schien in einem so anderen Geist konzipiert als dem, aus dem heraus die Grundlegung geschrieben war.

Vielleicht lässt sich auch auf den Autor der Grundlegung das auf Freud gemünzte Diktum Habermas’ anwenden, dass es sich beim Selbstverständnis des Begründers der Psychoanalyse als eines Wissenschaftlers in der Tradition von Physiologie, Physik und Chemie um ein szientistisches Selbstmissverständnis gehandelt hat. Es mag erklärbar sein aus Freuds Lebensumständen, insbesondere dem sozialen Anpassungsdruck im antisemitischen Wien und dem herrschenden Wissenschaftsdiskurs. Strukturell vergleichbare Beweggründe ließen sich gewiss auch bei Holzkamp ausmachen. Doch allemal verstellt ein solches Selbstmissverständnis in beiden Fällen den Blick auf die jeweilige Radikalität, mit der hier jeweils ein neuer verstehender und einfühlender Zugang zum Menschen entwickelt worden ist.

Bedeutung

Das zweite große Thema, das die Grundlegung mit den neueren alternativen Psychologien teilt, ist das der Bedeutung. Bedeutung, ganz allgemein gesagt, steht für das, was vom Subjektstandpunkt von Belang ist – die Welt und das Selbst, insofern sie in der Perspektive der Ersten Person handlungs- und lebensrelevant sind. Holzkamp stellt die Frage der Bedeutung in den Mittelpunkt seines Neuentwurfs und verbindet sie mit der nach Subjektivität. Dies ist in mehrfacher Hinsicht ein außergewöhnliches Unterfangen.

Zunächst einmal ist bemerkenswert, dass Bedeutung, dieser hermeneutische Grundbegriff menschlicher Selbst- und Weltvergegenwärtigung, der so weitgehend aus der Mainstream-Psychologie eskamotiert wurde, hier als eine zentrale Kategorie der Psychologie rehabilitiert erscheint. Freilich sollte der Blick auf die jüngere Geschichte der institutionalisierten Psychologie nicht vergessen machen, dass die Auseinandersetzung mit Bedeutung und, technisch gesprochen, mit semantischen Fragen eine lange Tradition in Philosophie, Sprachwissenschaft und auch der Psychologie selbst besitzt. Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung. In vielen einflussreichen Theorien des 20. Jahrhunderts sind Bedeutung und Bedeutungskonstruktionen nur insoweit ein Gegenstand, als sie nicht als kulturelle, gesellschaftliche und historische Phänomene aufscheinen. So etwa in den Traditionen der analytischen Philosophie, der strukturalistischen Sprachtheorien de Saussures und Chomskys, sowie behavioristischer, kognitivistischer, psycholinguistischer und neurowissenschaftlicher Psychologien und Philosophien. Trotz ihrer Unterschiede kommen insbesondere alle in diesem Spektrum erarbeiteten psychologischen Bedeutungskonzeptionen in einem Punkt überein: Sie lokalisieren Bedeutungen und ihre Konstruktionen im Kopf eines Individuums – entweder in einer mentalen Sphäre von Assoziationen, Repräsentationen, Vorstellungen, Begriffen oder gedanklichen Strukturen, oder innerhalb einer Black Box, eines genetisch vorbestimmten Sprachorgans, eines komputationalen (oder modularen) Systems der Informationsverarbeitung oder bestimmter Gehirnregionen und neuronaler Netzwerke. Um eine lange Geschichte abzukürzen: wo immer es hier um Bedeutungen geht, geht es nicht um Kultur und Geschichte.

Eine etwas ausführlichere Fassung dieser zugegebenermaßen sehr kurz geratenen Darstellung bietet Jerome Bruner in seinem Buch Acts of Meaning (1990 a). Er betont, wie im Verlauf der kognitiven Revolution in der Psychologie, in der Bruner selbst zunächst eine führende Rolle spielte, der Begriff der Information den der Bedeutung verdrängt hat. Damit begann der Aufstieg der Kognitionswissenschaft und mit ihr eine Sicht des Bewusstseins als einer informationsverarbeitenden Maschine. Diese Sicht ist mittlerweile selbst wiederum von neurowissenschaftlichen Modellen verdrängt worden, die das Bewusstsein als eine Art Sekundäreffekt neuronaler Gehirnaktivitäten betrachten. Was Bruner dem gegenüberstellt, kommt auch hier dem erstaunlich nahe, was Holzkamp im Sinn hatte: die Verteidigung der Bedeutung als des Zentralbegriffs der Psychologie, genauer, als Kategorie einer Psychologie vom Subjektstandpunkt und aus der Perspektive der Ersten Person, also einer Psychologie, die davon ausgeht, dass das menschliche Sein in der Welt ein immer schon soziales und kulturelles Sein ist.

Gerade in dieser Hinsicht beweist Holzkamps Entwurf, ungeachtet seiner historischen Einfärbung, eine erstaunliche Modernität. Er bietet eine gleichermaßen evolutionsgeschichtliche wie kulturpsychologische Perspektive an, und er begründet sie mit starken Argumenten. Einmal davon abgesehen, dass es überhaupt nur wenige Konzeptionen des Psychischen gibt, die ein vergleichbar ausdifferenziertes, sowohl natur- wie kulturtheoretisch fundiertes Bedeutungskonzept entwerfen. Ich denke hier insbesondere an Holzkamps Bestreben, Bedeutungsbeziehungen – das sind, um es wieder ganz allgemein zu sagen, die grundlegenden Beziehungen zwischen dem Individuum und seiner Welt – gleichermaßen auf einer natürlich-biologischen, einer gesellschaftlich-kulturellen und einer individualgeschichtlich-ontogenetischen Ebene neu zu verorten. Dabei geht es ihm darum, Bedeutung in allen Bereichen der Psychologie als zentrale Organisationsform des Psychischen auszuweisen.

Und ein Weiteres kommt hinzu, das die Besonderheit dieses Unternehmens unterstreicht. Es ist das Bemühen, auf all diesen verschiedenen Ebenen den Begriff der Bedeutung mit dem der Handlungsfähigkeit zu verbinden, mit dem Ziel einer sozusagen subjektivitätstheoretischen Bedeutungstheorie. Es ist diese Verbindung, die in der Grundlegung auf mehreren hundert Seiten ausgeführt wird.

Wie bereits bemerkt, knüpft Holzkamp einerseits an Leontjews funktional-genetische Bestimmung des Psychischen an. Andererseits bezieht er sich auf die wahrnehmungs- und gestaltpsychologische Tradition Koffkas, Lewins und Gibsons. In seiner Auseinandersetzung mit dieser Tradition wendet er sich gegen das, was er als die Begrenztheit eines rein organismischen Zugangs zum menschlichen Bedeutungshandeln bezeichnet. Stattdessen stellt er die Formen und Praktiken der spezifisch menschlichen Existenzweise in den Vordergrund. Sie sind zu unterscheiden von denen anderer Spezies und ihren jeweils artgemäßen Bedeutungsumwelten. Das Spezifische der menschlichen Lebensformen ist ihre gesellschaftliche Organisation; in ihr spielen Sprache und andere Symbol- und Zeichensysteme eine herausragende Rolle. Sie tragen wesentlich zu dem bei, was Holzkamp die »gesamtgesellschaftliche Synthese« der menschlichen Daseinsweise nennt. Damit ist gesagt, dass, wann immer wir über ein menschliches Individuum reden, so einzeln und isoliert es auch anmuten mag, wir immer auch über diese gesamtgesellschaftliche Synthese reden.

Das schließt nicht aus, dass diese Formen biologische Grundlagen und eine evolutionäre Vorgeschichte haben, die auch auf menschlich-gesellschaftlichem Niveau weiterhin wirksam sind. Gerade hier gewinnt das Bedeutungskonzept eine wichtige Vermittlungsrolle – es lokalisiert das Subjekt im Schnittfeld von Natur und Gesellschaft, Biologie und Kultur. In vielen Einzelschritten vollzieht Holzkamps phylo- und soziogenetische Rekonstruktion nach, wie sich Bedeutung als der »psychische Aspekt« der Organismus-Umwelt-Beziehung entfaltet. Etwas weiter im anthropogenetischen Entwicklungsgeschehen – das Tier-Mensch-Übergangsfeld ist mittlerweile durchquert und die Darstellung wird auf die Mensch-Welt-Beziehung eng geführt – wird Bedeutung dann zum Grundbegriff jeder Analyse, die die Einzelheiten dieser Beziehung nachzuvollziehen sucht.

Anders gesagt, um die Formen zu begreifen, in der gesellschaftliche Individuen ihr Leben organisieren und zu verstehen suchen, gilt es, ihre vielfältigen Bedeutungskonstruktionen zu studieren. Diese Vielfalt entsteht überhaupt erst mit der Anthropogenese, und Holzkamp verwendet große Sorgfalt darauf, die Umstände dieser Entstehung genauer zu beleuchten. Während auf vormenschlichem Niveau Bedeutungen als quasi kausale Handlungsdeterminanten wirksam sind, die als integraler Teil einer artspezifischen Umwelt fungieren (wie in der Beziehung einer bestimmten Tierart und ihrer Beute/Nahrung), löst sich diese Kausalität auf menschlich-gesellschaftlichem Niveau auf. Für Menschen sind Bedeutungsbeziehungen nicht mehr zwingende Determinanten, sondern Möglichkeitsbeziehungen. Sie sind Handlungsmöglichkeiten, nicht Handlungsnotwendigkeiten. Bedeutungen machen Angebote, und was sie anbieten sind gesellschaftliche Handlungsoptionen.

Damit sind wir im 6. Kapitel der Grundlegung. Nach einer langen Vorgeschichte sind wir nun beim Menschen in seiner menschlich-gesellschaftlichen Besonderheit angekommen. Wenn das Leben, schreibt Holzkamp (1983, S. 236), erst einmal im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Synthese organisiert ist und die »Existenzsicherung nicht mehr unmittelbar von der Bedeutungsumsetzung abhängt«, ist das Individuum »durch die jeweils konkreten vorliegenden Bedeutungsbezüge in seinen Handlungen keineswegs (mehr) festgelegt«; es ist »in diesem Sinne den Bedeutungen als bloßen Handlungsmöglichkeiten gegenüber ‚frei’«. Aus diesem Befund ergibt sich eine nicht nur bedeutungstheoretisch wichtige Schlussfolgerung. Auch wenn Menschen unterdrückt und in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, wenn sie aufgrund ihrer Klasse, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihres Geschlechts ausgebeutet oder in ihrer Entwicklung behindert werden, so wird dadurch der Möglichkeitscharakter der Bedeutungen und die den Menschen prinzipiell zukommende Freiheit nicht aufgehoben. Das heißt, »dass das Individuum auch unter noch so eingeschränkten Bedingungen immer noch Handlungsalternativen hat«; negativ formuliert: »eine totale Ausgeliefertheit an die Umstände ist gleichbedeutend mit dem Ende der menschlichen Existenz« (ibid.).

Das Konzept der Bedeutung als Handlungsmöglichkeit ist der archimedische Punkt für Holzkamps Begriffe der Psyche und des Bewusstseins. Es erlaubt ihm eine psychologische und anthropologische Auszeichnung der menschlichen Freiheit, die – auch wenn er auf eine Diskussion der politischen und philosophischen Implikationen überraschenderweise verzichtet – wesentlich zu dem spezifischen Gewicht seines Buches beiträgt.

Das Mensch-Welt-Verhältnis als eine in vielerlei Hinsicht offene Möglichkeitsbeziehung zu sehen, reflektiert drei allgemeine Kennzeichen von Holzkamps psychologischer Bedeutungstheorie. Erstens sind die Bedeutungen, um die es hier geht, relational; sie sind weder Dinge, noch sind sie in den Dingen oder in Köpfen oder Gehirnen, oder in Wörterbüchern oder kognitiven Semantiken. Sie sind vielmehr der psychische Aspekt unseres Verhältnisses zur Welt, die psychologische Dimension unseres Seins in der Welt. Zweitens sind Bedeutungen soziale und geschichtliche Konstruktionen. Sie sind kulturelle Praktiken, die nicht unabhängig vom gesellschaftlichen Leben und seine Zeichensystemen und Symbolismen existieren. Kultur stellt sich so gesehen als eine komplexe »gesamtgesellschaftliche Synthese« von Bedeutungskonstruktionen dar. Drittens sind Bedeutungen keine kausalen Auslöser, Reize oder Verhaltensdeterminanten, weder in physikalischer, biologischer, sozialer noch mentaler Hinsicht. Sie eröffnen vielmehr ein Spektrum von Optionen und Perspektiven: einen Horizont von Handlungs- und Denkmöglichkeiten. Das schließt ein, dass wir uns von Bedeutungen distanzieren können, wir können zurücktreten und über sie nachdenken, ihren Stellenwert abwägen, sie bewerten. Kurz, wir können uns bewusst zu ihnen verhalten. Für Holzkamp gründet in dieser Distanz die Möglichkeit jeder reflektierenden oder gnostischen Welt- und Selbstbeziehung.

Man könnte die menschliche Existenz als eine Entfaltung dieser gnostischen Beziehung ansehen. Erst durch sie entstehen unsere ins Unendliche ausufernden selbst gestrickten Bedeutungsgewebe, erst mit ihr wird menschliche Geschichte als Kulturgeschichte im engeren Sinne möglich. Einen Aspekt dieser grundlegenden Möglichkeitsbeziehung habe ich gerade schon hervorgehoben. Indem wir in einer Welt kultureller Bedeutungen leben, haben wir keine andere Wahl: Wir müssen uns entscheiden. Wir sind ständig genötigt, unter mehreren Möglichkeiten zu wählen; wir müssen uns entschließen, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten wollen. Das gilt im Alltagsgeschehen wie für die letzten, existenziellen Fragen unseres Daseins. Welchen Sinn und welche Bedeutung wir unserem Leben zumessen und in welchem größeren Zusammenhang wir uns eingefügt sehen, hängt zwar von kulturellen Traditionen ab, die wir uns in der Regel nicht aussuchen können. Aber die Antwort ist letztlich immer individuell, und sie ist immer wieder aufs Neue zu geben.

Die Dimension der Möglichkeitsbeziehung des Menschen zur Welt wie zu sich selbst ist in vielen denkgeschichtlichen Zusammenhängen entfaltet worden. Insbesondere in neueren westlichen Traditionen ist sie als Frage nach der Identität und ihren individuellen und kulturellen Konstruktionen (beziehungsweise ihrer Konstruierbarkeit) ein viel diskutierter Gegenstand. Die Antworten, die auf diese Frage gegeben worden sind, umfassen die ganze Spannweite der Moderne: vom Existenzialismus, Marxismus und Pragmatismus zur Psychoanalyse, dem Poststrukturalismus und verschiedenen Kulturphilosophien. Für Jean Paul Sartre, um einen der bekanntesten neuere Theoretiker der Freiheit zu erwähnen, ist das menschliche Sein durch die Geworfenheit in eine Welt des Möglichen ausgezeichnet, eine Vorstellung, mit der Holzkamps Gedanke der Möglichkeitsbeziehung des Individuums zur Welt durchaus vergleichbar ist. Für den Existenzialisten Sartre verdichtet sich die Conditio humana in dem Akt einer radikalen Wahl, einer Entscheidung. Mit ihr sieht sich jedes Individuum auf besondere Weise konfrontiert. Diese Entscheidung ist nicht nur philosophisch, sondern auch politisch und ethisch unausweichlich; sie berührt die Gesamtheit menschlicher Lebensformen. Wir können uns diesem existenziell zwingenden Akt der Freiheit und der Verantwortung, die uns damit zukommt, nicht entziehen, auch wenn wir davon oft überwältigt zu werden drohen. Für Sartre wird dieser Akt zum Angelpunkt seiner Analyse der menschlichen Existenz. Und wie Holzkamp sah der französische Philosoph sein eigenes Handeln als konsequente Entfaltung seiner Theorie, was auch ihn zum verstärkten gesellschaftlichen Engagement und einer politischen Radikalisierung im Gefolge der Pariser 68er-Bewegung führte.

Antizipation und Sorge

Zumindest wenn man die Dinge von einem hermeneutischen Standpunkt aus betrachtet, gibt es keinen Zweifel, dass wir die Welt, in der wir leben, kontinuierlich interpretieren. Wir fragen uns und andere, was Erfahrungen bedeuten und worin ihr Sinn besteht, und das bezieht sich auch auf uns selbst und unsere eigenen Interpretationen, Bedeutungskonstruktionen und auf die Frage, in welchen Geschichten wir eine Rolle spielen. Wir wägen Alternativen ab, verhandeln mit anderen und mit uns selbst darüber, was wir tun und lassen sollen, wir korrigieren Meinungen und Überzeugungen und passen im Sinne Dubys unsere Erinnerungen an die sich verändernde Gegenwart an. Menschen, so argumentiert Charles Taylor (1985), sind sich selbst interpretierende Lebewesen. Für Taylor ist die Fähigkeit, die Interpretationen und Bewertungen unserer selbst und anderer selbst wieder zu interpretieren und zu bewerten (Entwicklungspsychologen würde von einer Theory of mind zweiten Grades sprechen), ein wesentliches Merkmal menschlichen Handelns und Denkens. Hierin sieht er geradezu das Besondere ihres Handlungsvermögens. Taylor spricht von agency, wofür Holzkamps Begriff der Handlungsfähigkeit, wie ich glaube, auch hier eine angemessene deutsche Übersetzung anbietet. Zumal es Taylor, der dies übrigens zur gleichen Zeit wie Holzkamp schreibt, um eben jenen Gedanken der gnostischen Distanz gegenüber der Unmittelbarkeit geht, der in der Grundlegung aus der Vorstellung von Bedeutungen als Möglichkeitsbeziehungen entwickelt wird.

Sich von der Unmittelbarkeit zu distanzieren, bedeutet nicht nur vom Hier, sondern auch vom Jetzt Abstand zu gewinnen. So weitet sich die Zeitspanne, in der wir leben; es entstehen Retention und Protention. Aber nicht nur das, Reflexionsdistanz ermöglicht und verlangt kontinuierliche Selbstlokalisierung auch jenseits der unmittelbaren Gegenwart; sie erlaubt und erfordert bewusstes Leben in der Zeit. Was der autobiografische Prozess für die Konstruktionen der Vergangenheit ist, vollzieht die zeitvorgreifende Antizipation, die Imagination und Projektion in den Konstruktionen der Zukunft. In Holzkamps Rekonstruktion der Anthropogenese ist die Ausweitung des Handlungsterrains in die ungelebte, zukünftige Zeit hinein ein wichtiger Schauplatz des Psychischen. Mit ihr erweitert sich der Horizont menschlicher Handlungsfähigkeit in das bis dahin Unvorstellbare. Das Maß der Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen nimmt zu und damit die Selbstbestimmung und Souveränität des Subjekts. Zugleich verschärft sich aber auch der Konflikt zwischen erweiterter und restringierter Handlungsfähigkeit.

Holzkamp sieht in der in die Zukunft hinein erweiterten Handlungsfähigkeit und der damit einhergehenden größeren Kontrolle und Vorsorge für die Daseinsverfügung das letztlich grundlegende Motiv menschlicher Subjektivität, des menschlichen Seins in der Welt. Wollte man es in Anlehnung an Freud sagen, so ließe sich hier vielleicht von einer besonderen Art von Lebenstrieb sprechen. Doch welche Perspektive wir auch einnehmen, wir sind hier ohne Frage im motivationalen Kernbereich des Buches und, so können wir vermuten, auch des Denkens von Holzkamp selbst. So mag es überraschen, dass ausgerechnet hier die Nähe zu einem der anthropologischen Zentralbegriffe eines Denkers unverkennbar wird, dessen Name und Werk in der Grundlegung nirgendwo ausdrücklich erwähnt werden: Martin Heidegger. Heidegger war in den Nachkriegsjahren – der für den jungen, neugierigen, philosophisch interessierten Wissenschaftler Klaus Holzkamp formativen Zeit – einer der meist diskutieren Philosophen des deutschen Sprachraums. Es wäre interessant, die subkutanen Verbindungen und Affinitäten zwischen dem existenzialphilosophischen Begriff der Sorge – so nennt Heidegger (1984) die Grundstruktur des menschlichen Seins in der Welt (oder wie er auch sagt, des Seins des Daseins, »das je ich selbst bin«) – und dem der Handlungsfähigkeit zu verfolgen. Dreht sich doch auch Holzkamps Konzept um die selbstbestimmte und solidarische Sorge und Vorsorge als einem Handlungsprinzip existenzieller Vergewisserung und gesellschaftlicher Absicherung des menschlichen Daseins. Im Mittelpunkt steht eine Existenzweise, die hier wie bei Heidegger nie die eines isolierten und selbstbezüglichen Subjekts ist, sondern sich immer schon als ein Sein in der Welt vollzieht. Dabei kommt es insbesondere darauf an, das Verständnis dieses Seins, gleich ob philosophisch oder psychologisch, an die unmittelbare Lebenserfahrung des einzelnen Subjekts rückzubinden, das Individuum also aus seiner Welt heraus zu verstehen.

Eine weitere bemerkenswerte Affinität kommt ins Blickfeld, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich zur ungefähr gleichen Zeit wie Holzkamp auch Michel Foucault mit dem Begriff der Sorge beschäftigt, und zwar insbesondere mit le souci de soi, der Sorge um sich. Wie bei Heidegger – und bei Holzkamp – so ist für Foucault (1989) das Praktizieren der Sorge um sich nicht auf individuelle und persönliche Selbstzuwendung beschränkt, sondern betätigt sich in einer Vielzahl sozialer Felder. Letztlich geht es um den Raum der Polis, um die Gesellschaft. Foucault ist interessiert an sozialen Praktiken und Handlungsweisen der Selbstvergewisserung und der Selbstsicherung, und so bezieht sich le souci de soi auch auf das Vermögen zum Handeln, auf Handlungsfähigkeit. Doch auch in dieser Beziehung ist die Foucaultsche Sorge um sich nicht auf das Subjekt zentriert, sondern richtet sich – relational – auf die Bedeutungen der Welt. Im Vordergrund steht dabei der jeweils andere, mit dem das Subjekt in Beziehung tritt, sowie die Ethik dieser Beziehung. Der französische Theoretiker lässt keinen Zweifel daran, dass für ihn auch dies ein eminent politisches Anliegen ist, das in engem Zusammenhang mit seinem Anspruch steht, Herrschaftsstrukturen zu demaskieren und die Verinnerlichung von Machtverhältnissen aufzuzeigen.

Nach Abschluss der Grundlegung beginnt Holzkamp sich intensiv mit Foucault auseinander zu setzen. Er nennt es »meine nachholende Foucaultlektüre«.

Unabgegolten

Trotz dieser skizzierten gedanklichen Verbindungslinien und der Gemeinsamkeiten mit neueren Theorieentwicklungen – und ungeachtet meines Versuchs, das Berliner Psychologische Institut der 1970er und 80er Jahre zumindest hier und da in der Nähe des Fontaneschen Stechlinsees zu sehen – bin ich mir bewusst, dass der Zugang zur Grundlegung schwierig ist und schwierig bleibt. Dies zum einen, weil, wie ich anzudeuten versucht habe, der Zugang zu jener Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, sowie zu der Frage, auf die es eine Antwort zu geben sucht, selbst schwierig ist. Zum anderen ist er aber auch schwierig, weil die konkrete Durchführung von Holzkamps Projekt es heutigen Lesern nicht gerade leicht macht; was nicht heißen soll, dass das Buch es seinen Lesern und Leserinnen vor 25 Jahren leicht gemacht hat. Aber heute steht gewiss einiges mehr zwischen den großen Themen des Buches und seiner möglichen Leserschaft. Dazu gehört jene Version marxistischen Denkens, von der Holzkamp während einiger Jahre seines Lebens, eben jener Jahre, in denen er die Grundlegung fertigstellte, glaubte, dass seine Neubegründung einer Psychologie vom Subjektstandpunkt auf ihr aufbauen würde. Dazu gehört der Anspruch auf ein geschlossenes System, ein kategoriales System der Selbstbegründung, mit all seinen Nebenerscheinungen – dem hermetischen Stil, den oft ungelenken Neologismen, der Disqualifikation von abweichenden theoretischen Ansätzen als »bürgerlich«, die Rhetorik eines szientistischen Objektivismus (mit der entsprechenden Ausklammerung hermeneutisch-interpretativer Sichtweisen), und schließlich der ahistorische Absolutheitsanspruch des Buches, gegründet in dem Vertrauen, dass es eine kategorial ableitbare Logik des Psychischen gibt, eine Logik, die unabhängig von ihren eigenen kulturellen und historischen Bedingungen Gültigkeit besitzt.

All diese Schwierigkeiten sind unbestreitbar. Gleichwohl denke ich, dass die grundlegenden Themen der Grundlegung auch heute noch unabgegolten sind. Ich glaube nicht, dass die Verschränkung der beiden großen Fragen der Subjektivität und der Bedeutung, wie sie hier ausgeführt wird, angejährt ist, noch dass sie von anderen theoretischen Entwicklungen eingeholt oder gar überholt ist. So hat dieses Buch alles, was es braucht, um im Angesicht des offiziellen Vergessens ein Geheimtipp zu werden und vermutlich für lange Zeit zu bleiben. Sperrig, subversiv, aus der Zeit gefallen, schwebt es in einer Art luftleerem Raum, aus dem es hier und da aufblitzt.

Literatur

Bruner, Jerome S. (1986): Actual minds, possible worlds. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Bruner, Jerome S. (1990 a): Acts of meaning. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Bruner, Jerome S. (1990 b): Das unbekannte Denken. Stuttgart: Klett-Cotta (Engl. Orig. 1983).

Danziger, Kurt (1990): Constructing the subject: Historical origins of psychological research. Cambridge: Cambridge University Press.

Duby, Georges (1988): Der Sonntag von Bouvines – 27. Juli 1214. Berlin: Wagenbach (Franz. Orig. 1973).

Foucault, Michel (1989): Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit 3. Frankfurt am Main (Franz. Orig. 1984).

Heidgger, Martin (1984): Sein und Zeit. 15. Aufl. Tübingen: Niemeyer.

Holzkamp, Klaus (1972): Kritische Psychologie. Vorbereitende Arbeiten. Frankfurt am Main: Fischer.

Holzkamp, Klaus (1973): Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung. Frankfurt am Main: Athenäum.

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt am Main: Campus.

Leontjew, Alexej N. (1973): Probleme der Entwicklung des Psychischen. Frankfurt am Main: Athenäum (Russ. Orig. 1959).

Taylor, Charles (1985): What is human agency? In Human agency and language: Philosophical papers I (pp. 15-44). Cambridge: Cambridge University Press.

Autorenhinweis

Jens Brockmeier

Jens Brockmeier ist Visiting Professor im Department of Psychology der University of Manitoba, Senior Research Fellow am Centre for Narrative Research der School of Social Science, Media and Cultural Studies, University of East London, und Honorarprofessor an der Universität Innsbruck. Seine Forschungsinteressen richten sich auf die Wechselbeziehungen zwischen Bewusstsein, Sprache und Kultur, sowie auf Fragen der Kulturpsychologie.

Prof. Dr. Jens Brockmeier Department of Psychology University of Manitoba Winnipeg, MA R3T 2N2, Canada

E-Mail: brockmej@newschool.edu