Geduld, Zeiterleben und Zeitpraktiken

Professionelle Haltung in komplexen Veränderungsprozessen

Autor/innen

  • Bettina Siebert-Blaesing

DOI:

https://doi.org/10.30820/0942-2285-2026-1-177

Schlagworte:

Geduld, Zeiterleben, Zeitpraktiken, Veränderungsprozesse, Professionalität

Abstract

Zeit wird in professionellen Kontexten häufig als knappe Ressource und als strukturierende Größe organisationalen Handelns thematisiert. Der vorliegende Beitrag richtet den Fokus auf das Erleben und die Gestaltung von Zeit in professionellen Veränderungsprozessen. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern Geduld als professionelle Haltung verstanden werden kann, die den Umgang mit Unsicherheit, Ambivalenz und widersprüchlichen Zeitlogiken unterstützt. Der Beitrag entwickelt ein prozessuales Verständnis von Geduld, das diese nicht als personale Eigenschaft oder moralische Tugend, sondern als zeitlich situierte Kompetenz professionellen Handelns fasst. Auf der Grundlage theoretischer Überlegungen zu Zeiterleben, Zeitpraktiken und Selbstorganisation wird Geduld als aktive Form der Zeitgestaltung beschrieben. Sie ermöglicht es, Spannungen auszuhalten, Entscheidungsprozesse zu strukturieren und Übergänge zu begleiten, ohne vorschnell in Beschleunigung oder Entscheidungsvermeidung zu kippen. Empirisch stützt sich der Beitrag auf zwei qualitativ-rekonstruktive Fallvignetten aus Coachingund Führungskontexten. Die Analysen zeigen, dass Geduld weder Passivität noch bloße Resilienz ist, sondern eine anspruchsvolle professionelle Leistung, die Wahrnehmung strukturiert, Unterbrechungen legitimiert und tragfähige Entscheidungen unter Bedingungen von Unsicherheit unterstützt. Geduld erweist sich damit als kontextabhängige professionelle Haltung, die zwischen Warten und Handeln vermittelt und als Ressource professioneller Selbstorganisation in Veränderungsprozessen verstanden werden kann.

Autor/innen-Biografie

Bettina Siebert-Blaesing

Bettina Siebert-Blaesing, Dr. phil, ist Diplom-Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin (SG) und Supervisorin (DGSv). Sie promovierte 2021 in Erziehungswissenschaften an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt mit einer empirischen Arbeit zu Geduld als Ressource der Gesundheitsförderung junger Erwachsener im Einzelcoaching, die vom GBB e.V. mit einem Forschungspreis ausgezeichnet wurde. Sie war Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationalen Hochschule und ist in Lehre, Forschung und Beratung an Hochschulen sowie in interdisziplinären wissenschaftlichen Netzwerken tätig, darunter im Forum Synergetik - Selbstorganisation und Komplexität in den Sozial- und Humanwissenschaften. In Forschung und Praxis beschäftigt sie sich mit Geduld als Prozesskompetenz, Zeiterleben in Übergängen sowie professioneller Selbstorganisation in komplexen sozialen und organisationalen Kontexten. Ihre Arbeiten verbinden systemisch-synergetische Perspektiven mit Fragen professioneller Haltung, Führung und Gesundheit.
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Zitationsvorschlag

Siebert-Blaesing, Bettina. 2026. „Geduld, Zeiterleben Und Zeitpraktiken: Professionelle Haltung in Komplexen Veränderungsprozessen“. Journal für Psychologie 34 (1):177-86. https://doi.org/10.30820/0942-2285-2026-1-177.