Editorial

Peter Mattes & Martin Dege

Polyamory. Poly… -was? Das, worum es in dieser Ausgabe des Journal für Psychologie geht, ist wenig in den allgemeinen, noch weniger in den wissenschaftlichen Sprachgebrauch eingegangen: eine Lebensform, in der mehrere Menschen sich gegenseitig attrahieren, begehren, lieben, sich zusammenfinden und über mehr oder weniger lange Zeit zusammen bleiben - jenseits sequentiell temporärer oder lebenslanger Zweierbeziehungen. Nicht wenig praktiziert und bemerkt vor allem in urbanen Milieus Europas und Nordamerikas, seit den 1990er Jahren im amerikanisch-englischen Sprachraum mit dieser Wortneuschöpfung belegt, für die sich ein der deutschen Sprache entlehnter Signifikant nicht finden will. Schon ein Hinweis auf diskursive und soziale Marginalisierung einer Praxis, die allenfalls hämisch oder ironisch als ›gab es wohl schon immer auch‹ kommentiert wird? Ja freilich, könnte eine Antwort sein, als eine den herrschenden Diskursmächten nicht würdig erscheinende Nebenerscheinung oder verborgen unter den heteronormativen Postulaten der abendländisch-christlichen Kulturen, meist scharf negativ sanktioniert und exkludiert.

Das spiegelt sich bis heute wider: Mögen sich auch fast alle der in den empirischen Studien dieser JfP-Ausgabe Interviewten, die diese Lebensform praktizieren, freudig und zufrieden in ihren jeweiligen Szenen offenbaren, nach außen, d.h. ins bürgerliche Milieu, zum Beispiel gegenüber Eltern und in der Arbeitswelt, halten sie sich häufig eher bedeckt, wird diese Praxis wenig zur Sprache gebracht. Schon im allgemeinen täglichen Sprachgebrauch wie selbstverständlich als ›Untreue‹, ›Fremdgehen‹, ›Betrügen‹ abgewertet, scheint es in institutionalisierten psychologischen, medizinischen und biopolitischen Diskursen als ›Bindungslosigkeit‹, ›Promiskuität‹ etc. auf und ist in die Bereiche der Sozial- und Sexualpathologie hinein klinifiziert.

Im Duden , der offiziösen Sprachschatzregelung des Deutschen, wo die Aufnahme eines Wortes von dessen Gebrauchshäufigkeit und -dauer abhängt, findet sich kein Eintrag unter ›Polyamory‹ oder ›Polyamorie‹ , ebenso wenig in der Brockhaus Enzyklopädie oder der Encyclopaedia Britannica; das in unseren PCs (Apple 2014) installierte Wörterbuch findet und definiert nur den englischsprachigen Ausdruck: ›the philosophy or state of being in love or romantically involved with more than one person at the same time‹; wenigstens die Oxford Dictionaries sowie das Merriam-Webster Dictionary kennen Wort und Begriff in ihren aktuellen Web-Ausgaben.[*] Wikipedia zeigt eine andere Variante des Nicht-Normalen: ein bemüht-beflissener, überlanger Beitrag - vielleicht Anzeichen eines Legitimierungszwanges?

Von der Klinik und der biopolitischen sowie medialen Diskursivierung wird in einigen Beiträgen dieser Ausgabe die Rede sein.

Wir unterstellen bei unseren LeserInnen mindestens Neugier, möchten mit dieser Ausgabe des Journal für Psychologie Untersuchungen und Reflexionen zu dieser Lebensform in die Fachöffentlichkeit einbringen, zu deren offenen, nicht richtenden Betrachten und Bedenken beitragen. Wir sehen in polyamorer Praxis nicht nur einen erweiterten Möglichkeitsraum des Begehrens und der Gesellung, sondern auch die Chance der Dekonstruktion unterwerfender Normierungspraxen und ihrer Dispositive. Wir, die Ausgabenherausgeber und -intiatoren haben uns gefreut, dass auf unseren Call for Papers zügig viele Beiträge darstellender und analysierender Art eingegangen sind.

Hier liegen sie nun vor:

Einleitend schildert die empirische Studie von Martha Mazanek: ›Polyamory – Gel(i)ebte Mehrfachbeziehungen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive‹ , wie Menschen unterschiedlichen Alters und Milieus diese ihre Lebensform erleben und einschätzen. Die Studie ist entstanden aus einer von mehreren uns angebotenen Studienabschlussarbeiten zum Thema, insofern auch ein Beleg für das Interesse, das diese Praxis bei Studierenden – solchen, die in ihr Studium und seine repressiv standardisierten Rituale noch lebensweltliche Anliegen einzubringen in der Lage sind – erwecken kann.

Katrin Tiidenbergs Beitrag There is no limit to your love - scripting the polyamorous self basiert auf 2 Jahren ethnographischer Feldforschung. Die Autorin untersucht dabei neben Interviews vor allem auch die Kommunikation auf Internet blogs mit der Frage, wie die soziotechnischen Notwendigkeiten einer solchen Community beeinflussen. Tiidenberg zeigt auf, wie innerhalb von Blogs die Möglichkeit besteht gesellschaftliche Normen- und Wertvorstellungen zu Sexualität und sexueller Identität zu transformieren.

Marianne Pieper und Robin Bauer analysieren in ihrem Beitrag ›Polyamorie: Mono-Normativität – Dissidente Mikropolitik – Begehren als transformative Kraft?‹, wie die dyadische Zweierbeziehung historisch und kulturell als Norm und Normalität diskursiviert wurde und welche Implikationen Mehrfachbeziehungen ins soziale und diskursive Abseits lokalisierten. Insbesondere halten sie die Annahme eines ›Mangels‹ , der in die dort herrschenden Vorstellungen eingeschrieben ist, für problematisch. Sie zeigen an Materialien empirischer Studien, dass dies für die untersuchten polyamoren Praxen keineswegs angenommen werden muss und welche Möglichkeiten sich daraus erschließen. Nach Deleuze & Guattari beleuchtet dies die produktive Potenz von Affekt und Agencement.

In ähnliche Richtung argumentiert der Beitrag von Gesa Mayer: ›poly werden. Oder: Warum es dem Begehren an nichts mangelt‹ . Auch sie arbeitet das Potenzial polyamoren Begehrens heraus. Sie möchte mit ihrer theoretischen Analyse sowie vor allem mit mannigfachen Äusserungen der von ihr Interviewten die mono-normative Mangellogik durchkreuzen und aushebeln. Dabei werden mikrosoziale Praktiken, produktive Affektionen und Werdensprozesse aufgezeigt. Ebenso zeigt sich aber, dass auch polyamore Konnexionen des Begehrens sich nicht jenseits von »Dispositiven der Macht« (Foucault) bewegen.

Ali Ziegler et. al. schauen sich das Konzept der Polyamory in ihrem Beitrag Does Monogamy Harm Women? Deconstructing Monogamy with a Feminist Lens aus einer feministischen Perspektive an. Auf Basis einer quantitativen Untersuchung fragen sich die Autorinnen, inwieweit Frauen in ihrer subjektiven Wahrnehmung von Eifersucht und Sexualleben von polyamorösen Beziehungen profitieren. Die Ergebnisse der Studien deuten dabei durchweg darauf hin, dass Monogamie existierende Gender-Unterschiede manifestiert und Polyamorie einen möglichen Ausweg aus dieser Manifestierung bieten.

Jennifer Rubin et. al. befassen sich in ihrem Beitrag On the Margins: Considering Diversity among Consensually Non-Monogamous Relationships mit dem Vorurteil, dass nicht-monogame Beziehungen (Consensual non-monogamy (CNM)) nahezu ausschließlich von einer demographisch homogenen Gruppe von Menschen gelebt werden. Dieses Vorurteil ist den Autorinnen zufolge zumindest teilweise auf bestimmte sampling Praktiken zurückzuführen. Dementsprechend weisen die Rubin et. al. darauf hin, dass besonders bei Forschungsvorhaben in Zusammenhang mit Sexualität auf sampling Effekte geachtet werden muss und klassische Wege der Datengenerierung häufig nicht zielführend sind.

Amy Moors et. al. untersuchen Unterschiede bei Gruppen mit alternativer sexueller Ausrichtung in Bezug auf deren Vorstellungen zu CNM. Der Titel ihres Beitrags It’s Not Just a Gay Male Thing: Sexual Minority Women and Men are Equally Attracted to Consensual Non-monogamy weist dabei schon auf eine erste Antwort hin. Besonders stellen die Autorinnen heraus, dass sexuelle Minoritäten jenseits Gruppen homosexueller Männer bisher wenig Beachtung gefunden haben. Dementsprechend erscheinen Vergleiche der verschiedenen Gruppen zunächst schwierig. Die von den Autorinnen durchgeführte Studie zu den Einstellungen nicht männlich-homosexueller Gruppen zu CNM deuten jedoch darauf hin, dass es sich hier, wie der Titel verspricht, nicht schlicht um ein Gay Male Thing handelt.

Herbert Csef, der klinische Praxis in seine konzeptionelle Durcharbeitung einbringen kann, sieht in ›Polyamory – ein Weg aus den Zwängen der Monogamie und destruktiver Eifersucht?‹ in dieser Beziehungsform ein Modell für die Zukunft: ›Die große Chance der Polyamory liegt darin, die Spielräume des Begehrens zu erweitern und freiere Formen der Liebe in Beziehungen zu ermöglichen: Freiheit und weniger Zwang – weniger Machtausübung, weniger Abhängigkeit und weniger Angst‹ , schreibt er. Dabei setzt er sich kritisch mit Gegenspielern dieser Möglichkeiten - den aus dem hegemonialen Zweierbeziehungsmodell hervorgegangenen mannigfaltigen Wirkkräften sowie der Eifersucht - auseinander.

Endnoten:

[*]

alles Frühjahr 2014. Ich bedanke mich für diese Hinweise beim Wiener Studierenden Christian Riedl, der das im Rahmen einer Prüfungsarbeit recherchiert hat. PM

Über die Autoren

Peter Mattes

Mitherausgeber des Journal für Psychologie seit Erscheinen 1992. Dr.phil., Dipl.Psych., lebt als Freier Wissenschaftler in Berlin und Wien. Bis 2004 arbeitete er an der Freien Universität Berlin im Arbeitsbereich Subjektforschung und Kritische Psychologie im Studiengang Psychologie, zuletzt (2013/14) lehrte er als Gast an der Universität Wien. Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind: Theorie und Geschichte der Psychologie, postmoderne und narrative Ansätze. Zahlreiche Veröffentlichungen zur neueren Geschichte der Psychologie, zu kritischer Psychologie und postmoderner Psychologie, er ist Mitherausgeber auch der Zeitschrift Psychologie und Gesellschaftskritik.

E-Mail: petermattes@aol.com

Martin Dege

Mitherausgeber des Journal für Psychologie, Dr. phil, MA Psych., Marie Curie Fellow am Zukunftskolleg der Universität Konstanz und Visiting Fellow am Political Science Department der Yale University. Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Narration, Selbst, Spätmoderne und Kapitalismus, Technikforschung, Digital Humanities.

E-Mail: martin.dege@yale.edu