Anstößige Bewegung, die kritisch denkt. Leichtigkeit und Gewicht in Alfred Lorenzers Sprachtheorie

Autor/innen

  • Manfred Buchner

Abstract

Dieser Beitrag untersucht Bedingungen für die Entfaltung des befreienden Potenzials von Sprache. Ausgangspunkt bildet die Seite des Subjekts, welches durch Sprache berührt und angesprochen wird, z.B. durch existentiell bedeutsame Leseerfahrungen. Diese für Sprachwirkung unerlässlichen Elemente von Bewegen und Anstoßen werden mit Hilfe einiger körperphilosophischer Metaphern Jean-Luc Nancys greifbarer zu machen versucht. In einem weiteren Schritt wird das kritische Potential von Sprache im Kontext von Öffnung und Weite sowie von spielerischer Verfügung über gesellschaftliche Bedingtheiten untersucht. Diesem Aspekt von Leichtigkeit wird jener von Schwerkraft und Gewicht gegenübergestellt. Dabei wird deutlich, dass sich Sprache auf irdische Konkretheiten, auf Materie, auf die Bedürfnisse und das Begehren der Körpers und auf Lebenspraxis beziehen muss, soll sich ihr großes Potential tatsächlich entfalten. Paradoxerweise zeichnet sich Sprache, die sich auf Freiheit hinbewegt und die nicht Manipulation, Hetze und ideologischer Verengung dient, durch Bezüge auf solche materielle und körpernahe Diesseitigkeiten und Begrenztheiten aus. Lorenzers Sprachtheorie ermöglicht es, diese Facetten möglichst unverkürzt zusammen zu denken. Das Irdische und Materielle finden hier Eingang vor allem über die Vermittlung und Weiterentwicklung von Freuds Psychoanalyse und Marx‹ historischem Materialismus. Lorenzer stellt den psychoanalytischen Prozess in einen Kontext von Sprachzerstörung und Rekonstruktion, wobei sich das Sprechen im therapeutischen Setting letztlich immer auf Lebenspraxis und Sprachgemeinschaft bezieht. Abschließend werden hierzu zwei Illustrationen aus dem Feld einer psychoanalytisch inspirierten Sozialwissenschaft vorgestellt: Zum einen eine Annährung an kommerzielle Inszenierungen rund um Shopping Malls und neue Konsumwelten, zum anderen eine eigene Leseerfahrung mit literarischer Prosa des Schriftstellers Thomas Bernhard. Schlagwörter: kritische Theorie, Psychoanalyse, Sprachtheorie, Körperphilosophie, Gestaltpsychologie, Totalitarismuskritik, Medien und Werbung, tiefenhermeneutische Literaturanalyse

Veröffentlicht

22.02.2012

Zitationsvorschlag

Buchner, M. (2012). Anstößige Bewegung, die kritisch denkt. Leichtigkeit und Gewicht in Alfred Lorenzers Sprachtheorie. Journal für Psychologie, 19(1). Abgerufen von https://journal-fuer-psychologie.de/article/view/15